18.10.2012

# Rezensionen

[Rezi] Carlos Ruiz Zafón - Marina

Erscheinungsjahr: 2011 (Erstausgabe 1999)
Originaltitel: Marina
Genre: Roman
Seitenzahl: 349



Teaser:
Der Nieselregen hatte die Straßen in Silber gekleidet, als wir wieder hinauskamen. Es war ein Uhr mittags. Wortlos legten wir den Heimweg zurück.





Handlung
Óscar besucht ein Internat in Barcelona. Seine Eltern sieht er höchst selten; nicht einmal zu Weihnachten wird er nach Hause geholt. Auch fühlt er sich mit den anderen Schülern nicht verbunden, außer mit seinem Freund JF, und so streift er nach Schulschluss oder an seinen freien Tagen durch die Stadt und kundschaftet sie aus. Auf einem seiner Spaziergänge entdeckt er ein altes Haus, das durch seinen voranschreitenden Zerfall unbewohnt aussieht. Trotzdem klingt wunderschöne Musik aus dem geheimnisvollen Häuschen und Óscar geht, davon wie magisch angezogen, hinein. So lernt er die Bewohner des Hauses, die ihm sein Eindringen nicht wirklich übel nehmen, kennen. Marina und ihren Vater Germán, die von Geheimnissen umgeben scheinen. Zusammen mit Marina rutscht Óscar in ein gruseliges Abenteuer, das auf einem Friedhof beginnt und immer surrealere Züge annimmt.

Meine Meinung
Bevor die Geschichte beginnt, wendet sich der Autor in einem Vorwort an den Leser. In dem erklärt er, dass Marina für ihn selbst eines der bedeutensten Bücher ist, das er geschrieben hat. Er hat beim Schreiben quasi eine Entwicklung vollführt und zu seinem eigenen Erzählstil gefunden.
Wer also neuere Bücher des Autors kennt (zum Beispiel "Schatten des Windes"), wird den unverwechselbatren Schreibstil, der Zafóns Geschichten auszeichnet, nicht vermissen, allerdings merkt man schon - oder man bildet es sich mit dem Vorwort im Hinterkopf zumindest ein ;) - dass noch nicht das volle Potential des Autors ausgeschöpft ist. Es stellt einen wahren Genremischmasch zwischen Liebes- und Fanatsygeschichte garniert mit ein paar Horror-Elementen dar, der definitiv nicht schelcht zu lesen ist (im Gegenteil!) aber doch ein bisschen verworren wirkt.
Nachdem Óscar und Marina einer geheimnisvollen, schwarz gewandeten Dame vom Friedhof aus nachlaufen, sehen sie sich plötzlich verstrickt in Geschehnisse, die im Moment ihren Horizont übersteigen, aber ihre Neugier wecken. Die Dame führt die beiden nämlich zu einem Gewächshaus außerhalb Barcelonas, wo sie nicht nur ein verstaubtes Fotoalbum mit Bildern von schwer missgebildeten Menschen finden, sondern auch eine Sammlung von halbfertigen Marionetten, die ihnen mehr als nur einen Schrecken einjagen.
Je weiter man in dem Buch liest, desto tiefer wird man in den Irrsinn, von dem das Geheimnis genährt wird, hineingezogen. Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn ist ja bekanntlich hauchdünn und wird in diesem Buch mehr als nur überschritten. Eine zentrale Frage wird in dem Buch gestellt und am Ende fast beantwortet: ist es möglich, durch wissenschaftliche Erkenntnisse und technisch ausgefeilte Methoden die Menschen, die von Natur aus von irgendwelchen Missbildungen gezeichnet sind, zu heilen und ihnen zu 'vollwertigen' Körpern zu verhelfen? Und wenn ja: ist das überhaupt erstrebenswert oder nicht mit noch mehr Leid verbunden?
Neben diesem leicht philosophisch angehauchten Thema geht es natürlich auch um Marina und Óscar, die sich unwissentlich gesucht und zufällig gefunden haben. Die Geschichte der beiden ist kein bisschen kitschig, sondern sehr reduziert geschrieben und in ihrer Klarheit wirklich berührend.
Herauszuheben an Zafóns Schreibstil ist unbedingt noch seine Fähigkeit, Atmosphäre und Stimmung in Worte zu fassen. Er fängt den Eindruck einer verborgenen Gasse in Barcelona, eines Gebäudes, oder eines Lichtstrahls ein und lässt diesen durch seine Sprache auf den Leser wirken, sodass man sich wie bezaubert fühlt und wirklich eine atmosphärische Dichte entsteht, wie ich sie nur selten gelesen habe.
Alles in allem ein sehr lesenswertes Buch, das von mir 4 Wölkchen erhält.


1 Kommentar:

  1. Eine wirklich schöne Rezension! Ich hab gleich Lust bekommen das Buch zu lesen, obwohl mich "Der Schatten des Windes" nicht so sehr beeindruckt hat.. Ach man :D Was mach ich jetzt bloß? ;)Es klingt auf jeden Fall interessant!

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