20.03.2017

[Rezi] Erich Maria Remarque - Im Westen nichts Neues







Erscheinungsjahr: 2014 (Erstausgabe 1929)
Genre: Kriegsroman
Seitenzahl: 336








"Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden, dass diese Kerker der Qualen von Hunderttausenden existieren."

Solche Worte, die den Krieg als einen Schrecken ohnegleichen und vor allem ohne Sinn darstellen, ausgesprochen oder gedacht von einem jungen Soldaten direkt an der deutschen Westfront des ersten Weltkrieges, ließen dieses Buch berechtigterweise nicht nur zu einem Weltbestseller, sondern auch zu dem Anti-Kriegs-Buch schlechthin werden. Inwieweit dies vom Autor beabsichtigt war oder nicht, kann und will ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Mir geht es um die Geschichte und um die Bilder, die der Roman von einem Krieg zeichnet, der so blutrünstig und so sinnlos ist wie jeder andere Krieg auch - und die deshalb leider nicht an Aktualität verloren haben.

Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der junge Soldat Paul Bäumer, dessen analytischer Scharfsinn ihm nicht nur erlaubt, die individuelle Situation der einzelnen Soldaten in das grausige Gesamtkonzept des Krieges einzuordnen, sondern der auch auf ernüchternde und zynische Art und Weise lernen muss, dass der Krieg alle Überlebenden trotzdem niemals wirklich verlassen kann.
Rücksichtlos und ungeschönt schildert Bäumer, was er auf dem Schlachtfeld sieht: zerfetze Körper, mit dem Tode ringende Männer und einem völligen, von Resignation durchdrungenem Zynismus, an den sich die Überlebenden klammern müssen, um nicht vollkommen den Verstand zu verlieren. Doch nicht jeder aus der Mannschaft hält dem Druck der stetigen Geschosse und Gefahren stand. Manch einer bekommt einen Panikanfall und gibt seinem Fluchtinstinkt nach - inmitten der Schlacht, ohne Deckung. Nicht, dass solche Tode wesentlich unnötiger und tragischer sind als alle anderen verlorenen Leben in einem Krieg. Aber es verdeutlicht sehr eindringlich, wie die Lage innerhalb einer Einheit eskalieren kann, weil aus kontrollierten Soldaten hemmungslose, ihren Instinkten folgenden Menschen werden.

Bäumer sammelt um sich eine lustige Gruppe von Männern - teilweise aus alten Schulkameraden und teilweise aus alten, gewieften Haudegen. Diese Gruppe stellt eine Art Familie dar - eine Familie, aus der jeden Tag, jede Sekunde ein Mitglied gerissen werden kann, ohne dass jemand aktiv etwas daran zu ändern vermag. So gibt es nicht nur einen Kameraden, dem Bäumer beim Sterben beisteht. Und danach weitermacht, als wäre nichts geschehen. Denn die Front muss immer noch verteidigt werden. 

Besonders einprägsam für mich in diesem Buch war die offene Kritik an den Regierungs- und Staatsoberhäuptern, die diesen Krieg provoziert und angeordnet haben. Sie befehlen den Krieg, aber sie führen ihn nicht. Auf dem Feld stehen Familienväter, die bei ihren Kindern sein sollten, Bauern, die besser bei ihren Milchkühen wären, Handwerker, die gerade eigentlich Möbel zusammenschrauben sollten und vor allem junge Männer, fast noch Kinder, die hinter der Schulbank so viel besser aufgehoben wären als hinter einem Bajonett.
Was tut der Krieg gerade mit diesen Menschen? Die, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten und zu keiner eigenen Familie, keinem festen Beruf und keiner wirklichen Stabilität zurückkehren können, sollten sie den Krieg überleben? Die Antwort findet Bäumer während seines Heimaturlaubs: sie verzweifeln. Sie können nichts anderes als Krieg führen, haben vom Leben nichts anderes kennengelernt als den Tod. Wie kann da irgendetwas aus einem alltäglichen Leben von Bedeutung sein?

