15.10.2011

[Rezi] Markus Zusak - Der Joker

Erscheinungsjahr: 2006
Originaltitel: The Messenger
Genre: Roman
Seitenzahl: 444

Teaser:
Der Bankräuber ist ein totaler Versager. Ich weiß es. Er weiß es. Die ganze Bank weiß es. Selbst mein bester Freund Marvin weiß es, und der ist ein noch größerer Versager als der Bankräuber. Das Schlimmste an der ganzen Sache ist, dass Marvs Auto draußen auf einem Parkplatz steht, wo man nur eine Viertelstunde parken darf. Wir liegen mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden und von der Viertelstunde sind nur noch ein paar mickrige Minuten übrig.


Handlung
Sein Job als Taxifahrer und die regelmäßigen Kartenspiele mit seinen Freunden – das ist es, was Ed Kennedys Leben ausmacht. Mit seinen 19 Jahren hat er nicht viel erreicht: er wohnt allein in einer kleinen Hütte mit einem Hund, der am liebsten an der Wohnungstür liegt und deshalb „der Türsteher“ heißt. Er hat keinen richtigen Beruf und fährt deshalb Taxi. Seine Geschwister habe alle die arme Kleinstadt, in der sie aufgewachsen sind, verlassen und sich ein neues, besseres Leben aufgebaut. Er ist der einzige, der geblieben ist; und der einzige, der von ihrer Mutter regelmäßig beschimpft und angeschrien wird. Das einzige, was Ed aufmuntern kann, sind seine drei besten Freunde – Marv, Ritchie und Audrey, mit denen er sich immer trifft und Karten spielt.
Eines Tages befinden sie sich zu viert in einer Bank; gerade in dem Moment, als jemand den Versuch unternimmt, eben diese Bank auszurauben. Dieser scheitert kläglich an der Tollpatschigkeit und Nervosität des Räubers und nicht zuletzt an Eds beherztem Eingreifen. So wird Ed innerhalb von ein paar Minuten Stadtgespräch Nummer 1 und kurzzeitig ein gefeierter Held. Von diesem Moment an nimmt eine faszinierende Geschichte ihren Lauf. Ed findet in seinem Briefkasten ein Karo – Ass, auf dem drei Adressen stehen. An jeden Bewohner dieser Adressen muss er nun eine andere, persönliche Botschaft überbringen. Um welche es sich handelt, muss er genauso herausfinden, wie die Art, sie so zu vermitteln, dass sie verstanden wird. Und so beginnt für Ed eine Reise durch das Leben vieler anderer Menschen und vor allem auch durch sein eigenes, die ihn zu Selbstreflexion und Weiterentwicklung und vor allem aus der Sackgasse führt, in der sich seine Welt momentan befindet.

