07.01.2012

[Rezi] Jane Austen - Verstand und Gefühl

Erscheinungsjahr: 2010 (Erstausgabe 1811)
Originaltitel: Sense and Sensibility
Genre: Klassiker
Seitenzahl: 413



Teaser:
Sie sahen Marianne erst wieder zum Dinner, als sie ins Zimmer kam und, ohne ein Wort zu sagen, ihren Platz am Tisch einnahm. Ihre Augen waren rot und geschwollen; und es schien, als hielte sie ihre Tränen selbst jetzt nur mit Mühre zurück.



Handlung
Nach dem Tod ihres Vaters müssen Mrs. Dashwood und ihre drei Töchter, deren Einkommen sich dadurch sehr dezimiert hat, für die damalige Zeit weit entfernt von ihrer Heimat Norland eine günstigere Bleibe suchen. So landen sie in Barton Cottage, einem kleinen Landhaus in der Nähe von Barton Park, das zwar bescheiden ist, den Ansprüchen der Familie und vor allem auch ihrem Vermögen durchaus gerecht wird. Die beiden älteren Töchter von Mrs. Dashwood, Elinor und Marianne werden nun sehr oft von den Besitzern des Barton Cottage, die entfernt mit ihnen verwandt sind, zu Gesellschaften eingeladen. Dort verliert Marianne, die jüngere der beiden, ihr Herz unwiderruflich an den charmanten Willoughby und durch ihren Übermut und ihr überschäumendes Temperament bewegt sie sich mit ihrer ersten Liebe beständig am Rande der gesellschaftlichen Etikette, und  Elinor, die einen wesentlich besonneneren Charakter als ihre Schwester missbilligt dieses Verhalten vollkommen, wird aber von ihrem eigenen Liebesleben ein wenig abgelenkt. Beziehungsweise von dessen nicht-vorhanden-sein, denn sie musste den jungen Mann, für den sie zärtliche Gefühle hegt, in ihrem alten zu Hause zurücklassen. Da eine Hochzeit auf Grund ihres geringen Vermögens – eine Ehe muss schließlich finanzielle rentabel sein! - von vorneherein sehr unwahrscheinlich war, und Elinor nicht zu unkontrollierten Gefühlsausbrüchen, sondern im Gegenteil zu Rationalität neigt, ist sie trotz ihres Liebeskummers die ganze Zeit über sehr gefasst, trotzdem er verständlicherweise an ihr nagt.
Dann stellt sich heraus, dass Mariannes Schwarm in einen ziemlichen Skandal verwickelt ist und deswegen in großen finanziellen Schwierigkeiten steckt. Als er daraufhin plötzlich eine Ehe mit einer sehr reichen jungen Frau eingeht, bricht für das Mädchen eine Welt zusammen und so sehen sich die beiden Schwestern noch im hohen Alter bei ihrer Mutter wohnend.

Meine Meinung
Naja, der Inhalt ist ziemlich grob und einseitig zusammengefasst. Es dreht sich in diesem Roman von Jane Austen schon hauptsächlich alles um das ungleiche Geschwisterpaar Elinor und Marianne und deren Liebesleben. Elinor ist die Vernünftige, die alles immer genau plant und sich strikt an die gesellschaftlichen Konventionen zu halten weiß. Marianne dagegen ist wild und ungestüm und pfeift auf die Meinung anderer. Und ihrem Charakter entsprechend verhalten sich die beiden auch in der Liebe: Elinor zurückhaltend und fast kühl, Marianne dagegen impulsiv. Nun ja, beide Extreme führen erstmal nicht zu dem gewünschten Erfolg und so beschäftigt sich ein großer Teil des Romans mit der Bewältigung des Liebeskummers. Dabei wird es aber niemals eintönig, denn die Darstellung der damaligen Gesellschaft, den weit gewobenen Beziehungsnetzen und den Sitten der damaligen Zeit – wir reden hier übrigens über das 18./19.. Jahrhundert, also noch gar nicht so lange her - sind sehr interessant zu lesen. Es ist schon ganz schön krass, wie viel Wert bei Eheschließungen auf so genannte „gute Partien“ gelegt wurde – und vor allem, dass es ganz offen ausgesprochen wurde, wenn eine Verbindung auf Grund finanzieller Nachteile halt nicht eingegangen werden kann. Vielleicht ist das in der modernen Welt auch bis zu einem gewissen Grade so, aber es wird zumindest nicht so an die große Glocke gehängt im Normalfall. Jedenfalls hat mich dieser Umstand sehr schockiert. Dann ist es für mich als aufgeklärter und emanzipierter Mensch natürlich auch nicht so ganz einfach, mit der absoluten Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern umzugehen. Der Wohlstand der Frauen hing quasi einzig und allein von der Willkür oder dem Wohlwollen oder was auch immer des Mannes ab. Deshalb fällt es mir bei der Lektüre zeitgenössischer Autoren nicht immer leicht, bestimmte Handlungen und Entscheidungen nachzuvollziehen. Moderne historische Romane sind dann doch oft zumindest leicht romantisiert und auf die Ideale der heutigen Gesellschaft zurechtgebogen. Dagegen ist dieses Buch ein ungeschöntes und authentisches Werk seiner Zeit, was mich ungemein für die Geschichte einnimmt.
Austens Schreibstil ist auch etwas ganz besonderes für mich. Ich habe bisher leider erst zwei ihrer Werke lesen können, aber diese haben mich mehr als einmal gefesselt. Anfangs muss man sich sicher erst daran gewöhnen und er ist auch nicht leicht zu verfolgen; man muss sich schon konzentrieren, wenn man diesen Stil vollkommen auskosten möchte. Aber trotz oder gerade wegen seiner Komplexität, den fast schon blumigen Wendungen und der ganzen Gewähltheit der Worte stechen Austens Geschichten einfach aus der Welt der Literatur hervor.
Von mir gibt es 4 Wölkchen für dieses tolle Buch.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen