20.09.2011

[Rezi] Holger Karsten Schmidt - Isenhart


Originaltitel: Isenhart
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Historischer Roman
Seitenzahl: 807

Teaser:
Es gibt nichts Zwingenderes als die Logik.
Die Logik nahm ihm diese Wege ab. Dies und Isenharts Eingebung, die Vorgänge mit den Augen des Mörders zu betrachten, führte ihn näher zur Quelle. Beide Faktoren grenzten die Anzahl der möglichen Täter auf eine kleine Gruppe ein.



Handlung
Die Geschichte spielt im Mittelalter; im 12. Jahrhundert, um genau zu sein. Es ist die Epoche der Kreuzzüge und der Unterdrückung durch die katholische Kirche.
Mitten hinein in diese Zeit geboren wird der Namensgeber und Protagonist des Romans – Isenhart. Die Umstände seiner Geburt sind äußerst mysteriös, denn er kommt tot zur Welt und wird von einem unheimlichen Fremden wiederbelebt, nur um kurz darauf von seinem zukünftigen Mentor Walter von Ascisberg erneut getötet und daraufhin noch einmal zurück ins Leben geholt zu werden. Er nimmt das Baby, dessen Mutter bei der Geburt gestorben ist und der Vater unbekannt ist, zur Burg Laurin und lässt es dort von dem ansässigen Schmied und seiner Familie großziehen. Auf Grund der Fürsprache Walters erhält der heranwachsende Junge ganz standesuntypisch die selbe Bildung wie der Stammhalter der Familie von Laurin – Konrad. Mit diesem verbindet ihn trotz aller Unterschiede bald eine tiefe Freundschaft und die beiden ergänzen sich hervorragend. Während Konrad der ungestüme Kämpfer ist, dem man in physischer Hinsicht schon früh kaum das Wasser reichen kann, besitzt Isenhart eine überragende Intelligenz und einen unersättlichen Wissensdurst, weshalb die beiden ein effizientes Team bilden.
Als Isenhart zu einem jungen Mann heranwächst, verliebt er sich Hals über Kopf in Konrads Schwester Anna, die seine Gefühle erwidert. Eine zeitlang schweben die beiden auf Wolke 7, bis Isenhart an einem kalten Winterabend Annas leblosen Körper im Wald auffindet. Sie wurde mit einem ungeschickten Schnitt durch die Kehle getötet und danach wurde ihr das Herz entnommen. Ab diesem Zeitpunkt zählt für Isenhart und Konrad nur noch eins: den Mörder zu finden und ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Vor allem, als in einer benachbarten Stadt weitere Morde mit dem selben Schema geschehen, steht fest: der Täter muss unter allen Umständen gefasst werden. Und ganz nebenbei muss Isenhart für sich auch noch die Frage nach seiner Herkunft klären und mit Konrad zusammen die Zukunft des Hauses Laurin absichern.

Meine Meinung
Im Groben geht es darum, mit Logik und den begrenzten Möglichkeiten der Kriminaltechnick (falls man davon überhaupt reden kann) im Mittelalter einen Serienmörder zu stellen. Aber diese Beschreibung umfasst nicht mal im Entferntesten die ganze Spannbreite des Buches.
Der Leser begleitet mit der Geschichte quasi das gesamte Leben Isenharts – einem überaus intelligenten Mann, der sein Leben der Wissenschaft verschrieben hat und immer zu neuen Erkenntnissen kommen muss. Damit steht er ziemlich alleine da, denn Konrad bleiben diese Welten, die Isenhart so neugierig erforscht, verschlossen. Es interessiert ihn einfach nicht. So hat Isenhart anfangs nur seinen Lehrer Walter, mit dem er sich messen, und den er um Rat fragen kann. Wider Erwarten trifft er bei seinen Ermittlungen nach Annas Mörder auf einen Menschen, der ihm wie ein Seelenverwandter vorkommt – Henning, der Sohn eines Medicus. Auch dieser strebt nach mehr, als der gemeine Verstand zu fassen vermag, und ist genau wie Isenhart bereit, trotz kirchlichem Verbot, die Gesetzte der Natur zu erforschen.
Man hat mit diesem Buch also nicht einfach nur einem historischen Kriminalroman, der für sich alleine stehend schon sehr einnehmend, gut recherchiert und wunderbar zu lesen ist. Man erhält außerdem einen tollen Einblick in die Mentalität der Menschen im Mittelalter. Wie die Kirche der Wissenschaft im Wege stand, weil sie befürchten musste, durch geistigen Fortschritt an Macht zu verlieren. Generell werden die damaligen Machtverhältnisse und vor allem der Kampf darum stark thematisiert. Außerdem geht es auch um sehr tiefgehende philosophische und theologische, physikalische oder mathematische Fragen, die zum Teil auch heute unbeantwortet geblieben sind. Geradezu ketzerische Gedanken hat Isenhart des öfteren, und nicht selten bringt er sich deswegen in Gefahr. Und wie ganz nebenbei lernt man als Leser ganz viel über Geometrie, Mathematik oder auch über Kombinatorik an sich. Normalerweise bin ich wirklich kein Fan von allem, was mit Gleichungen oder so etwas zu tun hat, aber in diesem Fall ist das anders. Der Autor schafft es, die teilweise trockenen Themen von unten nach oben zu entwickeln, sodass man auch als Ahnungsloser den Gedankengängen folgen kann. Ich glaube, ein Buch, das meine Allgemeinbildung in solch einem Maß erweitert hat, ist mir noch nicht begegnet. Es kommt darüber hinaus ständig zu überraschenden Wendungen, sodass bei aller Wissenschaftlichkeit auch die Story keineswegs zu kurz kommt und immer spannend bleibt. Denn trotz der vielen verarbeiteten Themen, gelingt die Gratwanderung zwischen der Story und den wissenschaftlichen Aspekten aufs allerbeste.
Insgesamt ein wundervolles Buch, vielfältig, gut recherchiert und dabei immer fesselnd und abwechslungsreich. Ich bin richtig traurig, dass es zu Ende ist. Eindeutig ein neues Lieblingsbuch! Darum von mir 5 hochverdiente rosa Wölkchen!


Für dieses Rezensions-Exemplar danke ich dem Team von vorablesen.de und dem Verlag Kiepenheuer & Witsch ganz herzlich :)

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