30.09.2013

# Rezensionen

[Rezi] Marie-Sabine Roger - Das Labyrinth der Wörter

Erscheinungsjahr: 2010
Originaltitel: La tête en friche
Genre: Erzählung
Seitenzahl: 205



Teaser:
Wenn Intelligenz eine Sache des Willens wäre, dann wäre ich ein Genie, das kann ich wohl sagen. Denn angestrengt habe ich mich! Aber es ist, als wollte ich mit einem Suppenlöffel einen Graben ausheben. Alle anderen haben Schaufelbagger, nur ich stehe da wie ein Trottel.



Handlung
Durch die Vernachlässigung seitens seiner Mutter, dank eines rüden und unverständigen Lehrers und einer nicht vorhandenen Vaterfigur ist aus Germain Chasez ein zwar dennoch gutmütiger, aber doch eher grobschlächtiger und einfach ungebildeter Erwachsener geworden. Jetzt, mit 42 Jahren, lebt ihr in einem Wohnwagen im Garten seiner Mutter und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Lesen und Schreiben kann er kaum; seine Freizeit verbringt er entweder in der Kneipe bei ein paar Bierchen mit seinen Freunden, in seinem selbst angelegten Gemüsegarten oder im Park auf einer Bank. Dort sitzt er gerne und beobachtet die ortsansässigen Tauben. Germain hält nicht allzuviel von sich selbst - wie denn auch, wenn ihn sogar seine eigene Mutter als Idioten betrachtet.

Eines Tages lernt er Magueritte kennen. Die kleine Alte sitzt auf Germains Parkbank und beobachtet ihrerseits die Tauben. So kommen die beiden miteinander ins Gespräch und treffen sich von da an immer öfter im Park. Magueritte lebt in einem nahegelegenen Altenheim und hat keine Familie, dafür aber massenweise Bücher, aus denen sie Germain vorliest. Durch Magueritte beginnt Germain, die Welt und sich selbst mit anderen Augen zu sehen und kann zu dem Menschen werden, der er schon immer sein wollte.

Meine Meinung
Am liebsten würde ich mit Herzchen um mich werfen, so begeistert bin ich von diesem Buch! Es ist eine zwar kurze, aber deshalb nicht minder zauberhafte Geschichte von Überwindung der Einsamkeit, von Über-Sich-Selbst-Hinauswachsen und von Lebensfreude und Familie. Hach!

Germain, unser Protagonist, hatte keine leichte Kindheit. Als Endprodukt eines kleinen und vor allem einmaligen Liebesabenteuers seiner Mutter, wurde ihm von Anfang an vermittelt, dass er auf dieser Welt nicht willkommen ist. Mütterliche Liebe und Fürsorge hat er nie kennengelernt, denn seine Mutter war sehr streng und sehr grob. Solange er ihr nicht auf die Nerven fiel, hat sie ihm kaum Beachtung entgegengebracht. Das, und die Tatsache, dass sein Lehrer Germain als Mobbing-Opfer auserkoren hatte, führten dazu, dass er als Junge immer öfter die Schule schwänzte und irgendwann quasi gar nicht mehr hinging. Als erwachsener Mann empfindet er die Tatsache, dass er weder Lesen noch Schreiben kann und sich auch ansonsten kein Schulwissen aneignen konnte, als großen Mangel der eigenen Persönlichkeit. Er sieht sich selbst als dumm und plump an. Die meisten Menschen in seinem Umfeld teilen diese Meinung; Germains hühnenhafte Statur tut ihr übriges zu diesem Bild bei.
Dabei ist Germain von anfang an ein sehr zur Selbstreflektion neigender, sensibeler Mensch, dem es einfach in der Kindheit an der richtigen Förderung gefehlt hat, um diese Seiten auszubauen. Es hat mir richtig in der Seele weh getan, dass er eine so schlechte Meinung von sich selbst hat. Schließlich kann er trotz allem einige besondere Fähigkeiten vorweisen. Er hat nicht nur enormes handwerkliches Geschick - und das ohne Ausbildung! - sondern ist auch sehr fit in allem, was seinen Gemüsegarten angeht. Sachen also, die zwar nichts mit akademischer Bildung zu tun haben, aber mindestens genausoviel wert sind. Ich wüsste nicht, welche Tomatensorte auf welchem Boden besonders gut gedeiht. Damit kann man doch was anfangen,

Zum Glück tritt dann Magueritte in Germains Leben und tut genau das, was nötig ist, um ihm zu helfen: sie behandelt ihn mit dem Respekt, den eigentlich jeder Mensch verdient hat und nimmt ihn und seine Aussagen ernst. Damit zeigt sie ihm, dass er nicht der dumme Trampelt ist, für den er sich hält. Sie bringt ihm die Liebe zu den Büchern bei, indem sie ihm erst immer wieder vorliest, sodass er beschließt, selbst lesen zu lernen.
Magueritte hat keine Familie. Germain hat im Grunde auch keine Familie und so beschließen die beiden, sich gegenseitig Familie zu sein.

Die Geschichte ist so unglaublich rührend, aber durch den geraden Schreibstil ohne Sentimentalitäten und Pathos gleichzeitig alles andere als kitshcig. Schon vom ersten Satz an war ich gefangen genommen; es macht großen Spaß bei Germains Entwicklung zuzusehen und ihn beim Wachsen zu beobachten. Da die Story aus seiner Sich und in Ich-Perspektive geschrieben ist, hat man dierekten Einblick in Germains Gedankenwelt und merkt schnell, dass er auf eine Art weise ist, die er selbst gar nicht so wahrnimmt.
Kurz: Ich liebe dieses Buch. Lest es! 5 rosa Wölkchen!


Kommentare:

  1. ich habe den Film gesehen und normaler Weise lese ich ja vorher das Buch.....ich fand den Film wirklich sehr gut, was ich ja auch nicht zu oft sagen kann, wenn es eine Buchverfilmung ist, aber die Franzosen verstehen schon was von Kino!! =)
    Liebe Grüße
    Martina

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  2. Uuuuh, wie schön. Danke Mel, für das stürmisch liebe Feedback. Plus: Das war das 111. Kommentar, dein Haus des Wahnsinns gewinnt die goldene Schnapszahl! ;)

    Rischdisch, Buchhandlungs-Liniennetz. Wunderbare Vorstellung! Die Route zu den besten Toiletten kann ich noch dazu einzeichnen, aber das ist ein anderes Thema mit der Überschrift "too much information" haha.

    Und zu deinem Post: Wollte das Buch auch schon eine Weile lesen. Allein schon, weil ich den Titel so mag tschihi. Jetzt, wo du mit Herzchen und Wölkchen um dich wirfst, weiß ich wohl, dasses wirklich sein MUSS!! ;)

    glg
    von das A&O

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  3. Ich habe das Buch auch bereits gelesen und fand es ebenfalls sehr gut. Die Charaktere waren anrührend und sympathisch beschrieben und das ohne zu viel Klischee oder ähnliches sondern in ruhiger Atmosphäre. Einfach toll!

    Liebe Grüße,
    Patricia

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