Ein Krieg hinterlässt neben körperlichen Wunden auch seelische. Ich denke, diese Tatsache ist jedem bewusst. Diese seelischen Verstümmelungen so eindringlich beschrieben zu lesen (mit Informationen aus erster Hand, denn Remarque selbst diente tatsächlich ähnlich wie sein Protagonist im 1. Weltkrieg), hat mich aber noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise erschüttert. Auch, wenn die Kriege heutzutage immer weniger im Mann-gegen-Mann-Kampf geführt werden, sind es dennoch weiterhin Menschen, die als Kanonenfutter sterben, um einigen wenigen bei ihren größtenwahnsinnigen Ideen nach mehr Macht den Weg zu ebnen. Gerade wegen dieser ungebrochenen Aktualität hat mich die Lektüre sehr mitgenommen - aber das spricht durch und durch für das Buch. Keine leichte Kost. Aber absolut lesenswert.

19.03.2017

[Gerede] Oh kostbare Zeit!

Zeit ist Geld und Geld ist knapp. Gemäß dieser Logik ist auch Zeit ein wertvolles Gut. Eines, das man investieren kann, das einem durch die Finger rinnt, das man verlieren oder gewinnen kann.
Wenn man einmal darüber nachdenkt, sind diese Metaphern, mit denen das abstrakte Konzept von Zeit greifbar gemacht werden soll, eigentlich eine Art Handlungsanweisung, wie mit der Zeit umzugehen ist. Nämlich ähnlich wie mit Geld: clever anlegen, um mehr zu bekommen. Sparen, um möglichst viel dafür zu kriegen. Und bloß nicht dekadent verschwenden!
Aber da Zeit für ein kurzes Menschenleben vielleicht so wertvoll erscheint wie Geld, hat sie nun einmal leider ansonsten nicht viel mit diesem Zahlungsmittel gemein. Unter anderem auch das nicht: man kann Zeit nicht sparen. Egal, wie oft diverse Redewendungen diese Tatsache zu leugnen versuchen: Zeit ist vielleicht ein kompliziertes Konstrukt, aber wenn etwas sicher ist, dann, dass sie vergeht. Unaufhaltsam, uneinholbar und unwiederbringlich.

Bei meinen Überlegungen zu Hobbys und die Zeit, die man damit verbringt, wurde mit bewusst, wie kapitalismuisgeprägt die allgemeine Vorstellung von Zeit ist. Und das vermutlich nicht erst, seit Benjamin Franklin 1748 mit dem bis heute beliebten und eingangs zitierten Ausspruch daherkam: "Zeit ist Geld".
Diese Aussage erschien abgedruckt in Franklins Tippsammlung "Ratschläge für junge Kaufleute", und als bekennender Bücherwurm fiel mir beim Nachdenken darüber ein anderes Buch ein, in dem sich eine der Figuren ebenfalls mit dem Thema Zeit befasst. Es handelt sich dabei um Frank Schätzings "Der Schwarm" (ein ohnehin absolut grandioses Buch♥) und um eine Feststellung einer sehr weisen Person:


Wir opfern keine Zeit. Wir behalten sie [...]. Wenn du einen Umweg fährst, findet dein Leben trotzdem statt. Keine Zeit ist verloren.


Das Warten auf etwas oder das Nicht-Eintreten ist nach dieser Einstellung keine verlorene Zeit, weil man Zeit von vorne herein überhaupt nicht besitzt. Sie ist da und man selbst ist da und was passiert, passiert.
Ich finde, das ist ein unwahrscheinlich beruhigender Gedanke. Diese Sichtweise ist nicht nur entschleunigend, sie befreit auch von dem Druck, das unbedingt alles nach einem gewissen (Zeit-)Plan abzulaufen hat. Natürlich nimmt sie nicht die Verantwortung von einem, die Zeit, die man hat, bewusst zu gestalten. Darum geht ist mir ja auch: ich will mein Leben füllen mit Erfahrungen, Erinnerungen und kleinen Abenteuern. Aber wenn diese Abenteuer darin bestehen, nachts um 3 Uhr zum nächsten McDonald's zu fahren und auf dem Parkplatz dort mit jemandem Pommes zu essen und über die Welt zu philosophieren, dann ist diese Zeit genauso viel wert wie die der Packpacker in Peru, die gerade Cevice in sich reinstopfen. Einfach, weil in dieser Zeit das Leben stattfindet. Auch, wenn es nicht für ein ominöses Außergewöhnliches genutzt wurde.

Es gibt momentan diesen Optimierungs-Trend. Immer muss alles in der bestmöglichen Version da sein. Der eigene Körper, die eigene Persönlichkeit, die Persönlichkeit der Freunde, die Karriere, die Familienplanung, das Auslandsjahr, die Freizeitgestaltung. Alles perfekt. Und mir suggerieren immer mehr Medien, dass ich meine Zeit verschwende, wenn ich nicht irgendetwas in meinem Leben optimiere. Es gibt schließlich immer was zu tun, und das bezieht sich nicht nur auf Baumärkte. 
Aber ich verschwende meine Zeit nicht, wenn ich an einem verregneten Sonntag einen Blogpost schreibe, den vielleicht 8 Leute lesen und der auf einer nicht optimal optimiert gestalteten Internetseite erscheint, weil dort das Design laienhaft und SEO vollkommen irrelevant ist. Ich habe dann keine Zeit geopfert, in der ich hätte Bewerbungen schreiben können. Oder meine Dissertation. Ich habe auch keine Zeit verschwendet oder verloren. Die Zeit war ja trotzdem da. Und mein Leben auch. 

Natürlich ist Zeit kostbar. Aber es ist eine andere Art von Kostbarkeit als Diamanten oder Geld. Man kann sich nicht damit schmücken, sie nicht wegschließen und nicht verschenken. Niemand besitzt Zeit. Aber jeder hat eine gewisse Zeitspanne innerhalb der Geschichte, während der er existiert. Und das kann entspannt sein oder stressig. Wenn optimale Zeitnutzung bedeutet, sich permanent zu stressen, dann lasse ich das mit dem Optimieren lieber, setze mich mit einem Tee auf das Sofa und schaue der Zeit beim verstreichen zu.

12.02.2017

[Rezi] Michel Houellebecq - Unterwerfung

Erscheinungsjahr: 2015
Originaltitel: Soumission
Genre: Dystopie
Seitenzahl: 272


Teaser:
Als ich wieder an der Fakultät war, um meine Kurse abzuhalten, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass etwas passieren könnte, dass das politische System, in das ich seit meiner Kindheit hineingewachsen war und das seit einiger Zeit spürbare Risse bekam, mit einem Schlag zu zerspringen drohte.


Handlung
In ein paar wenigen Jahren werden die Wahlen in Frankreich nicht mehr von der rechtsextremen Partei Front National und den liberalen und konservativen restlichen Parteien entschieden, sondern es wird noch eine entscheidende weitere Strömung ins politische Feld eingetreten sein: in Form des Politkers Mohamed Ben Abbes tritt erstmals eine muslimische Partei auf die Bühne. Diese scharrt immer mehr Anhänger um sich und schafft es schließlich als Staatspräsident an die Regierungsspitze gewählt zu werden. So werden zum Teil sukzessiv und zum Teil rasant und offensichtlich nicht nur die westeuropäisch etablierte Staatsorganisation, sondern auch die gesellschaftlichen Werte, auf denen diese aufbaut, umgeworfen und umstrukturiert.

Meine Meinung
Dieser Roman hat hohe Wellen geschlagen - verständlich, scheint er doch die Befürchtungen der "besorgten Bürger" europaweit in einem Szenario auf die Spitze zu treiben. So oberflächlich sollte man dieses Werk aber nicht betrachten. Es handelt sich nicht um einen negativen Zukunftsentwurf, der vor einer möglichen Islamisierung warnt, sondern vielmehr um eine Abrechnung mit der gesamten Gesellschaft - vorrangig mit der intellektuellen Elite eines Landes - und der politischen Parteienlandschaft von links nach rechts. Es würde dem Roman nicht gerecht werden, würde man ihn Wort für Wort lesen und verstehen wollen. Der ironische Unterton, der ihn zu einer - zugegeben wenig komischen - Satire macht, ist zwar sehr zart, aber definitiv vorhanden und muss entsprechend verhandelt werden.

Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der Literaturwissenschaftsprofessor François. Er lehrt an der Universität Paris-Sarbonne und betrachtet seine Arbeit, sein Leben und die politischen Entwicklungen stets auf die gleiche kühle und zynische Art. Obwohl er noch relativ jung und in diesen ominösen besten Jahren ist, ist er sehr ernüchtert und resigniert. Seine wissenschaftliche Karriere empfindet er als mittelmäßig, sein Liebesleben als Sackgasse - weil es halt auch hauptsächlich aus Affären mit seine Studentinnen besteht - und die politische Situation betrachtet er sowieso äußerst skeptisch. Aber weniger aus Besorgnis um die Gesellschaft, sondern aus reinem Egoismus. Wegen des Aufstiegs der muslimischen Partei zieht die Familie seiner aktuellen Liebschaft nach Israel, weil es schwierig für alle Menschen mit jüdischem Glauben wird. Außerdem wird er seiner Lehrtätigkeit enthoben - wie alle Frauen und nicht muslimischen Lehrenden.

Es ist eine sehr bedrohlich wirkende Zeit, in der die etablierten Werte auf dem Prüfstand stehen. Aber niemand scheint bereit, sich aus seiner Bequemlichkeit zu erheben und sich gegen die neuen Machthaber zu stellen. So konnte zwar der rechte Extremismus abgewandt werden, aber nur zum Preis eines religiös geleiteten Staates, der eine gemäßigte Form der Scharia einführt, das Patriarchat etabliert und insgesamt einen riesigen Rückschritt bedeutet. Doch gerade die Eliten bestehen aus Opportunisten, die sich lieber arrangieren. So auch unser Protagonist, der plötzlich gar nicht mehr so viel gegen Polygamie einzuwenden hat und sich durchaus in der Lage sieht, zum Islam zu konvertieren, wenn er dafür seine Anstellung an der islamischen Universität Paris Sarbonne wieder zurück bekommt.

Was ich auch noch wirklich spannend fand und durchaus den negativen Ton etwas relativierend, war die Bedeutung der Literatur in diesem Buch. Für den Protagonisten ist sie ein Spiegel der Gesellschaft, er zieht die Romane des Autors, auf den er sich in seiner Forschung spezialisiert hat, oft zu Rate und erhofft sich dadurch Antworten für seine eigenen Probleme. Und so sollte auch "Unterwerfung" betrachtet werden: Es geht in dem Roman nicht darum, eine Wahrheit darzustellen oder Zukunftsprognosen zu geben. Er will Tendenzen auf die Spitze treiben - aber meiner Meinung nach nicht unbedingt die Tendenzen einer islamisierten Gesellschaft, sondern die Tendenz der westlichen Bevölkerung und vor allem der Intellektuellen zur Resignation und zur Apathie. Es ist provokant, diesen Spiegel von einer muslimischen Machtposition umrahmen zu lassen, aber genau diese Provokation löste die enorme Diskussion aus - über den Roman und damit auch über die Gesellschaft. Dennoch beantwortet der Roman die großen Fragen, die er aufwirft nicht - und welche wirklich großen Romane tun das schon? Am Ende geht es auch ihm darum, sich weder für eine rechtsextreme noch für eine islamisierte Seite instrumentalisieren zu lassen, sondern die errungenen Rechte von freier Meinungsäußerung und individueller, gleichberechtigter Entfaltung zu bewahren.


05.02.2017

[Gerede] Ausflug aus Prinzip

Früher, als ich noch ein kleines Kind war - was nun unleugbar schon einige Jährchen her ist - gab es manchmal einen ganz besonderen Ausflug. Da luden unsere Eltern meine Schwester und mich ins Auto ein und führen eine für den Sonntag ungewöhnliche Strecke. Es ging nämlich nirgendwo anders hin, als zum Gebäude unserer Grundschule. Vor und in diesem hallte unter der Woche an jeder Wand mal fröhliches und mal nicht so fröhliches Kindergeplärr wider, aber an diesen Tagen war es still geworden. Still, aber nicht leer. Denn obwohl es Sonntag war, standen auf dem kleinen Lehrerparkplatz überall Autos herum und kleine Grüppchen von Erwachsenen standen verstreut zusammen und beredeten anscheinend wichtige Dinge.
Sicher kennt ihr das Gefühl, das einem ein leeres Gebäude vermittelt, das eigentlich nicht zum Leer-Sein erbaut wurde. Ein Schulhaus muss voll sein. Voller quirliger Kinder, voller motivierter Lehrer, voller Menschen, die diesen Raum gestalten. Und wenn sich ein solches Gebäude dann ohne all diese Menschen präsentiert, durchschreitet man es irgendwie anders als gewohnt. Andächtiger. Und demütiger. Genauso ging es mir früher an diesen speziellen Sonntagen. Vor allem, weil ich spürte, dass die Erwachsenen hier etwas tun, was Andacht und Demut durchaus verdient hat. Neugierig sah ich dabei zu, wie meine Eltern nacheinander mit seltsamen Zetteln hinter einer Pappwand verschwanden, kurze Zeit später wieder auftauchten und die Zettel in den von unserem Dorfvorsteher (oder so etwas in der Art) bewachten Box warfen. Ich sah diesem Prozedere zu und lauschte danach den Gesprächen, die die Erwachsenen führten. Ob jetzt vielleicht endlich der Spielplatz saniert werden würde. Oder ob der Müller Fritz mit dem unvorteilhaften Wahlplakat überhaupt eine Chance hat, genug Stimmen zu bekommen. So in der Art. Natürlich waren diese Unterhaltungen für eine 7-jährige nicht so spannend wie mit den anderen Kindern auf dem so ungewohnt freien Pausenhof Nachlaufen zu spielen. Aber ich habe sie nicht vergessen. Auch, wenn das anschließende Eisessen noch ein bisschen präsenter in meiner Erinnerung vertreten ist.
Später, als ich dann ein Gespür und ein Interesse für Politik entwickelte, haben wir aus den Wahlsonntagen zwar keine Familienausflüge mehr gemacht. Aber ich beobachtete weiterhin, wie meine Eltern loszogen und nach einer halben Stunde wieder zurückkamen - und ganz nebenbei ihre Stimme abgegeben haben, mit der sie die Lenkung des Kreises, der Stadt, des Bundeslandes oder des Landes in dem sie leben, etwas mitbestimmt haben. Vielleicht waren sie nicht völlig überzeugt von ihrer Wahl, vielleicht empfanden auch sie eine gewisse Ohnmacht angesichts der Politik, vielleicht war auch für sie das Aufraffen zum Wahllokal eine lästige Bürde. Aber diese Ausflüge wurden nie in Frage gestellt. Es sind Wahlen, also wird gewählt.

Natürlich stand außer Frage, was meine erste Amtshandlung sein würde, wenn ich endlich volljährig und auch in diesem auserlesenen Kreis der Wähler aufgenommen war. Zufällig war mein erstes Jahr als vollmündige Bürgerin auch ein Superwahljahr. Bundestag, Europaparlament und auch noch der Landtag wurden gewählt - ganze dreimal durfte ich meine Stimme abgeben. Und jedes mal, wenn ich nach außen hin lässig die Zettel in die Box fallen lies, die immernoch in der Grundschule stand und immernoch von dem selben Mann beaufsichtigt wurde, spürte ich wieder dieses Gefühl von Demut. Denn auch, wenn meine Stimme alleine nichts bewirkt, niemanden beeindruckt und für sich genommen völlig irrelevant ist, so ist sie doch ein Zeichen, das ich gesetzt habe. Dafür, in welcher Gesellschaft ich leben will, welche Werte ich vertrete und vertreten sehen will und dafür, dass ich akzeptiert habe, Teil einer Demokratie zu sein.

Angesichts des Wahljahres 2017 und den Dingen, die in letzter Zeit bei einigen Wahlen - auch dank Protest-Nichtwählern - so herausgekommen sind, wünschte ich, mehr Leute wären wie meine Eltern. Die nicht in Frage stellen, dass gewählt werden muss. Die sich nicht von einer Politikverdrossenheit übermannen lassen, und die halt einfach wählen gehen, weil man gar nicht anders kann.
Jeder, der in einer Gesellschaft leben möchte, die auf Gleichheit, Gerechtigkeit und Toleranz basiert, muss wählen. Wer nicht wählt, wacht mit dem Brexit auf. Wer nicht wählt, wacht mit Trump auf. Wer nicht wählt, überlässt die Wahl und das Feld einer Bewegung, die mich nicht nur maßlos schockiert, sondern auch sehr beunruhigt. Und da ist so ein kleiner sonntäglicher Ausflug wirklich kein großer Aufwand. Aber eine große Sache.

29.01.2017

[Gerede] Warum ein Hobby kein Zeitfresser ist

"Wie schaffst du es nur, dreimal die Woche zum Sport zu gehen und nebenbei auch noch Mützen zu häkeln? Ich habe neben dem Job und dem Studium gar keine Zeit, mich auch noch mit sowas zu beschäftigen."

