02.08.2011

# L(i)ebenswert

[Gerede] Nestflüchtling

Sooooo. Da feiere ich nun quasi mein einjähriges Jubiläum als (mehr oder weniger) selbstständige Studentin im (mehr oder weniger) hohen Norden. Eine elementare Frage, die sich in diesem Moment bei einigen sicherlich aufdrängt, ist: Wie hat sie das nur überlebt?!

Das war gar nicht mal so einfach. Tagtäglich werde ich hier vor ungeahnte Situationen gestellt und bin vollauf mit deren Bewältigung beschäftigt.
Da wäre zum einen die Uni, deren Besuch mich ja erst zur Studentin macht. Folglich stehe ich vor der Aufgabe, auf einem riesigen Campus – der sich, damit schon gleich die Intelligenz der neuen Studenten getestet werden kann, in zwei voneinander getrennt liegende Gelände aufteilt – einen ganz bestimmten Raum zu finden. Nun ja. Nach einer unfreiwilligen Tour von ungefähr drei Stunden Länge gleich zu Anfang meiner akademischen Laufbahn, an deren Ende ich glücklicherweise tatsächlich im gewünschten Hörsaal saß, könnte ich jetzt ohne größere Orientierungsprobleme Biochemie, Geologie oder Agrarökonomie studieren. Welch ein Glück, jetzt hab ich schon Plan B, C und D. Jippi.
Wenigsten klappt das mit dem Lernstoff mittlerweile. Nachdem ich die ersten zwei Wochen das Gefühl hatte, von einem riesigen Haufen Arbeit erschlagen zu werden, haben ein paar Mitstudenten und ich (gleich und gleich gesellt sich gern) auf ein altbekanntes Mittel zur Bewältigung zurückgegriffen: wir ignorieren den Berg. Klappt bis jetzt ganz gut. Ich bin davon überzeugt, dass wir diese Methode am Ende unseres Studiums nahezu perfektioniert haben werden.
Absolut auf Kriegsfuß stehe ich allerdings mit dem Einkaufen. Nach wie vor. Das ist doch wirklich unnötig verwirrend. Gestern zum Beispiel wollte ich ganz simpel eine Packung Gefrierbeutel kaufen. Nichts sonst. Nur Gefrierbeutel. Ich rief sogar extra meine Mutter an, um zu fragen, in welchem Geschäft man sowas bekommt. Eigentlich überall, war ihre Aussage. Super, dann hatte ich ja die Auswahl. Also rein in den ersten Laden, der mir über den Weg gelaufen ist (bzw. ich bin ihm natürlich über den Weg gelaufen) und stand dann vor dem Problem: WO fängst du jetzt an zu suchen. Als relativ logisch denkender Mensch habe ich mir dann überlegt, dass Gefrierbeutel, Alufolie und Backpapier bestimmt zusammen liegen. A propos ähnlicher Verwendungszweck. Soweit so gut. Und wofür braucht man Backpapier? Richtiiiiig – zum Backen. Also bin ich erst mal zu den Backmischungen und diesem ganzen Kram gedackelt und wurde von meiner – wie ich finde – überaus plausiblen Theorie enttäuscht. Als ich diesen Rückschlag verkraftet hatte, bin ich zu den Tiefkühltruhen gewandert, weil – genau! - weil man Gefrierbeutel zum Einfrieren, ergo Tiefkühlen braucht. Tja, leider wurde ich auch da nicht fündig und langsam gingen mir die Assoziationen aus. Deshalb lief ich zweimal einen Slalom durch alle, wirklich alle, Regale und entdeckte die Gefrierbeutel..... neben dem Wein!
Ich habe eine lebhafte Fantasie. Das bekomme ich immer wieder zu hören. Aber was um alles in der Welt hat Wein mit Gefrierbeuteln zu tun? Das ist doch eindeutig pure Schikane. Der Einzelhandel mobbt mich!
Und wo wir gerade bei Mobbing sind: ich hätte ja nie gedacht, dass ich mir mal die von Tauben heimgesuchte Fußgängerzone meiner süddeutschen Heimatstadt zurückwünschen würde. Denn hier sind die lieben Täubchen großteils verdrängt worden. Von Möwen. Selbige gehören nämlich zum alltäglichen Stadtbild. Eigentlich ja ganz hübsch. Verleiht der Umgebung ein maritimes Ambiente. Aber diese Viecher sind total krank! Letzte Woche wurden ich und mein Stück Pizza von drei (!!) Möwen verfolgt. Dass wir nicht überfallen und brutal auseinandergerissen wurden, lag einzig und allein daran, dass der Bus gerade kam und wir in sicheres Terrain flüchten konnten. Aber ein kleines Mädchen mit einer Eiswaffel kam nicht so glimpflich davon wie wir. Aber gut, wer setzt sich auch mit einem Eis in der Hand 2 Meter hoch auf Papas Schultern? Wäre ich eine Möwe, hätte ich das sicher auch als Provokation empfunden. Aber trotzdem. Diese Tiere sind ja wohl gemeingefährlich!
Es sei übrigens noch erwähnt, dass Pizza und ich ein sehr unglückliches Verhältnis hatten. Sie war nämlich nur meine zweite Wahl. Ursprünglich wollte ich ein Würstchen mit Brötchen. Als ich aber entdeckte, dass die Würstchen hier gekocht werden – wer macht denn bitte sowas?! - habe ich mich für Pizza entschieden. Ob sie es mir verziehen hat, weiß ich nicht. Sie ist mittlerweile in den ewigen Kreislauf des Lebens eingegangen. Aber diese HotDogs machen mich echt fertig. Würstchen gehören auf 'nen Rost! Da  bin ich leider in keiner Form kompromissbereit.
Man sieht, es ist also gar nicht so einfach, fern der Heimat plötzlich auf eigenen Beinen zu stehen.
Aber es hat auch sein Gutes:
Ich rede viel mehr mit meiner Familie und meinen Freunden, als vorher. Auch Leute, zu denen ich zu Hause nur sporadisch Kontakt habe, erkundigen sich öfter nach meinem Befinden. Und mit meinem Vater habe ich diese Woche fast zwei Stunden telefoniert. Das ist Rekord für ihn. Sowohl als längstes durchgehendes Gespräch mit mir, als auch als längstes Telefonat überhaupt :)
Und ich freue mich total auf zu Hause. Bald bin ich wieder da  und als allererstes werde ich eine echte Rostwurst essen & das Brötchen mit den ansässigen Tauben teilen. Und sollte ich einen Gefrierbeutel brauchen, gehe ich einfach zu meiner Mutter in die Küche und lass mir von ihr einen geben.

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