26.02.2012

[Rezi] Charlotte Link - Das Haus der Schwestern

Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Roman
Seitenzahl: 599


Teaser:
Dieses Krankenhaus ließ sich in nichts vergleichen mit dem Lazarett, in dem Frances gearbeitet hatte. Es hatte keine Ähnlichkeit mit jener zur Krankenstation umfunktionierten Scheune auf einem Acker gleich hinter der Front, wo die ganze Welt getaucht schien in Blut, zerfetzte Gliedmaßen, Schreien und Stöhnen, in Rauch und Feuer und das unablässige Dröhnen der Attilerie.



Handlung
Zwei Handlungsstränge laufen in diesem Roman parallel zueinander:
Erstens sind wir im Jahr 1996 mit Barbara und Ralph, einem erfolgreichen Anwaltsehepaar in Yorkshire. Die beiden wohnen eigentlich in Deutschland, verbringen aber Weihnachten, Silvester und Ralphs vierzigsten Geburtstag in einem einsamen Dörfchen im Norden Englands. Es war schon lange ein großer Traum von Ralph, einmal in diesen rauen und einsamen Teil des Landes zu fahren, weshalb Barbara ihm dieses vorzeitige Geburtstagsgeschenk gemacht hat. Sie haben ein großes Farmhaus etwas außerhalb des Dörfchens gemietet, in dem normalerweise die alte und verschreckte Laura lebt; aus Geldmangel stellt sie ihr Haus hin und wieder Touristen zur Verfügung und kommt für diese Zeit bei ihrer Schwester unter. Das Ehepaar hat große Beziehungsprobleme; durch die viele Arbeit, die der Job als Anwalt mit sich bringt, haben sie sich total auseinandergelebt und hoffen nun, während des Urlaubs wieder zueinander zu finden. Ironischerweise fegt der schlimmste Schneesturm seit Jahren über das abgeschiedene Dörfchen hinweg; der Schnee liegt mehrere Meter hoch und der einzige Weg zum Zentrum des Dorfes ist absolut unpassierbar. Eingeschlossen, vor Hunger fast verrückt werdend, ohne Telefon und Strom, brodelt es nun ganz gewaltig zwischen den beiden, obwohl sie sich so gut es geht mit der Situation zu arrangieren versuchen. Da findet Barbara durch einen dummen Zufall ein Manuskript zu einem Roman. Und hier beginnt der zweite Handlungsstrang der Geschichte.
Frances Gray, die mittlerweile verstorbene ehemalige Besitzerin des Farmhauses hat ihr gesamtes Leben in einem Roman festgehalten. Er war nicht dazu bestimmt, jemals von einem Außenstehenden gelesen zu werden, sondern war eine Art Selbstthearpie. Denn Frances hatte ein bewegtes Leben; zwei Weltkriege hat sie mitgemacht, saß für die Frauenbewegung Englands im Gefängnis und viele Intrigen und Schicksalsschläge überstanden. Zusammen mit Barbara lesen wir diese Biographie und tauchen ein in Frances Welt, in ihr Leben, ihre Geschichte.

Meine Meinung
Dieses Buch hat mich absolut begeistert. Die Biographie von Frances Gray alleine hätte schon gereicht, um eine fesselnde Geschichte zu schreiben, aber die Rahmenhandlung um Barbara und Ralph gibt dem ganzen Roman eine ganz besondere Würze und macht ihn zu einem großartigen Werk.
Gut, bevor ich mir hier in Superlativen und hochtrabenden Adjektiven verliere, werde ich mal konkret. Ich habe schon einige Bücher gelesen, in denen das Leben eines Menschen von vorne bis hinten erzählt wurde. Dabei kann der Schreibstil noch so flüssig sein, irgendwann kommt immer der Punkt, an dem man sich langweilt. Denn man kann bei einer Lebensgeschichte zwar gut die Entwicklung der Person verfolgen, aber genau das ist auch oft das Problem: man hat oft nur diese eine Identifikationsfigur und irgendwann wird das oftmals langweilig. Nicht so hier. Denn Frances' Geschichte wird immer wieder unterbrochen von Sequenzen, in denen Barbara die Lektüre des Manuskripts unterbricht und wir uns wieder mit dem Schneegestöber, den Krisen ihrer Beziehung zu Ralf und den Rettungsversuchen ihrer Ehe beschäftigen. Man liest mit diesem Buch quasi zwei Geschichten auf einmal und das hat mir sehr gut gefallen.
Der Charakter von Frances Gray ist schwer zu fassen und zu verstehen; noch ein Grund, weshalb es nie langweilig wird. Sie entwickelt sich zu einer sehr starken Frau, die geprägt ist von vielen Konflikten und Hass sowohl in ihrem engsten Bezugskreis als auch allgemein im Weltgeschehen. Schließlich hat die zwei Weltkriege miterlebt, war ein einem eher zufällig als Krankenpflegerin tätig und hat unter den grässlichsten Bedingungen verwundete Soldaten direkt am Schlachtfeld gepflegt. Allein das Lesen darüber hat mich so mitgenommen, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie unendlich furchtbar es sein muss, so etwas tatsächlich mitzuerleben. Dabei geht die Autorin allerdings nie zu weit bei ihren Schilderungen der Grausamkeiten. Man kann sich alles gut vorstellen, doch sie geht nicht zu sehr ins Detail. Diesen Stil behält sie auch den ganzen Roman über bei; die Fantasie des Lesers wird angeregt und bekommt nicht die Bilder der Autorin aufgezwungen. Der Krieg spielt zwar eine Rolle in der Geschichte, es ist aber definitiv kein Kriegsroman. Es geht außerdem noch viel um Familie, ihren traditionellen Stellenwert und – wie der Titel schon sagt – um Frances Schwester. Victoria hieß sie. Immer hübsch, immer im Zentrum der Aufmerksamkeit und wenn sie dies mal nicht sein sollte, gab es jedes Mal ein gewaltiges Drama. Frances' Leben ist so bewegt, sie hat viel mitgemacht und das hat natürlich einige Narben hinterlassen. Vor allem, wenn sie älter und erwachsen wird, entwickelt sie sich zu einer etwas verbitterten und ruppigen Person, die aber dennoch nur das Beste für ihre Lieben wünscht und sich nach Kräften bemüht, die Familie zusammen zu halten. Auch wenn ich ihr Verhalten oft nicht gutheißen konnte, es war immer nachvollziehbar für mich, warum sie auf genau diese Weise handeln muss. Man sieht einfach die Entwicklung ihres Charakters die ganze Zeit über sehr deutlich: von dem eigenwilligen, freiheitsliebenden Mädchen über die junge Frau, die konsequent für ihre Ziele und Ideale kämpft bis hin zu der einsamen alten Frau, die ihre Lebensgeschichte aufschreibt.
Frances' Schicksal reicht bis in die Gegenwart von Barbara und Ralph hinein, und als Barbara sich dessen bewusst wird, eskaliert die Situation in dem einsamen Haus und bringt alles zu einem würdigen Ende.
Link hat mit diesem Buch etwas ganz Besonderes geschaffen; jede einzelne Minute habe ich das Lesen genossen und ich vergebe 5 Wölkchen dafür.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen