18.10.2017

Der Jane Austen Club (2007)

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Echte Jane-Austen-Liebhaber wissen: Ihre Romane enthalten mehr als nur fesselnde Geschichten und interessante Charaktere. Die Figuren, die Jane Austen entworfen hat, sind vielfältig; charmante, hinterlistige, liebenswerte, verschlagene oder einfach komplette Hohlbrote treten in den unterschiedlichsten Konstellationen auf und machen aus jeder Handlung etwas ganz besonderes. Und die Handlungen selbst sind - wenn man hinter das Standartschema des Settings blickt - so facettenreich, dass es viele verschiedene Lesarten gibt. Man kann sich auf die Beziehungsgeflechte fokussieren und eine herzzerreißende Liebesgeschichte lesen. Oder man setzt die starken Frauencharaktere in den Kontext der Zeit und bewundert die Geschichten als emanzipatorischen Akt. Oder, oder, oder.

Dank dieser vielen "oders" hat der Jane Austen Club einiges zu diskutieren. Die Besetzung ist handverlesen und besteht nur aus eingefleischten Lesern Jane Austens und solchen, die es werden wollen. Jocelyn höchstpersönlich hat die Gruppe zusammengestellt, die sich nun monatlich in bei einem anderen Mitglied trifft, um jeweils ein anderes Buch der geliebten Autorin durchzusprechen. Dabei könnte die Lesetruppe heterogener nicht sein: da hätten wir die frisch getrennte Hausfrau und deren künstlerisch und handwerklich sehr begabte Tochter, die nach Außen hin recht aggressiv ihre Homosexualität postuliert. Diese beiden treffen zusammen mit einer jungen, unsicheren Lehrerin, einer lebenserfahrenen Romantikerin und einem charmanten Science-Fiction-Fan - selbiger ist auch das einzige männliche Mitglied des Leseclubs. Jocelyn selbst ist eine unabhängige und selbstständige Frau, die sich in der Hundezucht einen Namen gemacht hat.
So verschieden sie alle auch sein mögen, verbindet sie doch das Interesse und die Leidenschaft für Jane Austens Werke. Daher gibt es natürlich viel zu besprechen.

Diese Besprechungen nehmen einen nicht unerheblichen Teil der Geschichte ein, stehen aber dennoch in einem harmonischen Verhältnis zur eigentlichen Handlung.
In der müssen alle Charaktere durch die eine oder andere emotionale Konfliktsituation, sodass erstens der Lesekreis langsam auch zu einem Freundeskreis zusammenwächst und zweitens die Figuren nicht so rollenstereotypisch wie am Anfang dargestellt bleiben, sondern alle eine Entwicklung durchmachen und gewissermaßen mit Hilfe von Jane Austens Romanen und des Lesekreises wachsen.
Diese Idee finde ich sehr sehr schön, auch wenn die Story an sich nicht besonders komplex gehalten ist. Dennoch ist sie gut geschrieben - locker und flüssig - und mit schön ausgearbeiteten Figuren bestückt. Für mich war es eine ideale Urlaubslektüre, die sowohl leicht zu lesen als auch für erneute Austen-Lektüren sehr anregend ist. Da sich inhaltlich sehr stark mit den Werken der Autorin auseinandergesetzt wird, bringt dieses Buch wohl umso mehr Spaß, je besser man die behandelten Werke kennt. Dennoch ist es nicht nur für Jane-Austen-Kenner empfehlenswert, sondern auch für solche, die es werden wollen! 

11.10.2017

Von Asketen, Buddah und Minimalismus

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Es ist ja schon ein wenig länger her, dass überall auf Youtube und auch in der Bloggerwelt eine asketenähnliche Bewegung um sich gegriffen hat, die ein Zeichen gegen die kapitalismusgeprägte Konsumgesellschaft setzten möchte, indem sie auf alles vermeintlich Unnötige verzichtet.
Um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, platzieren sich verschiedene Leute in der Mitte ihres ausgebreiteten Krimskrams und misten diesen nach dem Marie-Kondo-Prinzip aus. Ohne dem Kind einen Namen zu geben und sich einfach ohne großen Aufriss von einem wenig bis gar nicht genutzten Eigentum zu trennen, scheint in dieser profilierungsorientierten Welt nicht möglich zu sein. Daher rühren vermutlich auch die unterschiedlichen Level an gelebtem Minimalismus. Manche werfen bloß die Hälfte ihrer 30 Mascaras in die Tonne und fühlen sich gleich viel leichter und dem Konsum enthoben. Andere empfinden allein die Anwesenheit eines Bettgestells noch so erdrückt, dass sie dieses lieber auch gleich wegrationalisieren und auf einer  ausgebreiteten Rollmatratze schlafen. Ob ihr Rücken in zehn Jahren darüber auch so glücklich sein wird wie jetzt ihre entrümpelte Psyche, wage ich zu bezweifeln.

