15.03.2012

[Rezi] Charles Dickens - Große Erwartungen

Erscheinungsjahr: 2011 (Originalaugabe: 1860)
Originaltitel: Great Expectations
Genre: Klassiker
Seitenzahl: 740


Teaser:
An diesem Abend ersuchte mich Joe mehrmals, unseren gewöhnlichen freundschafltichen Wettstreit zu beginnen, indem er mir seine in raschem Verschwinden begriffene Schnitte zeigte; aber jedes Mal sah er meine gelbe Teetasse auf dem einen Bein und meine unangerührtes Butterbrot auf dem anderen.



Handlung
Spätes 19. Jahrhundert. Der kleine Pip hat keine einfache Kindheit: seine Eltern sind schon so lange tot, dass er sich nicht einmal mehr an sie erinnern kann und aufgezogen wird er von seiner erheblich älteren Schwester und deren Ehemann Joe. Die kleine Familie führt ein einfaches und bescheidenes Leben, denn Joe bestreitet ihren Unterhalt mit seiner Schmiede. Doch trotzdem könnte Pips Leben um einiges behaglicher sein, wäre seine Schwester nicht unheimlich jähzornig, gewaltbereit und unfair gegen den Jungen. Joe, der ebenso gutmütig wie seine Frau überreizt ist, bemüht sich, deren Schläge und Gemeinheiten auszugleichen und Pip ein guter Freund zu sein. Dies gelingt ihm auch und Pips Dasein hat deshalb immerhin einen kleinen Hoffnungsschimmer, doch trotzdem reift der Wunsch in dem Jungen heran, mehr aus seinem Leben zu machen, als bei Joe in die Lehre zu gehen und bis ans Ende seiner Tage ein Schmied zu sein. Pip erwartet einfach mehr von seinem Leben – Bildung, Karriere und Erfolg. Gestärkt wird dieses Bedürfnis noch, als eine reiche Dame aus der Stadt, Fräulein Havisham, ihn zu ihrem temporären Spielkind auserwählt hat und er einige Zeit lang in gehobener Gesellschaft verkehrt. Dort verliebt er sich unsterblich in Estella, die Pflegetochter seiner Gönnerin, und auch um ihr zu gefallen, möchte er seinem absolut gewöhnlichen Leben ein Ende machen. Durch zunächst mysteriöse Umstände gelangt Pip zu einigem Vermögen, verlässt Joe und seine einzige andere Freundin Biddy, um in London sein Glück zu machen. Es dauert sein halbes Leben lang, bevor Pip nach vielen Rückschlägen, gelüfteten Geheimnissen und endlosen Gewissensbissen erkennt, dass mehr zum Glücklichsein gehört als Geld und Einfluss.

Meine Meinung
Genau 200 Jahre ist Charles Dickens jetzt tot. Seine Bücher werden aber nach wie vor gelesen und zählen zu den größten Werken der Weltliteratur. Warum das so ist? Ich denke, es liegt daran, dass Dickens die Stimmungen seiner Zeit genau erfassen und verarbeiten konnte und auf besondere Art Lebensweisheiten vermittelt, die auch heutzutage noch gelten.
Die Geschichte des Waisenjungen Pip bietet dem Leser die Möglichkeit, sich mit der Hauptfigur zu entwickeln und einiges mitzunehmen. Wir verfolgen die Geschichte des Jungen von seinem neunten Lebensjahr an bis ins Erwachsenenalter und er macht dabei einiges mit. In dem kleinen ärmlichen Dörfchen, in dem er aufwächst, gibt es viel Klatsch und Tratsch, aber keine richtige Schule. So hat er sein ganzes Wissen von seiner etwas beleseneren Freundin Biddy, die ihm ihre Fertigkeiten gerne beibringt. Außerdem sind die Erziehungsmethoden von Pips Schwester, die gerne mal zum Rohrstock greift, nicht gerade das, was man pädagogisch wertvoll nennt. Meistens lässt sie nur ihren gesamten Frust an dem Jungen aus, weil sie mit ihrem Leben im Grunde nicht zufrieden ist, und wirft ihm den restlichen Teil der Zeit vor, dass er nicht so undankbar sein soll gegen die Person, die ihn „mit der Hand aufgezogen“ hat. Joe, sein Ziehvater, ist ein gemütlicher Kerl, der brav seine Arbeit verrichtet und ordentlich unter dem Pantoffel seiner Frau steht. Trotzdem tut er sein möglichstes, um die Wut seiner Frau von Pip abzulenken und bleibt ihr beider Leben lang Pips treuster Freund. Ich mochte Joes Figur beim Lesen mit Abstand am meisten, doch auch die anderen Charaktere des Buches sind so ausgearbeitet, dass sie sowohl ihre Funktion in der Geschichte erfüllen, als auch eine Identifikationsmöglichkeit für den Leser bieten. Von einer besonders raffinierten Gestaltung der Personen möchte ich zwar nicht reden, weil sie meistens doch nur die Eigenschaften haben, die für die Story wichtig sind, doch sind sie dabei trotzdem nicht platt und langweilig.
Obwohl es mit seinen 740 Seiten ein sehr dickes Buch ist, das vor allem im Mittelteil – wenn Pip gerade eine extrem unsympathische Phase hat – ein paar Längen hat, kommt man beim Lesen gut durch. Natürlich ist der Schreibstil der Geschichte nicht gerade leichte Kost und man muss sich erst ein wenig damit anfreunden. Teilweise arbeitet mir Dickens auch zu oft mit Wiederholungen; dabei ist mir zwar bewusst, dass er das der Hervorhebung einzelner Wörter und Bedeutungen willen tut, dennoch hat es mich zeitweise gestört, den ein und selben Begriff über mehrere Sätze hinweg ständig zu lesen. Ansonsten ist der Stil sehr bildlich, es wird viel mit Metapher gearbeitet, was schön die Atmosphäre der jeweiligen Momente verdeutlicht, und wenn man sich erstmal an die monströsen Schachtelsätze gewöhnt hat (was mir persönlich nicht schwer fällt – man beachte meine eigenen) macht es richtig Spaß, einen Roman in dieser ältlichen Sprache zu lesen. Mit einigen Begrifflichkeiten konnte ich zwar überhaupt nichts anfangen und in meiner Ausgabe gibt es auch keine Erläuterungen dazu, aber das tut dem Lesefluss nur geringfügigen Abbruch und Google weiß ja auch meistens Rat.
4 schnuckelige Sterne gibt es für diesen Klassiker von Herrn Dickens.


Kommentare:

  1. Schöne Rezi! :) Das Buch will ich auch noch lesen.
    Lg Steffi

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    1. Danke :)
      Ein bisschen Durchhaltevermögen erfordert es zwar, aber das lohnt sich ;)

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  2. Gefällt mir deine Rezi :) Das Buch hab ich letztes Jahr gelesen und fands auch dass es ziemliche Längen hatte. Das ist eigentlich das deutlichste was mir in Erinnerung geblieben ist, aber deine Rezi hat mir auch die sympathischen Charaktere wieder ins Gedächtnis gebracht :)

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