Meine Meinung
Bezaubernd. Das ist das erste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an dieses Buch zurückdenke. Die Geschichte zieht einen regelrecht in seinen Bann und man kommt so schnell nicht wieder davon los.
Alles beginnt mit dem Banküberfall, bei dem Ed und seine Freunde anwesend sind. Gleich hier lernt man die Persönlichkeiten der vier Freunde kennen, auch wenn sie im Verlauf der Geschichte noch feiner ausgearbeitet werden. Vor allem Ed, der die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, ist mir schnell ans Herz gewachsen. Nichts nimmt er richtig ernst und überall muss er seinen Senf dazu geben. Nicht einmal bei einem Banküberfall können er und sein Freund Marv die Klappe halten und eben dadurch entstehen absolut paradoxe Dialoge, die unglaublich witzig sind und einen sofort in Beschlag nehmen.
Nachdem Ed dabei geholfen hat, den Banküberfall zu vereiteln, landen Spielkarten in seinem Briefkasten. Er weiß nicht, von wem oder warum. Aber er weiß, dass er tun muss, was durch die Karten von ihm verlangt wird. Und das ist: Menschen helfen. Auf jeder Karte stehen Hinweise, die Ed zu einer bestimmten Person oder Familie führen und eben diesen muss er dann zu einem kleinen Moment des Glücks verhelfen. Dabei bemerkt er Stück für Stück, dass es auch ihm einen Glücksmoment verschaffen kann, wenn er anderen hilft. Und dass jeder etwas aus seinem Leben machen kann, wenn er sich nur aufrafft und anfängt.
Und genau das ist auch die Moral, die man aus diesem Buch ziehen soll. Allerdings wird sie nicht so ausgelutscht vermittelt, wie es hier jetzt den Anschein haben könnte. Denn bis Ed oder der Leser zu dieser Erkenntnis gelangen kann, müssen viele Aufgaben erledigt und einige Zwischenergebnisse erreicht werden. Der Sprachstil, in dem Ed erzählt, ist gleichermaßen unreif wie philosophisch, jungenhaft wie erwachsen und humorvoll wie melancholisch. So könnte ich noch ewig weitermachen, denn dieses Buch ist so vielfältig in der Erzählweise und in den aufgeführten Personen, dass ich es nur schwer in Worte fassen kann. Zusak beschreibt alles sehr plastisch, jeder Schritt und jede Szene ist zum Ende hin nachvollziehbar, auch wenn anfangs viele Fragen aufgeworfen werden. Eds Reise durch das Leben anderer Menschen und letztendlich zu sich selbst ist zwar kein Nervenkitzel, aber spannend ist es, die Schicksale der Leute zu verfolgen und Eds Entwicklung mitanzusehen.
Besonders hervorzuheben ist noch der Schreibstil des Autors. Es gelingt ihm durch unkonventionelle Brüche in den Satzkonstruktionen die Stimmungen des Augenblicks zu transportieren, sodass man den Eds Gedankengängen nicht nur folgen kann, sondern sie auch miterlebt. Auch die Metaphern, die Zusak verwendet, erschaffen ganz neue, unverbrauchte Bilder; er verknüpft Dinge miteinander, die eigentlich nicht den kleinsten Zusammenhang haben, aber trotzdem ein wundervolles Gesamtkonzept ergeben.
Einen kleinen Abzug gibt es aber leider für Eds untrügliches Gefühl: immer tut er intuitiv genau das Richtige. In jeder Situation. Obwohl er doch eigentlich ein Versager sein soll. Dabei stellt er sich jeweils auf sein Gegenüber ein und weiß genau, wie er mit den Menschen umgehen muss. Das tut dem Fluss der Story vielleicht gut, der Glaubwürdigkeit aber nicht.
Also gibt es von mir für dieses außergewöhnliche Buch 4 Wölkchen :D


Noch ein kleiner Hinweis: Ich habe jetzt schon öfter gelesen, dass „Der Joker“ und „Die Bücherdieben“ miteinander verglichen werden. Das ist ja auch ganz natürlich, da beides Bücher von dem selben Autor sind. Aber trotzdem finde ich nicht, dass man hier allzu streng sein sollte. Denn gerade, wenn jemand „Die Bücherdiebin“ als erstes gelesen hat, ist er anscheinend oft enttäuscht, weil er dann etwas ähnliches beim Joker erwartet. Dies ist aber ganz und gar nicht der Fall – ich finde, man kann diese beiden Bücher nicht miteinander vergleichen. Weder die Personen, die Zeit, der Ort, der Schreibstil oder die Aussagen der Storys sind auch nur annähernd ähnlich. Zwei ganz besondere Bücher von ein und dem selben Autor, die man am besten beide ganz ohne Vorbehalte lesen sollte. Es lohnt sich! :D

Kommentare:

  1. Wow, was für ein toller Blog! Bin Leserin geworden, weil er mir so gut gefällt. :D

    Schau doch auch mal bei mir vorbei:

    www.binzis-buecher.blogspot.com

    LG

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  2. Vielen Dank! :D
    Freut mich, dass er dir gefällt.
    Schau gleich mal bei dir rein ;)

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