Nun habe ich ja wirklich nichts gegen das Ausmisten an sich. Im Gegenteil - nicht fühlt sich befreiender an, als Zeug, das man sowieso nicht braucht/benutzt/mag/etc. zusammenzupacken und aus seinem Leben zu entfernen. Ob durch wegwerfen, verschenken oder verkaufen - daran sehe ich absolut nichts problematisches. Ich selbst mache ungefähr alle zwei Jahre eine Ausmist-Großaktion und fühle mich danach ebenfalls federleicht und ausgemistet. Bloß das Lebenskonzept des bewussten Verzichts auf quasi alles stimmt mich etwas skeptisch. Vor allem, wenn man vorher massenweise Klamotten erstmal weggeben oder im schlimmsten Fall wegwerfen muss. Nicht nur, dass dabei der Grundgedanke des Minimalismus durch diese Verschwendung par excellence ziemlich ad absurdum geführt wird, sollte man sich vielleicht vorher fragen, warum man überhaupt den Drang verspürt hat, soviel zu kaufen und zu horten. Wenn man dieses Problem nicht an der Wurzel packt, steht man spätestens beim nächsten Modetrend oder bei der übernächsten Limited Edition eines beliebigen Make-Up-Herstellers doch wieder voll bepackt an der Kasse.

Aber nehmen wir mal an, jemand startet schon mit einem sehr reduzierten Kleiderschrank aus 20 Einzelteilen in das neue Lebensprinzip - was ist eigentlich mit den praktischen Aspekten der Haushaltsführung? Wie wird die Waschmaschine voll und habe ich dann mal zwei Tage nichts zum Anziehen, weil alles, was ich besitze, auf dem Wäscheständer hängt? Oder wasche ich nur mit halber Füllung und verschwende Strom, Wasser und irgendwie auch Zeit? Und sieht man sich nicht furchtbar schnell satt, wenn man nur fünf T-Shirts zur Auswahl hat? Das Tolle an Mode ist doch die Möglichkeit der Variation, der vielen Ausdrucksmöglichkeiten! Und wenn ich ein Kleid nur einmal alle zwei Jahre trage, weil ich mich zwischendrin nicht danach fühle, warum sollte ich es wegwerfen? Weil mir irgendjemand aus dem Internet sagt, alles was man ein Jahr nicht getragen hat, zieht man sowieso nie wieder an? Was wäre, wenn meine Mutter vor 20 Jahren alle Klamotten aus den 90ern weggeworfen hätte? Was ich jetzt alles durch Auftragen an Geld spare, kann ein Minimalist nie wieder einholen, selbst wenn er nur ein Trend-Teil pro Saison im Kleiderschrank duldet. Lieber darf ein Kleidungsstück ein wenig den Schrank hüten, als dass ich mir später irgendwann ein neues ähnliches Teil zulegen muss. 

Außerdem hänge ich an meinen Sachen. Viele selbsternannte Minimalisten fotografieren Gegenstände mit für sie sentimentalem Wert ja ganz gerne ab, bevor sie diese in die Tonne kloppen. Was bedeutet, ein Großteil ihres Lebens ist im Grunde ein digitaler Datenhaufen in irgendeiner Cloud oder auf einer Festlatte.
Bei allem Fortschrittsglauben. Das möchte ich nicht. Ich möchte, dass mein Zuhause eine Geschichte erzählt - das Kuscheltier meiner Kindheit so sehr wie meine ersten Tanzschuhe, das Abi-Shirt, die Ohrringe aus Marseille oder der Fächer aus Barcelona. Daran hängen Anekdoten, Erinnerungen und Erlebnisse. Gäste sollen sich bei mir umschauen und fragen können, aus welchem Buchladen in London ich diese Ausgabe von George Orwells "1984" erstanden habe und nicht eine angebliche Bewunderung darüber ausdrücken, dass sich in meinem Wohnzimmer kein belastendes Sofa befindet.

Wie im Buddhismus der mittlere Pfad der edle Pfad ist, bin auch ich eine Verfechterin der Mitte. Man braucht kein Messi zu sein, der sich nicht von keiner Aldi-Tüte trennen kann. Aber dieses Asketentum der Minimalisten ist nur die andere Seite der Medaille und daher ebenfalls einen kritischen Blick wert.

03.10.2017

Büchernostalgie. Von Traummalerei und Waldschraten

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Bei einem etwas längeren Besuch bei meinen Eltern sind mir zufällig einige Bücher in die Hände gefallen, die ich als Kind immer und immer wieder gelesen habe. So oft und so gerne, dass diese Bücher mittlerweile nicht nur fast auseinanderfallen, sondern ich sie im Grunde auswendig aufsagen konnte - und das zum Leidwesen meiner Familie auch oft und gerne getan habe.

Vor allem an die Bücher von Paul Maar erinnere ich mich mit am liebsten. Wer kennt nicht sein kleines, freches und dennoch charmantes Sams? Aber auch, wenn dieses knuddelige Wünscheerfüllwesen Paul Maars bekannteste Schöpfung ist, war früher mein absolutes Lieblingsbuch doch "Lippels Traum". Als ich in der dritten Klasse war, bekam ich dieses Buch geschenkt und habe es gleich danach und viele weitere Male regelrecht verschlungen. Sei es, weil der Protagonist darin ein lesesüchtiger und traumtänzerischer Junge ist, oder weil Paul Maar so wunderbar einfühlsam und kindgerecht schrieb und ich mich einfach komplett verstanden fühlte. Denn genau wie Lippel auch habe ich oft mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke bis in die Abendstunden in dem Buch gelesen; immer wieder fasziniert von der Kreativität des Buches. Grob gesagt geht es darum, dass Lippel - eigentlich Phillipp, aber so wird er nie genannt - jede Nacht das Gleiche träumt. Aber es ist nicht irgendein Traum, es ist vielmehr eine Geschichte, die jede Nacht weitergeht und die sich so real für ihn anfühlt, dass er bald kaum noch zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden kann.
Bei neuerlichem Durchblättern muss ich sagen, dass die Geschichte auch für mich als Erwachsene nichts von ihrem Zauber eingebüßt hat und noch mindestens genauso viel Charme und Magie versprüht wie früher.

Eine ganz andere und vermutlich wesentlich skurrilere Geschichte enthält mein wohl allererstes Lieblingsbuch. Wie oft kam meine Mutter Abends zu mir ins Schlafzimmer und hat mich unter starkem Protest dazu gezwungen, das Buch aus der Hand zu legen und zu schlafen - damals kannte ich leider den Taschenlampen-Trick noch nicht.
In "Müffi die Schmuddelhexe" von Kaye Umansky geht es um eine kleine, sehr unordentliche Hexe, die leider aus ihrer Wohnung ausziehen muss, weil ihr die ortsansässigen Waldschrate zu sehr auf die Nerven fallen. Da wird doch direkt deutlich, dass ich auch damals schon das komplette Gegenteil von einem Rosa-Glitzer-Mädchen war. Meine Heldin war nicht Barbie, sondern eine im Wald lebende, strubbelige Hexe mit einer Aversion gegen das Waschen und einem frechen Hamster als Haustier. Kein Wunder, dass ich mich damit gut identifizieren konnte!

Es ist schon erstaunlich, wie viele Details ich mich plötzlich erinnern konnte, obwohl ich die vollständig Handlung der beiden Geschichten nicht mehr rekonstruieren kann Schließlich liegt das Lesen auch locker 15 Jahre zurück; aber dennoch wurde ich beim Durchblätten nicht nur in die Bücher, sondern auch in meine Kindheit zurück katapultiert. Neben Einzelheiten aus den Geschichten kamen auch längst vergessen geglaubte Erinnerungen aus der Zeit, in der diese Bücher fester Bestandteil meiner Freizeitgestaltung waren, zu mir zurück. Beides habe ich sehr genossen.


Wie ist es bei euch? Was waren eure ersten Lieblingsbücher und erinnert ihr euch genauso an Details aus den Geschichten wie aus eurer eigenen Kindheit? Oder habt ihr erst später mit dem Lesen angefangen?

