31.10.2011

# Rezensionen

[Rezi] Elliot Perlman – Sieben Seiten der Wahrheit


Erscheinungsjahr: 2008
Originaltitel: Seven Types of Ambiguity
Genre: Roman
Seitenzahl: 859


Teaser:
In gewisser Weise, so könnte man sagen, schaffen wir uns eine eigene Wirklichkeit dadurch, wie wir die Außenwelt wahrnehmen wollen, und diese Sichtweise kann, wie alles, was künstliche geschaffen oder konstruiert ist, in sich zusammenfallen Sagt Ihnen das irgendetwas?



Handlung
Grob umrissen geht es in diesem Roman darum, dass Simon, ein junger Mann mit einer mehr oder weniger gescheiterten Existenz, den Sohn seiner Ex-Freundin Anna entführt. Diese ist mittlerweile verheiratet; ihr Mann hat einen sehr gut bezahlten Job, sie haben ein großes Haus und eben ihren Sohn Sam. Nach zehn Jahren ohne Kontakt kommt Simon plötzlich (zumindest für die Familie) auf die Idee, ihr Kind zu entführen, ihm Schokomilch zu trinken zu geben und zu warten, bis die Polizei ihn wieder abholt. Diese Tat scheint für alle Beteiligten absurd und wahnwitzig zu sein; nicht einmal Simons Psychiater, bei dem er schon seit Jahren in Behandlung ist, hat Anzeichen bei seinem Patienten diagnostiziert, die auf solch eine Tat hingedeutet hätten. Da war zwar die klinische Depression, die untypisch verlief, aber dennoch vorhanden war, und die krankhafte Erhebung der Beziehung zu Anna, die fast schon an Besessenheit grenzte. Aber die Rationalität, die klare Logik und seine Fähigkeit, seiner Ansichten nachvollziehbar und verständlich darzustellen, schlossen diese oder ähnliche Aktionen eigentlich aus. Doch trotz alledem wurde Sam entführt und alle Beteiligten müssen nun mit der Situation umgehen. Und genau dieses Bewältigen ist das eigentliche Kernthema im Buch. Es ist in sieben Teile gesplittet, und in jedem der Teile kommt eine andere involvierte Figur zu Wort, erklärt sich, erzählt von seinem Leben, seiner Vorgeschichte und seinen Motiven zu diesem oder zu jenem. In jedem Teil erfährt der Leser häppchenweise vom weiteren Verlauf der eigentlichen Handlung, also wie Simon die Tat begeht, auffliegt, vor Gericht kommt und so weiter.

Meine Meinung
Es gibt Bücher, bei denen ist man traurig, wenn sie zu Ende gehen. Manchmal will man gar nicht wahrhaben, dass es vorbei ist.
Genauso ist es mir bei diesem Buch ergangen. Obwohl es recht dick ist, kommt man doch nicht zu Ruhe. Immer wieder werden neue Aspekte aufgeworfen, die einen erneut an die Geschichte fesseln, die so vielschichtig ist, dass es mit Sicherheit für sieben einzelne Bücher gereicht hätte. Wie (hoffentlich) aus meiner kleinen Inhaltsangabe hervorgeht, wird die eigentliche Handlung nur nebensächlich behandelt. Vielmehr geht es um das, was sich im Inneren der Figuren abspielt. Aus diesem Grund schreitet die Story auch nur sehr langsam voran, denn man hat immer wieder Zeitsprünge, in denen die Personen Begebenheiten aus ihrer Vergangenheit schildern oder zum Teil auch auf den ersten Blick völlig unerhebliche und zusammenhanglose Storys aus ihrer Vergangenheit schildern, die letztendlich aber dazu führen, sie besser kennenzulernen und verstehen zu können. Da ist zum Beispiel der Part von Angela oder auch Angelique, einer Prostituierten. Sie gehört zu denen, die unverschuldet tief in die Entführung verstrickt sind. Sie ist mit Simon mehr als nur gut befreundet. Ein Paar sind sie zwar nie wirklich, aber eine emotionale Abhängigkeit besteht auf beiden Seiten. Angelique ist es, die der Polizei den entscheidenden Hinweis gibt, wo Sam steckt. Und das nicht aus Sorge um den Jungen, sondern aus Sorge um Simon. Um das verstehen zu können, muss man tief eintauchen in ihr Wesen und in ihre Vergangenheit. Es ist faszinierend, wie die Autorin es schafft, ganz eigene Individuen zu schaffen, mit denen man sich als Leser aber ausnahmslos identifizieren kann, sobald man seine Geschichte kennt. Man wechselt die Sympathien quasi je nach dem, von welchem persönlichen Blickwinkel der anderen Figuren einen die Autorin die Geschichte erleben lässt. Und am Ende weiß man gar nicht, was man denken soll vor lauter Mehrdeutigkeit.
Immer im Fokus steht natürlich Simon, der von jeder der anderen Figuren hinreichend durchleuchtet wird und auch von sich selber ständig analysiert wird. Es ist sehr spannend, zu welchen Schlüssen die jeweiligen Personen gelangen, wenn sie die Tat oder die Charaktere auseinandernehmen und verstehen wollen. Am Ende wird man als Leser aber doch in eine bestimmte Richtung geschubst. Sanft zwar, aber man wird doch dirigiert. Simon wird als tiefsinniger und intelligenter Mensch dargestellt, der begeistert ist von Lyrik und in seinem gewählten Beruf als Lehrer voll aufgeht. Auf Grund vieler schrecklicher Zufälle oder Schicksalsschläge scheitert seine berufliche Laufbahn und so klammert er sich an das einzige, was sein Leben seiner Meinung nach noch lebenswert macht: seine große Liebe Anna, die ihn vor 10 Jahren verlassen hat, um einen anderen zu heiraten. Bei ihm liegen eindeutig alle Sympathien, selbst wenn man die Geschichte aus der Perspektive des gehörnten Ehemanns liest. Das ist zwar nicht so tragisch, führt in meiner Wertung aber doch zu einem kleinen Punktabzug.
Erwähnenswert ist auch noch, dass es eine ungeheure Vielfalt an behandelten Themen gibt. Wie oben erwähnt spielt eine Prostituierte eine tragende Rolle; also erleben wir einen kleinen Ausflug ins Rotlichtmilieu. Exkurse zu Wirtschaft und Aktiengeschäften, Literatur, soziokulzurelle Phänomene und Psychoanalyse, all das ist in diesem Buch zu finden. Dazu ist zu sagen, dass man als Leser schon ein gewisses Maß an Interesse, im Idealfall sogar etwas Vorbildung haben sollte, um dem ganzen angemessen folgen zu können. Letzteres ist nicht unbedingt Voraussetzung, aber es isz dann schon bedeutend anstrengender, den Ausführungen zu folgen. Schließlich reden hier Spezialisten auf ihrem jeweiligen Gebiet. Die Sprache ist natürlich den erzählenden Figuren angepasst und teilweise entsprechend kompliziert. Gerade auch die Dialoge – vor allem zwischen Simon und seinem Psychiater – erinnern eher an einen wissenschaftlichen Aufsatz als an einen Roman. Aber sie sind dennoch extrem interessant, wenn man sich die Mühe macht, sie für sich selbst nachvollziehbar aufzudröseln. Dialoge spielen sowieso eine tragende Rolle in der Geschichte. Vieles wird nicht explizit erzählt, sondern muss aus den Gesprächen und Interaktionen heraus erschlossen werden.
Ein sehr tolles Leseerlebnis war dieses Buch für mich. Durchaus keine entspannende Lektüre, doch trotzdem ein einzigartiger Genuss – auch wenn ich es nicht uneingeschränkt weiterempfehlen kann, da es teilweise wirklich kompliziert und fachbezogen geschrieben ist und eben wenig Handlung oder Action hat. Aber wer sich gerne mal mit etwas neuem auseinandersetzten will, nur zu!
Vier Wölkchen vergebe ich für dieses tolle Buch :D


Kommentare:

  1. DVD endlich fertig!!! Wir haben Barbie in Zauberhafte Weihnachten angeschaut =.= Es gab sogar einen Pinknen Weihnachtsbaum und mit ganz viiiiiiieeeeellllll Glitzer, war echt ne vergewaltigung für die Augen -.- Oh und die anderen Barbie Filme MUSSTE ich auch leider mit anschauen und einige Texte kann sogar ich mitreden/mitsingen :/ Ich versteh dich auch Leidensgenossin ;_; Gruß Hanna :*

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  2. Hallo :)

    Ich habe durch einen anderen Blog gerade dein Haus des Wahnsinns entdeckt und werde im Anschluss an das Kommentar gleich mal Leser!

    "Sieben Seiten der Wahrheit" hatte ich im Februar begonnen und nach ca. 130 Seiten auch erstmal weggelegt. Hattest du am Anfang auch so eine Phase in der dich das Buch nicht richtig angesprochen hat oder liegt das an mir? Werde es wohl zu einem späteren Zeitpunkt nochmal mit dem Roman probieren, da die Idee einfach so toll klingt und der Schreibstil eigentlich auch ganz angenehm ist.

    LG Anni

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