24.05.2013

# Rezensionen

[Rezi] Anna Gavalda - Zusammen ist man weniger allein

Erscheinungsjahr: 2007
Originaltitel: Ensemble c'est tout
Genre: Roman
Seitenzahl: 550


Teaser:
Nein, Camille bereute ihren Kaminkauf nicht, auch wenn sich der Preis auf die Hälfte ihres Monatseinkommens belief. Ach, na ja, egal. Was sollte sie sonst mit ihrem Gehalt anfangen... Im Bus lies sie die Gedanken schweifen und fragte sich, wen sie wohl zur Einweihung einladen könnte.



Handlung
Drei vom Leben nicht gerade mit Glück überhäufte Menschen stehen bei dieser Geschichte im Mittelpunkt. Da ist zum einen Camille, eine sehr talentierte Künstlerin, die durch die Kindheit mit einer depressiven Mutter und wegen ihres sensibelen Wesens in einem schwarzen Loch gefangen ist und im wahrsten Sinne des Wortes vor sich hinvegitiert. Dazu kommen Philibert und Franck - zwei völlig gegensätzliche Typen, die sich vielleicht gerade deshalb so git verstehen. Philibert entstammt einer verarmten Adelsfamilie und ist krankhaft schüchtern - er ist sehr gebildet und kennt sich mit der französischen Geschichte aus wie kein zweiter, aber bei menschlichen Kontakten ist er überfordert, obwohl ein liebenswürdiger Charakter in ihm schlummert. Franck dagegen strotzt scheinbar vor Selbstbewusstsein und ist am Herd ein Genie. Diese drei augenscheinlich so grundverschiendenen Menschen verbindet ein Gefühl: sie sind alle unglaublich einsam uns sehnen sich nach Stabilität und Vertrauen. Dadurch verbunden gründen sie mehr oder weniger zufällig eine ganz besondere Wohngemeinschaft.

Meine Meinung
Als ich gestern einer Freundin erzählt habe, was ich gerade lese, sagt sie nur "Ooooooh, das Buch ist ja sooooo schöööön" (O-Ton^^) und im Prinzip ist damit die Quintessenz schon gesagt. Es ist ein sehr spezielles Buch und ich kann mir vorstellen, dass es zu der Sorte gehört, die entweder bedingungslos geliebt oder abrundtief gehasst werden. Nun ja, ich gehöre definitv zu der ersten Lesergruppe.
Anfangs ist der Schreibstil sehr gewöhnungsbedürftig und verwirrend - es gibt viele Absätze und Gedankensprünge, die man nicht immer sofort nachvollziehen kann. Außerdem ist die Dialogstruktur ein bisschen ans Drama angelehnt - also einfach nur Gespräch ohne ergänzende Erzählerkommentare. Aber leider auch ohne Namen vor den einzelnen Gesprächsteilen, sodass man sich nicht sofort sicher sein kann, wer jetzt überhaupt redet. Auch die Perspektive ist nicht leicht zu durchschauen. Mal ist es Innensicht, mal Außensicht und hin und irgendwie kommt alles ein bisschen durcheinander rüber. Das Buch hat mich vom Stil her sehr an den Film "Die fabelhafte Welt der Amélie" erinnert und genau wie den Film würde ich auch die Art des Buches folgendermaßen bezeichnen: skurril und einfach sehr französisch.
Als ich aber durchgestiegen bin und auf den Schreibstil eingestellt war, bin ich regelrecht in die Geschichte versunken. Das ist mir schon Ewigkeiten nicht mehr passiert. Ich fange an zu lesen und wenn ich aufhöre, sind einfach mal zwei Stunden vergangen - so läuft das bei mir normalerweise nicht ab.
Die Charaktere sind ähnlich schwer zugänglich wie der Schreibstil und richtig verstanden habe ich sie auch erst nach und nach und hauptsächlich am Ende, aber man weiß, warum das so ist. Sie alle sind total am Mauern, weil sie vom Leben mehr als nur enttäuscht sind. Sie mussten alle ziemlich großen Mist durchmachen und sind deshalb total verstört. Auch, wenn sie das nicht immer einsehen. Aber gleichzeitig sind alle drei so liebenswert, dass es eine richtige Freude ist, dabei zu sein, wenn sie sich nach und nach einander öffnen und ihre Probleme in den Griff bekommen.
Die Geschichte ist sehr melancholisch und erzählt von großer Einsamkeit, von Schicksalsschlägen und von Resignation, aber gleichzeitig auch von Talent, Empathie, Freundschaft und Hoffnung. Der Titel hat mich anfangs ein wenig abgeschreckt, das Buch zu lesen, weil er doch etwas platt klingt - was bin ich froh, meinem ersten Eindruck nicht geglaubt zu haben.
Als einzigen Minuspunkt muss ich anführen, dass im letzten Drittel die Geschichte ein bisschen auf der Stelle tritt; man kennt die Macken und Probleme der Charaktere mittlerweile so gut, dass sich fast schon sowas wie Routine einstellt beim Lesen und man endlich ein bisschen mehr Entwicklung möchte. Aber zum Glück hielt diese Phase nicht lange an.
Insgesamt erhält dieses wunderbare Buch von mir 5 Wölkchen :)

1 Kommentar:

  1. Eine sehr schöne Rezension. Nach Nicolas Barreau bin ich immer dabei nach weiteren Büchern Ausschau zu halten und habe das Buch dann jetzt auf die Wunschliste gepackt. Ich kenne "Die fabelhafte Welt der Amélie" und auch hier muss man sich erst einfinden.

    Danke für den Tipp - und ein schönes Wochenende.

    Liebe Grüße,
    Patricia

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