27.09.2017

Post-Wahl-Depression

08:30 4 Comments
Die Bundestagswahl 2017. 
Wie so oft habe ich auch hierzu diverse innere Diskussionen mit mir selbst geführt. Soll ich dazu etwas schreiben oder nicht? Schließlich bin ich politisch nicht in dem Maße kompetent, dass ich etwas wirklich neues zur allgemeinen Diskussion beisteuern könnte. Aber andererseits kann und darf man nach diesem Ergebnis nicht  einfach wieder zum Alltag übergehen. Das habe ich bereits am Montag nach der Wahl so empfunden, und als ich gerade den eigentlich geplanten Post für heute veröffentlichen wollte, ging es mir wieder ganz genau so. Wie könnte ich jetzt einen Beitrag zu einem Buch oder einem Film online stellen, wenn gerade demokratisch dafür gewählt wurde, dass zukünftig Menschen mit eindeutig nationalsozialistischer Gesinnung im Bundestag sitzen? In unserem Bundestag? Menschen, die den Holocaust als Mythos deklarieren. Menschen, die dafür eintreten, stolz auf die Leistung der Soldaten im zweiten Weltkrieg zu sein. Menschen, die offen eine fremdenfeindlichere, menschenunwürdigere Äußerung nach der anderen tätigen. Solche Menschen sitzen nun im deutschen Parlament. Wieder. 

Ohne überdramatisieren zu wollen, muss ich dazu sagen: es ist eine Katastrophe für dieses Land. Und für mich ganz persönlich fühlt es sich nach gnadenloser Desillusionierung und schwer gebrochenem Herzen an. Es gibt einen erheblichen Prozentsatz an Menschen, die sich bei dieser Wahl dafür entschieden haben, aus irgendwelchen inakzeptablen Gründen diese Partei zu unterstützen. Eine Partei, die verlangt, dass alleinerziehende Mütter ohne Kontakt zum Vater keine Leistungen mehr vom Staat erhalten. Eine Partei, die das Renteneintrittsalter auf 72 Jahre anheben will. Um nur mal ein paar groteske Punkte abseits der Flüchtlingsthematik zu nennen. 
Wir reden hier von einer angeblichen Volkspartei die ein patriarchales Weltbild propagiert und im Grunde nur an eine einzige Gruppe denkt: alte (meinetwegen auch jüngere), weiße Männer. Die ein autoriäres System verlangt und sich hoffentlich auf Grund dieses Platzhirsch-Gerangels sehr bald selbst zerschlägt.

Mein größtes Problem sind nicht einmal die bekennenden Rechten, die ideologisch wirklich hinter dem Programm stehen. Die sind zwar völlig verblendet aber wenigstens noch ehrlich zu sich selbst. 
Was ich wirklich nicht verstehen kann und was mich so unfassbar wütend macht, sind die so genannten Protestwähler, die einfach mal bei der AFD ein Kreuz gesetzt haben. Um es den "etablierten Parteien" mal zu zeigen und "ein Zeichen" zu setzen. Ein Zeichen wofür? Für absolute Ignoranz? Protest wogegen? Gegen Menschlichkeit? Diese Leute haben sich unter Umständen nicht mal fünf Minuten mit dem Wahlprogramm der Partei auseinandergesetzt, die sie gewählt haben. Und lassen mit ihrer Stimme zu, dass Menschen ohne Empathie, ohne Weitsicht und ohne Gewissen in den Bundestag einziehen. Als wäre das hier ein Spiel! Diese Leute sind keine Nazis. Aber sie haben dafür gesorgt, dass Nazis in den Bundestag einziehen. Von den Landtagswahlen in Sachsen 2019 will ich erst gar nicht anfangen. Davor habe ich - und das meine ich wirklich ernst - richtig Angst. Denn ich weiß nicht, wie man diese Tendenz stoppen kann. Ich weiß nur, dass ich maßlos enttäuscht bin. Und obwohl ich nicht gerade ein riesiger Fan von Martin Schulz bin, möchte ich doch mit einem Zitat von ihm schließen:

Die AFD ist keine Alternative. Sie ist eine Schande.

Und eine Schande ist auch dieses Ergebnis.

18.09.2017

Das Mädchen, das den Himmel berührte (2013)