Solche und ähnliche Unterhaltungen führe ich seit Jahren recht oft. Anfangs haben sie mich verwirrt und mein Zeitmanagement in Frage stellen lassen. Es stimmt, ich könnte wirklich etwas mehr Zeit ins Studium investieren, anstatt jetzt schon wieder an dem Schal für Oma weiterzuarbeiten. Und sollte ich wirklich zum Training gehen, oder doch lieber dieses Essay zu Ende schreiben? Außerdem sieht das Sofa auch wirklich einladend und gemütlich aus. - Vermutlich muss ich euch nicht erst sagen, dass ich mich in 90% der Fälle gegen die Arbeit (und auch gegen das Sofa!) und für die Freizeitaktivität entscheide. 
Trotzdem hatte ich nie oder nur sehr selten das Gefühl, meine Hobbys hätten mir Zeit gestohlen. Im Gegenteil - sie haben mir Zeit geschenkt. Mittlerweile bin ich nämlich zu dem Schluss gekommen, dass es nicht egal ist, wie man seine freie Zeit verbringt. Es ist ein großer Unterschied, ob man nach Feierabend immer nur auf der Couch liegt und sich bei Netflix bis zum Schlafengehen Serien reinzieht, oder ob man sich noch mit etwas beschäftigt, woran das eigene Herz hängt. Hat man so eine Beschäftigung gefunden und schafft sich einen Zeitrahmen, in dem man sich damit beschäftigen kann, dann ist in dieser Zeit keine "Entspannungszeit" verloren, sondern "Motivationszeit" gewonnen.

Wichtig dabei ist die Definition von Hobby. Pflichtschuldig müsste ich jetzt vermutlich diverse Nachschlagewerke zu Rate ziehen und eine spannende Wortgeschichte präsentieren. Aber da mir diese sowieso relativ egal ist, spare ich mir die Arbeit und komme gleich zu meiner eigenen Definition. Diese schließt nämlich alles, was nur aus Input aufnehmen, besteht aus. Fernsehen, in gewissem Maße auch Lesen oder im Internet surfen. Auch, wenn ich all diese Beschäftigungen sehr liebe und (vor allem natürlich Lesen) als adäquate Freizeitgestaltung akzeptiere, ist ein richtiges Hobby für mich etwas mit Output. Es ist egal, um welches Output es sich handelt, aber man muss Energie, Zeit und Herz investieren. Um etwas zu erschaffen. Etwas zu erreichen. Etwas zu erlernen.
Geistige und/oder körperliche Arbeit plus Leidenschaft sind für mich die beiden Bestandteile eines Hobbys. Aktiv etwas tun müssen und wollen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, das ist es, was ein Hobby ausmacht. Dabei kann es sich um einen Review-Blog handeln (dann schaut man Filme und liest Bücher eben doch ganz anders als sich stumpf berieseln zu lassen, weil man schließlich selbst etwas daraus  produzieren möchte), um Kochen, um irgendeinen Sport, um eine neu zu lernende Sprache, um handwerkliches, um Technik, egal um was. Hauptsache, man erhebt sich vom Sofa, arbeitet, scheitert, lernt und schafft sich persönliche Erfolgserlebnisse.

Das klingt jetzt alles schon ziemlich anstrengend. Ist es unter Umständen auch. Aber es ist eine ganz andere Art der Anstrengung als sie beim Job oder bei der Schule gefordert wird. Es ist eine motivierende und vor allem ausgleichende Anstrengung. Dieses Paradoxon wirkt vielleicht etwas befremdlich. Aber wenn man für etwas wirklich brennt und es schafft, zu gewissen Zeiten seine volle Konzentration darauf zu richten und in eine Art Flow zu rutschen, schaltet man alle anderen Aspekte des Lebens temporär aus - die nervigen Kollegen, der stressige Job, das blöde Essen mit der Schwiegermutter, alles ist für eine oder zwei Stunden egal.
So gesehen sind Hobbys nicht nur bereichernd, sondern auch wirklich entspannend. Viel entspannender als der abendliche Fernsehmarathon, bei dem im Hinterkopf doch alle Probleme dauerpräsent sind und weiterhin an einem nagen. Wobei ich natürlich gegen den einen oder anderen Fernsehmarathon auch nichts einzuwenden habe - es ist alle eine Frage der Balance. 

In meine Hobbies stecke ich viel Zeit, das stimmt. Aber eigentlich kriege ich dadurch Zeit zurück. Ich bin (meistens) ausgeglichen, freue mich auf meinen Alltag und kann gut mit Stress umgehen. Eben weil ich weiß, wie ich abschalten kann. Ohne meine Hobbys wäre mein Leben wesentlich stressiger - obwohl ich öfter auf dem Sofa liegen könnte.