11.06.2012

[Gerede] Vom inflationären Gebrauch unglaublicher Adjektive

Es ist unglaublich, wie unglaublich kleine Wörtchen oder Ausdrücke Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch halten, sich vermehren und eine unglaublich lange Zeit ohne jegliche Scham immer und immer wieder verwendet werden.

... so geschah es auch mit dem Wörtchen "unglaublich". Dieses arme, unschuldige Wort wird momentan von jedem in den Mund genommen und ist mittlweile fast schon ausgelutscht.
Dabei war die ursprüngliche Intention, die mit der Verwendung dieses Wörtchen verfolgt wurde, gar nicht so schlecht. Im Zeitalter der Superlative will man sich abheben von den Top-Marken und den Mega-Angeboten, möchte sich abwechslungsreicher ausdrücken, um aufzufallen. So kommt man von den Superlativen zu den Hyperbeln. Ein "unglaublich preiswertes" Angebot (dem geschätzten Linguisten wird jetzt vielleicht auffallen, dass in diesem Fall "unglaublich" natürlich ein Adverb und kein Adjektiv ist, was aber rein semantisch keinen großen Unterschied macht und deshalb von mir diskret ignoriert wird) muss natürlich sofort in Augenschein genommen werden, denn super-günstige Angebote kennen wir zur Genüge und glauben schon längst nicht mehr an deren Gültigkeit. So zumindest könnte eine mögliche Argumentation der Marketing-Strategen lauten, die das kleine Wörtchen annektiert haben.
Aber was passiert, wenn wir diese Werbung dann zu oft sehen/hören/lesen? Wir gewöhnen uns die Redewendungen selbst an. Mir zumindest geht es zeitweise auch so, dass "einfache" Ausdrücke nicht mehr ausreichen, um das zu verdeutlichen, was ich sagen will. Ein Kuchen ist nicht mehr "sehr lecker", er ist "unglaublich lecker". Dass das natürlich irgendwie Schwachsinn ist, weil ich offensichtlich daran glaube, wie lecker der Kuchen ist (ich esse ihn schließlich grade), merke ich meistens gar nicht.
Aber nicht nur bei mir selber, auch bei vielen Menschen in meinem Umfeld ist mir in letzter Zeit wiederholt aufgefallen, wie merkwürdig oft dieser Ausdruck Verwendung findet. Dabei sollte es doch eigentlich reserviert sein, für wirklich außergewöhnliche Situationen, in denen uns eigentlich die Worte fehlen. Ein sicheres Reservewort sollte es sein, an dem wir und immer bedienen können, wenn wir eine bestimmte Emotion - ob positiv oder negativ ist dabei irrelevant - kaum fassen, geschweige denn sprachlich realisieren können.
Aber der allgemeine Drang, ständig alles überbieten zu müssen, zeichnet sich auch (oder gerade) in der Sprache ab und hat mir diese Möglichkeit genommen. Jetzt muss ich mir einen neuen großen Ausdruck suchen, um in großen Situationen die passenden Worte zu haben. Gar nicht so einfach ist das.
Oder ich schweige einfach. Vielleicht ist das manchmal sogar die bessere Variante, um unglaubliche Momente angemessen zu würdigen.

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