20:07 0 Comments
Als genreübergreifende Leserin steht in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ein historischer Roman auf meinem Plan. Dabei habe ich im Idealfall das Gefühl, nicht nur gut unterhalten zu werden, sondern gleichzeitig auch etwas über die geschichtlichen Hintergründe der Zeit zu lernen, in der die Handlung spielt. Jüngst hatte ich also diesen schnuckeligen Wälzer mit dem sehr poetischen Titel in den Händen und habe auch tatsächlich mal wieder viel gelernt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich im Venedig des 16. Jahrhunderts und auch, wenn die Protagonisten fiktive Charaktere sind, spielen doch einige realgeschichtliche Personen und Gegebenheiten eine Rolle. Über Italien zu der Zeit weiß ich recht wenig, sodass ich einfach mal gutgläubig davon ausgehe, dass in groben Zügen die geschichtlichen Fakten im Roman korrekt recherchiert sind. Die wohl interessanteste und gleichzeitig schockierendste Information, die ich bei der Lektüre gelernt und nach der Lektüre auch überprüft habe, ist wohl folgende: Es war tatsächlich in Venedig, dem weltoffenen, unabhängigen Venedig, wo die jüdische Bevölkerung nicht nur gelbe Hüte zur Kennzeichnung ihrer Glaubenszugehörigkeit tragen musste, sondern wo auch das Judenghetto quasi erfunden wurde. Im 16. Jahrhundert mussten im so genannten Ghetto Nuevo alle Menschen jüdischen Glaubens abgekapselt von den restlichen Bewohnern und unter recht beengten Verhältnissen leben. Diese Art der Ausgrenzung und vor allem der Name wurde bekanntermaßen auch in späteren Jahrhunderten übernommen. Das fand ich wirklich extrem erstaunlich, selbst wenn die Menschen innehalb des Ghettos wenigstens von Übergriffen durch die nicht wirklich christlichen Bürger durch Militär geschützt wurde und Angriffe auf Juden immerhin unter Strafe standen. Aber krass ist es trotzdem.

Die Geschichte greift nun ein wenig den Romeo-und-Julia-Stoff auf, indem sie die Jüdin Giuditta und den Christen Mercurio als Liebespaar entwickelt, die durch gesellschaftliche Konventionen voneinander getrennt werden. Und durch die bewachte Mauer, die das Ghetto vom übrigen Venedig abschirmt. Über Nacht war das Tor in der Mauer verschlossen, sodass nur tagsüber ein- und ausgegangen werden kann.
Die Liebesgeschichte der beiden steht im klaren Fokus der Geschichte. Da aber viele Nebenhandlungen mit zeitgenössischen Konflikten existieren, wird glücklicherweise ein wenig vom Schmalz einer Teenagerliebe abgelenkt. Denn die beiden sind wirklich noch sehr jung und zum ersten Mal verliebt - inklusive allen Übertreibungen, die eine solche Liebe wohl haben kann. Giuditta lebt bei ihrem Vater, der sich als angeblicher Arzt einen Namen gemacht hat - vor allem unter den Prostituierten, die von der sich ausbreitenden Syphilis dahingerafft werden.
Mercurio dagegen ist eine Waise und musste sich sein Leben lang als Gauner und Betrüger durchschlagen. Was ihn zu einem sehr findigen und gewitzten Typen hat werden lassen, der allerdings aufgrund seiner Kontakte zum organisierten Verbrechen leider von Giudittas Vater nicht als geeigneter Heiratskandidat angesehen wird. Auf mehreren Ebenen werden den beiden also Steine in den Weg gelegt. Die gerade verleihen zwar nicht der hochdramatischen Liebe, so aber doch der Geschichte ihre Würze und zeichnen ein sehr anschauliches Bild von Venedig im 16. Jahrhundert. Der Dreck, das Elend, der Gestank - und alles überstrahlt von dem Pomp und Glanz von Staat und Kirche, die sich ungeachtet der schlechten Seiten ihrer Stadt einen Machtkampf liefern.

Das alles macht ein Stück weit wieder gut, dass vor allem die beiden Protagonisten ziemlich eindimensional gezeichnet sind. Wo bei den Nebencharakteren noch ein wenig für Tiefe und Facettenreichtum gesorgt ist und Figuren wie Isaaco oder Hauptman Lanzafarme - und selbst der kleine Zolfo! - verschiedene Eigenschaften haben, die sie zu unvorhersehbaren Handlungen bringen, sind Mercurio und Giuditta im Grunde nur auf ihre jeweilige Art recht kreativ und eben sehr sehr verliebt. Die Dialoge zwischen den beiden sind unfassbar naiv und das Drama, das seinen Höhepunkt in einem Hexenprozess findet, wirkt streckenweise sehr konstruiert. Dies nicht zuletzt durch Benedetta, die ebenfalls ein Auge auf Mercurio geworfen hat und alles tut um Giuditta auszustechen.

Trotz dieser Kritik war de Geschichte angenehm zu lesen und hatte durchaus spannende Figurenentwicklungen. Diese habe ich persönlich am meisten bei den Nebenfiguren gefunden, aber dort wurde ich teilweise wirklich überrascht. Das in Kombination mit den geschichtlichen Hintergrundinformationen machen das Buch zwar nicht zu einem großartigen, aber dennoch zu einem lesenswerten, vor allem auch zum Abschalten geeigneten Buch.