25.10.2013

# Rezensionen

[Mini-Rezi] Ron Winkler (Hg.) - Neubuch. Neue junge Lyrik

Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Lyrik
Seitenzahl: 232


wartungsversuch (Tom Bresemann)

hundertausend arten scheiße
auszusehen. jede einzelne
das hingegen
sollte der phantasie überlassen
sein. als geste
ein gesicht optimieren.
klammer auf und atem-
züge vom äußersten rand der zimmer-
lautstärke her erklimmen klammer zu.


Heute stelle ich mal kurz ein Büchlein vor, dessen Genre hier im Haus des Wahnsinns bisher gar nicht vertreten ist. Was hauptsächlich daran liegt, dass ich eigentlich nicht so der Lyrik-Fan bin und es mir bis vor kurzem eher ermüdend als spaßig erschienen ist, einen ganzen Gedicht-Band in meiner Freizeit zu lesen. Schon alleine, weil man nach maximal drei Gedichten nicht mehr aufnahmefähig für weitere künstlerische Kniffe ist. Zumindest geht es mir so. Deshalb hat es auch fast 6 Wochen gedauert, bis ich diese guten 200 Seiten komplett ausgelesen hatte. Aber ich muss sagen, dass es sich gelohnt hat. Ganz zufälllig ist mir das Buch beim Stöbern in der Bücherrei in die Hände gefallen und aus einer spontanen Eingebung heraus hab ich es mitgenommen.
Werke von insgesamt 25 jungen deutschsprachigen Lyrikern sind in hier veröffentlicht und dadurch entsteht eine riesige Spannbreite an Stilistik, Themenwahl, Wortspielen und Perspektiven. Das ist gleichzeitig das Vergnügen und die Herausforderung, die mit diesem Buch einhergehen. Vergnügen, weil trotz dem Oberbegriff Lyrik viel Abwechslung herrscht und Herausforderung, weil man sich nicht auf eine bestimmte Lesart einschießen kann. Was man natürlich sowieso nicht sollte.
Gemeinsam haben alle Gedichte, dass es unverkennbar "moderne" (brr, darf man das so eigentlich sagen?) Arbeiten sind: keine gängigen Reimschemata, dafür viele Neologismen, feine Spiele mit Metrik und Lesefluss. Das ist ja einer der Gründe, warum ich neue Lyrik noch weniger mag, als beispielsweise Barock-Gedichte. Es reimt sich nix, um es mal salopp zu formulieren. Dennoch haben es ein paar Gedichte aus diesem Buch geschafft, mich sehr zu berühren. Obiges sei da mal als Beispiel genannt. Von dem bin ich fasziniert, seit ich es das erste Mal gelesen habe und immernoch entdecke ich bei jedem erneuten Lesen einen Aspekt,  der mir bisher entgangen ist. Fast jedes Gedicht hat auf jeden Fall meine Bewunderung für die jeweils einzigartige und geniale Art, mit der Sprache umzugehen, verdient. Man kann nicht immer gleich verstehen, wo eigentlich der Kernpunkt der Gedichte ist, wenn sie so kryptisch daherkommen. Aber so ist die Lyrik halt - einfach kann jeder.
Sollte sich also jemand für neue Lyrik interessieren, ist dieses Buch defintiv einen Blick wert. 3 gute Wölkchen erhält es von mir.



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