16.08.2013

# Rezensionen

[Rezi] Haruki Murakami - Kafka am Strand

Erscheinungsjahr: 2006
Originaltitel: Umibe Ni Kafuka
Genre: Roman
Seitenzahl: 640



Teaser:
Engstirnigkeit und Intoleranz sind wie Parasiten. Sie wechseln immer wieder ihen Wirt und ändern ihre Form.






Handlung
Der stärkste 15-jährige der Welt sein - das ist Kafka Tamuras Ziel. Und es sieht ziemlich gut aus, dass er dieses auch erreicht. Optisch geht er dank hartem körperlichem Training und der daraus resultierenden kräfigen Statur aus wie 18 und auch seine Denkweise ist sehr reif und entwickelt. Kafka entschließt sich dazu, sein Zuhause zu verlassen und macht sich von Tokio auf ins Ungewisse, um seine Mutter und seine Adoptivschwester zu suchen. Als er vier Jahre alt war, haben die beiden ihn und seinen Vater verlassen und er weiß weder, wie die beiden aussehen, noch kennt er überhaupt ihre Namen. Er landet in der Stadt Takamatsu, wo er in einer ganz besonderen Bibliothek
 Unterschlupf findet und nicht nur die Rätsel seiner verschollenen Rest-Familie lüftet, sondern vor allem auch zu sich selbst kommt.

Maßgeblich dazu bei trägt der alte Nakata, dessen Geschichte in einer Parallelhandlung dargestellt wird. Nakata hatte als Kind einen Unfall und kann seitdem weder lesen noch schreiben und hat allgemein keine Erinnerungen mehr an sein Leben vor dem Unfall. Als geistig Behinderter bekommt er Unterstützung vom Staat. Nebenbei verdient er sich ein bisschen Geld damit, entlaufene Katzen zu finden. Denn Nakata kann mit Katzen sprechen und findet die Ausreißer so relativ leicht wieder. Und das ist nicht die einzige merkwürdige Fähigkeit, die Nakata vorzuweisen hat.

Meine Meinung
Eine Premiere: mein erster Murakami. Endlich! Nachdem ich bereits so vielversprechende Statements zu seinen Werken gelesen habe, wurde es auch höchste Zeit dafür. Und ich muss sagen, ich bin nicht enttäuscht worden.

Und dabei habe ich mir alle Mühe gegeben, das Buch nicht zu mögen. Schon allein, weil ich prinzipiell gegen alles bin, was ansatzweise mit Kafka assoziiert werden kann. Und naja... der Titel sagt da ja schon alles und ließ mich schlimmstes befürchten. Doch im Gegensatz zu Kafkas Werken, zu denen mir einfach der Zugang verschlossen bleibt, habe ich mich in dieses Buch verliebt. Murakamis Geschichte hat er in einer ähnlich surrealen Welt platziert, die sich auch bei Kafka finden lässt, und handlungsbestimmende Dinge gehen auch hier vom Inneren der Figuren aus. Doch während Kafka alles dafür tut, vom Leser nicht verstanden zu werden, verweigert Murakami nicht die Kommunikation mit dem Rezipienten, sondern unterstützt diesen dabei. Er schafft das dadurch, dass er nicht vollständig im Surrealismus aufgeht, sondern mit einem Teil immer auf greifbarem Boden bleibt, sodass das Lesen der etwas schwierigeren Stellen trotzdem ein Genuss ist - auch wenn sie etwas merkwürdig anmuten.

Beim Lesen lernt man unterbewusst einiges über die japanische Kultur - logischerweise, denn die Handlung spielt ja auch teilweise in Tokio und teilweise in Takamatsu. Vor allem die Verwendung japanischer Märchen und Sagen und die Reflektion dieser Botschaften in der Geschichte haben mir sehr gut gefallen. Das ständige Wechseln zwischen Realität und Vorstellung, Äußerem und Innerem, Bewusstsein und Unterbewusstsein machen diese Geschichte aus.
So rennt Kafka zunächst eigentlich nur von seinem Vater weg, weil er es mit ihm nicht mehr aushätl, um dann festzustellen, dass er in Wahrheit dadurch seiner eigenen Identität hinterher gerannt ist. Für einen 15-jährigen spricht Kafka wahrscheinlich ein paar zu viele Kalenderweisheiten aus, aber weil es zur Geschichte und vor allem zu seiner Figur passt - die allgemein als überreif gezeichnet sein muss, um am Ende ihre Funktion erfüllen zu können - ist das absolut verzeihlich. Ein prägender Satz, der immer wieder im Buch auftaucht, alutet sinngemäß: "Alles ist eine Metapher" und geauso muss man die Geschichte auch lesen, um darin aufgehen zu können. Als Beispiel dafür geeignet, ohne zu viel der Geschichte zu verraten, ist wahrscheinlich der Mensch ohne Inhalt. Nakata hat nach seinem Unfall keine Erinnerungen mehr an sein früheres Ich und fühlt sich deshalb innerlich leer. Dagagen lebt Kafka mehr oder weniger in seiner Erinnerung und fühlt sich aus genau diesem Grund ebenfalls inhaltslos. Der eine hat keine Vergangenheit und der andere keine Perspektive für die Zukunft und deshalb empfinden sie sich beide als leere Hülle. Überhaupt kann man bei näherem Betrachten eine große Verbindung zwischen diesen beiden sich eigentlich entgegenstehenden Figuren erkennen. Und darin auch wieder eine Art Metapher sehen.
Man muss einfach jedes Detail, aber auch alles Grobe als Metapher für etwas verstehen. Und dieses "Etwas" zu entschlüsseln, darin besteht die Herausforderung, der sich sowohl der Leser aber auch der Autor stellen muss, ohne sie letztlich vollständig lösen zu können.

Zugegebenermaßen ist es keine leichte Lektüre, die man mit diesem Buch vor sich hat, und die ersten 100 Seiten sind mir relativ schwer gefallen. Aber sobald der Kern der Geschichte erfasst war, konnte ich das Buch nur schwer wieder aus der Hand legen. Dazu trug auch der Aufbau maßgeblich bei, denn immer, wenn eine Geschichte aus zwei Parallelhandlungen besteht, die abwechselnd voneinander erzählt werden, ist der Spannungsbogen durch die Unterbechungen von Haus aus ziemlich hoch. Und wenn die Kapitel dann auch noch immer so enden, dass man das Gefühl hat, kurz vor einer bahnbrechenden Erkenntnis zu stehen, muss man natürlich schnell weiterlesen.
Ich habe definitiv nicht das Gefühl, dieses Werk vollständig durchdrungen zu haben und hatte schon nach der Hälfte das Bedürfnis, es nochmal zu lesen. Werde ich auch in naher Zukunft. Jetzt bekommt es von mir auf jeden Fall 4 Wölkchen.


1 Kommentar:

  1. Schöne Rezi. Besonders, wenn du dir Mühe gegeben hast,e snicht zu mögen ;) Ich mag irgendwie das Cover nicht. Finde es wirkt "anspruchsloser", als der Inhalt den du beschreibst. Hm. Aber das nur als rein optische Anmerkung ...

    LG + schönes WE!
    das A&O

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