18.12.2011

[Rezi] Michael Wallner - April in Paris

Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Kriegsroman
Seitenzahl: 238



Teaser:
Ich war wieder Antoine! Mit leichten Schritten lief ich die Straße hinunter; kaufte eine Blume, nur um sie in der Hand zu halten. Ohne mich weit vom Fluß zu entfernen, ging ich nach Südosten; passierte die beiden Inseln und wechselte kurz vor der Gare d'Austerlitz auf die südliche Seite.




Handlung
Im Jahr 1943 wird der junge Obergefreite Roth nach Paris versetzt. Als Dolmetscher für deutsch und französisch soll er dort die Wehrmacht unterstützen. Die Verhöre, denen er beiwohnen muss, um die Delinquenten simultan übersetzten zu können, schlagen ihm schwer auf die Psyche. Denn wie bei allem anderen im zweiten Weltkrieg auch, gehen die Nationalsozialisten unglaublich grausam mit den Verdächtigen um. Grausame Folter steht in der Tagesordnung und für den jungen Mann wird es immer unerträglicher, einfach zuzuschauen. Da er sich schon immer sehr mit Frankreich verbunden gefühlt hat – was wohl auch seine Berufswahl erklärt – fängt er schon bald an, nach Dienstende durch Paris zu spazieren. In Zivilkleidung, obwohl das streng verboten ist, und sich als Franzose ausgebend. Dank seiner mehr als guten Sprachkenntnisse geht er sogar vor Einheimischen als Franzose durch und wird gleich ganz anderes behandelt. Doch dann trifft er auf Chantal, die Tochter eines Buchhändlers, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Diese allerdings arbeitet für die Résistance und von daher begegnet sie Roth zunächst mit einigem Misstrauen. Sie benutzt ihn als Informationsquelle, doch bald darauf fliegt ihre Zelle auf und es bleibt nur noch die Flucht. Roth allerdings, der sich am liebsten aus dem Krieg raushalten will, ist langsam gezwungen, Stellung zu beziehen und seine Entscheidung könnte über Leben und Tod entscheiden.

Meine Meinung
Ein Roman, der im zweiten Weltkrieg spielt, sollte für mich den Anspruch haben, zu verstören, aufzurütteln und die Schrecken der Zeit ins Wohnzimmer holen.
Nun ja, das tut dieses Buch nur bedingt. Für mich war die ganze Geschichte ein wenig romantisch verklärt, dadurch, dass es hauptsächlich darum geht, wie Roth Chantal erobert und wie sich die beiden dann trennen müssen. Es werden schon auch die Umstände und das Drumherum beschrieben, aber der Fokus liegt doch ganz klar auf der Beziehung zu Chantal.
Doch ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass man das Buch gar nicht erst lesen braucht. Gerade am Anfang, als Roth versetzt wird und die ersten Verhöre begleiten muss, wird sehr schön herausgearbeitet, wie es damals im besetzten Paris, oder Frankreich allgemein, ablief, das Misstrauen, die Angst und vor allem auch der Opportunismus vieler Menschen damals. Die Mächtigen der Besetzer fühlten sich unverwundbar und benahmen sich dementsprechend. Bei einigen Foltermethoden, mit denen die Leute bei den Verhören zum Reden gezwungen werden sollten, dreht sich einem wirklich der Magen um.
Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass Roth in die Rolle des Monsieur Antoine schlüpft, um wenigstens nach Dienstschluss ein bisschen abschalten und entspannen zu können. Allgemein ist er als Protagonist eine angenehm zu begleitende Figur. Da er dieses Buch aus der Ich-Perspektive erzählt, erfährt der Leser viel über ihn und seine Gedanken und Gefühle. So ist er zum Beispiel bei weitem nicht ohne Skrupel, als er die ersten Male in die Rolle des einfachen, französischen Zivilisten schlüpft, denn es war streng verboten, ohne die Uniform und gültige Papiere auf den Straßen herumzugehen. Solche Taten wurden als Hochverrat eingestuft und mit Folter und Tod bestraft. Und da Roth als Dolmetscher bei den Verhören live zugegen ist, weiß er genau, was ihn erwarten kann. Trotz der Gefahr, erwischt zu werden – denn er sehnt sich nach ein wenig Normalität und ist die misstrauischen Blicke leid, die ihn sonst auf der Straße verfolgen. So kommt es, dass er zufällig in einen Buchladen kommt und sich dabei in die Tochter des Besitzers verliebt. Chantal hat übt eine unbeschreibliche Anziehungskraft auf ihn aus und er lässt alle Vorsicht außer Acht, um ihr näher zu kommen. So tappt er in eine Falle der Résistance und wird unwissentlich zu deren Informant. Und dass, obwohl er sich viel lieber aus dem ganzen heraushalten würde; genau wie sein Freund Hirschbiegel möchte er einfach nur den Krieg absitzen und danach ein neues Leben beginnen. Doch die Umstände zwingen ihn, Stellung zu beziehen.
Der Roman vermittelt also durchaus einen Eindruck, mit welchen Widrigkeiten die Menschen damals zu kämpfen hatten, wenn sie einfach nur ihr Leben leben wollten. Sie konnten nicht wissen, was in den nächsten Tagen auf sie zukommen würde oder wo sie nächsten Monat sein würden. Verrat und Verleumdung lauerte hinter jeder Ecke, sowohl von den eingefallenen deutschen Besatzern als auch von Nachbarn und ehemaligen Freunden. Die Charaktere sind alle sehr glaubwürdig ausgearbeitet, vor allem natürlich Roth, aber auch die Oberbefehlshaber. Es ist nicht diese Schwarz-Weiß-Darstellung, wie es sie oft gibt gerade in diesem Kontext. Der Leser hat genug Raum, um sich sein eigenes Urteil zu bilden zunächst natürlich über die ganze Unsinnigkeit und Idiotie, die hinter dem Krieg steckte, dann aber auch über Roth selbst, sein Handeln und alles drum herum.
Also im großen und ganzen ein gelungener Kriegsroman, der vielleicht mehr etwas für eher zart besaitete Gemüter ist, die mit Gewaltschilderungen nicht so klarkommen, sich aber trotzdem mit diesem Thema des zweiten Weltkriegs auseinandersetzten wollen. 3 Wölkchen gibt es dafür von mir.


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