16.07.2011

[Rezi] Irene Ruttmann - Das Ultimatum


Inhalt (Klapptext)
Bleiben oder gehen?
Als im November 1958 Chruschtschow den Rückzug der aliierten Truppen aus Westberlin fordert, muss Jenny eine schwere Entscheidung treffen.

Handlung
Es ist das Jahr 1958, die Menschen flüchten in großer Zahl aus dem russischen Sektor von Berlin. Mittendrin in der DDR lebt Jenny; eine Germanistikstudentin an der Humboldt-Universität, die mit viel Interesse und Eifer ihr Studium verfolgen möchte, ohne sich an die Grenzen, die der Staat ihr aufzwingt, halten zu müssen. So sieht sie es zum Beispiel überhaupt nicht ein, warum sie keine französischen oder amerikanischen Autoren lesen dürfen. Zufällig fällt ihr dann in der Uni ein verbotenes Buch von einer franzöischen Marquise in die Hände, das alle Briefe an deren weggezogene Tochter enthält. Jenny kann sich unglaublich gut damit identifizieren, denn der Inhalt der Briefe, die Mutter und Tochter vor 250 Jahren geschrieben haben, ähnelt den Briefen zwischen Jenny und ihrer eigenen Mutter. So wird dieses verbotene Büchlein zu Jennys ständigem Ratgeber in allen Lebenslagen. Außerdem schmuggelt sie, wie viele andere auch, verbotene Bücher, Zeitungen und andere für sie wichtige Dinge von West- nach Ostberlin. Doch die Kontrollen werden immer strenger und die Angst, erwischt oder von jemandem aus den eigenen Reihen verraten zu werden, wächst ständig. Als die russische Regierung dann von den Alliierten fordert, Westberlin zu verlassen, stehen die beiden vor der schweren Entscheidung zu gehen, solange es noch möglich ist, oder zu bleiben und sich auf unbestimmte Zeit den Regeln und dem Druck des sozialistischen Staates zu beugen.

Meine Meinung
Gleich vornweg möchte ich loswerden, dass mich dieses Buch sehr beeindruckt hat. Die Autorin schafft es auf eine sehr feinfühlige Art, das Lebensgefühl vieler Menschen, die in der DDR gelebt haben, zu beschreiben. Die ständige Angst, dass man mit einem verbotenen Buch erwischt wird, der Druck von allen Seiten, dass man sich zur Einheitspartei bekennen muss und ansonsten schon gleich auf der roten Liste landet, was schließlich darin gipfelt, dass man Angst vor den eigenen Gedanken bekommt, weil sie dazu führen könnten, dass man verhaftet wird. So stelle ich mir das damals zumindest vor; selbst war ich ja nicht dabei (es würde mich aber wirklich interessieren, wie jemand, der diese Zeit dort selbst erlebt hat, zu dem Buch steht).
Wie schon erwähnt, ist die Protagonistin Jenny eine Studentin in Ostberlin. Sie ist gezwungen, so zu tun, als unterstütze sie die Einheitspartei und den sozialistischen Staat, in dem sie lebt. Dabei versucht sie ständig, nicht gegen ihre eigenen Moralbegriffe zu handeln, was sich an einer Universität voller eifriger Genossen, die gerne jeden Verdächtigen denunzieren, als äußerst schwierig darstellt. Während Jenny sich zu Anfang in die Welt der Bücher oder zu ihrer großen Liebe Robert flüchtet, und so wenigstens für einige Momente die Welt draußen verdrängt, muss sie sich im Laufe der Handlung eingestehen, dass bald die Entscheidung ansteht, zu bleiben, oder ihre Mutter, die so sehr an ihr hängt, und alle anderen Familienmitglieder und Freunde zu verlassen, und im Westen ein neues Leben zu beginnen. Weil das Buch ähnlich wie ein Tagebuch geschrieben ist, erhält man als Leser Einblick in die komplette Gedankenwelt von Jenny, die zwar teilweise ziemlich verworren und kompliziert zu verfolgen ist, aber sehr interessant und aufschlussreich die Stimmung widerspiegelt. Großartige Spannungsbögen gibt es nicht – es ist eher die Kontinuität der Alltagssituationen, die mich so gefesselt hat. Die Sprache ist schwer zu beschreiben. Auf der einen Seite sehr klar, fast schon analytisch, und auf der anderen Seite gefühlvoll und künstlerisch, sodass das Ambiente wirklich spürbar wird. Obwohl das Thema sehr politisch und/oder ideologisch angehaucht ist, wird darauf nicht herumgeritten; es findet keine Wertung der Systeme oder dergleichen statt, nichts wird pauschalisiert und die Geschichte kommt ganz ohne abgedroschene Klischees aus, sodass die Folgen des getrennten Deutschlands auf eine vorurteilsfreie Art greifbar gemacht werden.

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