17.06.2013

[Rezi] Rainer Maria Rilke - Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke

Erscheinungsjahr: 1950 (Erstauflage 1912)
Genre: Erzählung
Seitenzahl: 34


Teaser:
Kommen bunte Buben gelaufen. Raufen und Rufen. Kommen Dirnen mit purpurnen Hüten im flutenden Haar. Winken.




Handlung
Im Jahr 1663 unterzeichnet Otto von Rilke ein Dokument, das ihm das Eigentüm seines Bruders überträgt. Dieser ist in Ungarn im Krieg gegen die Türkei gefallen.
Vor diesen Hintergrund entfaltet sich die Geschichte eben jenen Bruders Christoph, wie er als junger und unerfahrener Soldat die Geschehnisse des Krieges aufnimmt. Er erlebt Kameradschaft und Solidarität und steigt in den Rang des Fahnenträgers auf. Und genau dieser Status wird ihm am Ende zum Verhängnis.

Meine Meinung
Als ich dieses kleine Büchlein vor einigen Wochen auf dem Flohmarkt entdeckt habe, war ich sofort verliebt. Erstens natürlich von der süßen Aufmachung und der wunderschönen (wenn auch anfangs anstrengend zu lesenden) deutschen Schreibschrift. Und zum zweiten, weil ich mit diesem unscheinbaren Heftchen einen fast vergessenen Schatz in den Händen hielt. Kaum ein Normalsterblicher kann mit dem Titel dieser Erzählung etwas anfangen und selbst Freunde von mir, die dieses Semester ein Rilke-Seminar in Literaturwissenschaft belgen, konnten mir etwas darüber sagen. Ziemlich krass, wenn man bedenkt, welcher Beliebtheit sich die Geschichte in den beiden Weltkriegen erfreute (ich habe nämlich recherchiert ;) )
Die wenigen Seiten hat man natürlich schnell durch, aber die Nachwirkung war bei mir doch deutlich länger. Da wäre als offensichtlichstes Merkmal natürlich der besondere Schreibstil, der sich als eine Mischung aus Prosa und Lyrik charakterisieren lässt - die Sätze haben unzweifelhaft eine genau durchdachte Rhythmik und weisen einige Reime auf, sind aber weder in Strophen- noch in Versform geschrieben. Eine Mischform, die dadurch sehr interessant zu lesen ist, weil sich Form und Stil im Laufe der Geschichte deutlich verändern. Außerdem beginnt mit jeder Szene auch eine neue Seite; sobald es spannend wird, endet die Szene und eine neue setzt zu einem weiter fortgeschrittenen Zeitpunkt ein.
Protagonist ist der Soldat Christoph Rilke - ob die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht und irgendwie zur Familienbiografie Rilkes gehört, oder ob es sich hier einfach um ein ähnliches Figurenkonzept handelt, wie Kafaka sie gerne verwendet hat, und bei dem sich der Autor einfach nur durch den Namen sehr stark mit seiner Hauptfigur identifiziert, konnte ich leider nicht rausfinden. Jedenfalls zieht dieser junge Mensch in den Krieg. Sein noch recht kindliches Wesen wird schnell sehr deutlich, auch wenn es kaum ausgeführt wird. Aber an dem Briefchen, dass Christoph an seine Mutter schreibt, erkennt man klar seine Unreife und vor allem auch seine Deplatziertheit im Kriegsgeschehen. Zunächst geschieht nicht sonderlich viel: Soldaten kauern am Lagerfeuer, reiten durch öde Landschaften dem Feind entgegen und wachsen als Gemeinschaft zusammen. So erhält Christoph auch das Blütenblatt einer Rose, die eigentlich ein Talisman eines Kameraden ist.
Doch bald schon kommt der Titel zum Tragen: die Kompagnie rastet in einer Burg, wo Christoph eine Liebesnacht mit der Gräfin verbringt. Deshalb überhört er am nächsten Morgen das Signal zum Aufbruch und wird erst wach, als die Burg vom Feind unter Beschuss genommen wird. Todesmutig will er seine Aufgabe als Fahnenträger ausführen, stürzt sich blindlings ins Feuer und stirbt einen heroisch dargestellten Heldentod.
Dass ich in diesem Punkt anderer Meinung bin, als Rilke es zu sein scheint, muss ich wahrscheinlich nicht weiter ausführen. Meiner Meinung nach ist Christophs Pflichtbewusstsein einfach nur Dummheit. Oder ist es gerade das, was Rilke sagen wollte? Wohin das bis zur Selbstaufgabe führende "Gemeinschaftsgefühl" einer Soldatenkompagnie pervertiert werden kann? Man weiß es nicht, aber diese Lesart gefällt mir deutlich besser als die der zeitgenössischen Rezipienten. Christophs Geschichte scheint nämlich zur Zeit des ersten und zweiten Weltkriegs durchaus ein Motivationsmittel für die Soldaten damals gewesen zu sein: ein leuchtendes Vorbild für alle Fahnenträger?
Wie auch immer man die Geschichte also auslegen möchte - ich fand sie absolut lesenswert. Hauptsächlich allerdings wegen der wirklich besonderen Sprache und doch weniger wegen des Inhalts. Deshalb gibt es auch ein paar Punkte Abzug, aber immernoch 3 wohlwollende und gutgemeinte Wölkchen.


1 Kommentar:

  1. Ich liebe deine Rezis am meisten, wenn du Klassisches gelesen hast :)

    Mehr Worte evtl später, wenn mein Sprachzentrum auch im Montagmorgen angekommen ist .. ;)

    LG in deine neue Woche
    das A&O

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