27.07.2011

# Rezensionen

[Rezi] Ian McEwan - Abbitte


Kurzbeschreibung von Amazon
Die 13-jährige Briony Tallis hat sicher viele Talente. Eins davon ist ihre rege Fantasie. Ein Theaterstück will das junge Mädchen inszenieren im Landhaus der Familie, in jenem heißen Sommer 1935, der die Gemüter und Gefühle aller so sehr erhitzt. Warum sonst sollte sich Brionys Schwester Cecilia am Brunnen mit Robbie treffen und derart merkwürdige Dinge tun? Warum benutzt Robbie ein derart unflätiges Wort? Und was ist da am Abend Schreckliches im Garten geschehen? So schreibt das Schicksal ein ganz anderes Drama in Ian McEwans Abbitte, in dem Briony mit ihrer großen Fantasie eine eher tragische Rolle spielt. Denn sie deutet die Situation völlig falsch und zerstört durch eine Anklage gleich mehrere Menschenleben. Als Briony bereits eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden ist und begreift, wie falsch ihre Anschuldigungen gewesen sind, ist es bereits zu spät.

Meine Meinung
Wir befinden uns in England, im Jahr 1935, auf dem Anwesen der Familie Tallis. Jüngstes Mitglied ist die 13-jährige Briony, die sich für eine herausragende Schriftstellerin hält und sich viel in ihrer Fantasiewelt aufhält. Ihrem Bruder Leon hat sie anlässlich seiner Heimkehr ein Theaterstück geschrieben, das sie an diesem Tag mit ihrer Cousine Lola und deren Brüdern – den Zwillingen Jackson und Pierrot – einstudieren möchte.
Währenddessen versucht sich ihre ältere Schwester Cecilia, die während der College-Ferien nach Hause gekommen ist, darum zu kümmern, dass alles für die Ankunft ihres Bruders, der von seinem Freund Paul Marshall begleitet wird, bereit ist. Dabei wird sie abgelenkt von Gefühlen und Gedanken, die sie zunächst nicht einordnen kann. Robbie Turner, der Sohn der Haushälterin des Anwesens und Günstling von Cecilias Vater, schwirrt in ihren Gedanken nicht mehr als alter Kindheitsfreund herum, sondern als etwas, das sie nicht einordnen kann. Die beiden treffen an diesem Tag mehrmals aufeinander und irgendwann wird beiden klar, dass sie mehr als Freundschaft füreinander empfinden. Als Briony die beiden dann kurz vor dem Abendessen in einer eindeutigen Situation überrascht, ist das nur das Tüpfelchen auf dem i für die allzu von sich selbst überzeugte 13-jährige, die denkt, dass sie alles versteht und alles richtig interpretiert. Aber da ihr Empfinden das eines Kindes ist – auf dem Weg zum Erwachsensein sicher, aber eben nur auf dem Weg dahin – deutet sie die Situation ungerechtfertigterweise als Angriff auf ihre Schwester, die sie beschützen muss vor dem obszönen Robbie.
Als dann die Zwillinge in der Nacht ausreißen und alle Anwesenden losgehen, um sie zu suchen, nimmt das Unglück seinen Lauf: in der Dunkelheit wird Lola überfallen und missbraucht. Briony kommt dazu und der Angreifer verschwindet. Sie kann nur einen Schatten erkennen, der ihr vage bekannt vorkommt, und später wird sie aufgrund der ganzen kleinen und großen Ereignisse des Tages standhaft behaupten, Robbie Turner erkannt zu haben.
Dieser wird verhaftet und wegen Brionys Aussage – unschuldig, wie selbst sie in ihrem Inneren weiß – zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Damit endet der erste Teil des Romans. Die Zeitspanne der Handlung beschränkt sich auf einen einzigen Tag, dessen Ereignisse aus den Blickwinkeln verschiedener Personen erzählt wird. Dadurch, und durch die klare, detaillierte Sprache, entsteht eine dichte Atmosphäre; man spürt die Trägheit, die drückende Hitze dieses Sommertages, aber auch die Gefühle der Figuren. Das essentielle für die Geschichte spielt sich sowieso im Inneren der Personen ab; ihre Gedanken und Empfindungen sind es, auf denen im ersten Teil der Fokus liegt, sie tragen die Handlung und führen zu dem Verlauf. Deshalb wird es auch nicht langweilig, immer mehrmals das selbe Geschehen zu lesen, denn durch den Perspektivenwechsel bekommt es jeweils einen anderen Beigeschmack, ein anderes Deutungsmuster liegt ihm zu Grunde. Wichtig sind viele kleine Einzelheiten, die sich am Ende zu der Gesamttragik fügen und die Geschichte so interessant machen.

Der zweite Teil beginnt mit einem abrupten Wechsel. Es sind einige Jahre vergangen und Robbie befindet sich nach seinem 3-jährigen Gefängnisaufenthalt in Frankreich, mitten im Krieg. Cecilia ist mittlerweile Krankenschwester und hat sich vollständig von ihrer Familie losgesagt, die geschlossen an Brionys Aussage geglaubt hat und in Robbie nur noch den Vergewaltiger sehen wollte. Cecilia dagegen ist von seiner Unschuld überzeugt und wartet auf ihn, damit sie nach dem Kriegsdienst endlich zusammen sein können.
Und auch hier wieder eine grandiose, authentische Stimmung! Das unvorstellbaren Grauen des Krieges werden so stark geschildert, dass ich teilweise das Buch aus der Hand legen wollte, es aber nicht konnte, weil es mich zwar abgestoßen, aber gleichzeitig gefesselt hat.

Im dritten Teil dann erfährt man mehr über die nun 18-jährige Briony, die zwar immernoch schreibt, aber hauptberuflich Lernschwester in einem Krankenhaus ist. Sie bereut mittlerweile ihre Falschaussage und versucht, jeden Tag durch harte Arbeit, Abbitte zu leisten. Auch mit ihren Texten und Romanen, die sie schreibt, wenn sie Zeit hat – der Krieg sorgt natürlich auch für enorm viel Arbeit in den Krankenhäusern – verarbeitet sie ihre Tat und bereut. Ihre Entwicklung vom ersten Teil bis hierhin ist eine 180°-Wende. Nichts mehr ist übrig geblieben von der verwöhnten Göre, die auf sich selbst fixiert alles in ihr Weltbild quetschen will.

Dann folgt der Schluss, der Epilog, in dem Briony als über 70-jährige Frau nochmal die Ereignisse, die ihr Leben für immer geprägt haben, reflektiert.

Abschließend kann ich nur sagen, dass mich dieser Roman wirklich sehr beeindruckt hat: schon die einzelnen Teile für sich genommen sind unglaublich gut und in sich (fast) geschlossene Kurzgeschichten. Jeder Teil ist geprägt durch einen anderen, der Handlung angepassten Stil: im ersten Teil eine gehobene, blumige Sprache und in den beiden anderen Teilen kristallklarer und detailreicher Realismus. Zusammen aber ergeben sie ein einzigartiges Ensemble und ein facettenreicher Roman, der mir wirklich an die Substanz gegangen ist.
Das war mein erstes Buch von Ian McEwan, aber es wird sicher nicht mein letztes gewesen sein.

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