30.11.2012

[Rezi] Umberto Eco - Der Name der Rose

Erscheinungsjahr: 1986 (Original: 1980)
Originaltitel: Il nome della rosa
Genre: Historischer Kriminalroman
Seitenzahl: 674



Teaser:
Ich weiß nicht, ob Adelmus wirklich all diese Dinge gesagt hat oder ob Berengar sie nur hörte, weil er sie hören wollte. Tatsache ist, dass diese Gespenstergeschichte viele meiner Vermutungen bestätigt.




Handlung
Im Jahr 1327 tragen sich seltsame und angsteinflößende Dinge in einer Abtei in Italien zu. Einer der Mönche - der junge Miniator Adelmus - wird tot aufgefunden und niemand sieht sich im Stande, diesen Tod aufzuklären. Zu diesem Zeitpunkt reist der Franziskanermönch William von Bakersville mit seinem Novizen Adson an, weil er einer wichtigen Veranstaltung beiwohnen soll, die in den nächsten Tagen in der Abtei stattfinden soll. Dabei treffen Vertreter des Franziskaner-Ordens und Vertreter des aktuellen Papstes aufeinander, um theologische Gurndsatzfragen zu diskutieren. Da diese theologische Diskussion allerdings weite Kreise ziehen kann und die Macht des Kaisers und/oder des Papstes in Frage stellen könnte, wurde William, dessen scharfer Verstand weit bekannt ist, dazu bestellt. Zusätzlich zu dieser Aufgabe wird er vom Abt der Abtei nun gebeten, die Umstände von Ademus' Tod zu klären. So machen sich William und Adson an die Arbeit, und decken Schritt für Schritt tief verwurzelte Konflikte auf und scheinen trotzdem an der Lösung des Rätsels, das in der Zwischenzeit weitere Todesopfer fordert, immer knapp vorbei zu schrammen.

Meine Meinung
Die Geschichte beruht - so das Vorwort von Eco - auf der tatsächlichen Lebensgeschichte von Adson, der diese in seinen alten Tagen als Mönch im Kloster zu Melk aufgeschrieben hat. Allein diese Tatsache macht das Buch sehr spannend für mich - auch wenn vieles durch mehrfache Übersetzung des Originaltextes und natürlich der dichterischen Freiheit vieler Generationen einschließlich Umberto Ecos nicht so in der Handschrift von Adson zu finden ist. Aber die Verwendung echter historischer Stoffe trägt sehr zur Authentizität solcher Romane bei und hier merkt man das in besonderem Maße.
Die Aufklärung des Mordes beziehungsweise der Mordserie ist die Haupthandlung der Geschichte, welche aber durch enorm viele Nebenhandlungen zu einem etwas verworrenen Knotengebilde wird, bei der einem der rote Faden zwar ständig vor Augen geführt wird, man sich jedoch leicht ein wenig verloren fühlt in den Disputen über Gotteslästerung, Bibelauslegung und weiteren theologischen Vorträgen. Deutlich wird allerdings, wie sich das Leben in den Klöstern der damaligen Zeit abgespielt hat, dass es keineswegs nur um gottesfürchtiges Leben ging, sondern um Machtkämpfe und Intrigen innerhalb des Klosters, sowie auf höherer Ebene vom Papst und vom Kaiser ausgehend. Wer, so wie ich, keine Lateinkenntnisse hat, wird sich mehr als einmal ein bisschen schwer tun, alles genau nachvollziehen zu können, vor allem, weil nicht nur die Sprache, sondern auch die damaligen Gedankengänge und Legitimationswege eher schwer nachzuvollziehen sind. Im Anhang befinden sich aber nützliche Erläuterungen und Übersetzungen, sodass es durchaus möglich ist, einen Zugang zur Geschichte zu finden.
Den Charakter des William von Bakersville fand ich sehr faszinierend. Er wird mit modernen Denkansätzen ausgestattet und durch sein rhetorisches Geschick weiß er diese auch darzustellen, ohne sich unmittelbar des Vorwurfs der Gotteslästerung auszusetzen. Seine Kombinationsgabe beruht auch zum Teil darauf, dass er sich nicht allein mit religösen und mystifizierenden Erklärungen zufrieden gibt, sondern hinter diesen Fassaden menschliches Handeln durchschaut und so schwer zu manipulieren ist. Diese Einstellung versucht er an seinen Gehilfen Adson weiterzugeben, der seinen Lehrer zutiefst bewundert und eifrig dabei ist, von ihm zu lernen. Adsons jugendliche Naivität schließlich, gepaart natürlich mit Williams Verstand, führt auch zur Auflösung des Knotengebildes, welches sich durch eine sehr dezente Spannungskurve seinem Ende nähert.
Der Spannungsverlauf ist deshalb dezent - beziehungsweise nur schwer wahrzunehmen - weil die spannungserzeugenden Elemente, wie weitere Leichen und Schritt-für-Schritt-Lösungen, Erkenntnisse und so weiter, vorhanden sind, aber eben durch eher langatmige Passagen der Nebenhandlungen unterbrochen werden. So kommt es nicht zu dieser rasanten Entwicklung, die man von Kriminalromanen gewohnt ist, sondern alles wird entzerrt. Aber auch das wiederum ist - so anstrengend es auch zu lesen ist - für mich ein Authentizitätsbeweis gewesen, eine möglichst realgetreue Abbildung der Zustände in der Abtei, wo zumindest vordergründig auch alles langsam und eher bedächtig von statten geht und die Frage, um Gott immer viel Platz einnehmen.
Ein weiteres Mal verfluche ich ein bisschen den begrenzten Raum, der mir in meinen Rezis zur Verfügung steht, weil mir noch soooo viele Sachen auf dem Herzen liegen, die ich zu diesem Buch gerne schreiben möchte. Aaaaber dann liest das hier wahrscheinlich gar keiner mehr, deshalb möchte ich nur noch schnell auf den Titel hinweisen, der augenscheinlich nicht so viel mit der Geschichte zu tun hat, aber zu einigen Interpretations- und Spekulationsmöglichkeiten einlädt. Ich persönlich glaube nicht, dass Eco damit schlicht den Namen eines bestimmten Mädchens meint, wie er im Vorwort sagt, sondern auch die Abtei und alles, womit diese im Laufe der Geschichte symbolisch aufgeladen wird. Was eine Menge ist.
Schlussendlich gebe ich diesem Buch 4 Wölkchen - es hat mich zwar fast 3 Wochen gekostet, es zu lesen, aber das war es auf jeden Fall wert.



Kommentare:

  1. Du hast es fertig!! :) Yeah!
    Seehr interessant was du davon denkst, auch wenn ich mir nur wünschen kann, dass ich das so hätte sehen können!!

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  2. Ich habe den Film schon ein paar Mal gesehen...und...ich wohne nur 10 km von Melk und dem Stift entfernt ;) Ich fand den Film super! Das Buch habe ich leider nicht gelesen....habs aber hier im Regal!
    Liebe Grüße
    Martina

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  3. Die Rezi war wirklich gut - das Buch liegt auch schon einige Zeit auf meinem SuB und den Film kenne ich ebenfalls, wüsste also was ich erwarten kann. Aber die enorme Seitenzahl ist dann doch abschrecken und da ich November überhaupt gar nicht zum Lesen kam (abgesehen von Fachliteratur) wende ich mich immer erstmal nicht so umfangreicher SuB-Literatur zu ^^

    Aber für das kommende Jahr wäre es ein Vorsatz, auch mal dickere Wälzer endlich zu lesen.

    Einen schönen ersten Advent!
    Liebe Grüße,
    Patricia

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