19.10.2013

[Rezi] Jodi Picoult - Neunzehn Minuten

Erscheinungsjahr: 2009
Originaltitel: Nineteen Minutes
Genre: (Jugend-)Roman
Seitenzahl: 472


Teaser:
Es galten neue Vorschriften: Sämtliche Türen waren nach Schulbeginn abzuschließen, dabei könnte ein Amokläufer unter den Schülern doch längst im Gebäude drin sein. In den Klassenräumen waren keine Rücksäcke mehr erlaubt, dabei ließ sich eine Pistole doch ohne weiteres unter der Jacke hineinschmuggeln.



Handlung
Innerhalb von neunzehn Minuten wir die Welt einer gesamten Kleinstadt bis ins Mark erschüttert. Eines Morgens betritt der siebzehnjähirge Peter Houghton die Sterling Highschool in New Hampshire und fängt an, um sich zu schießen. Mitschüler und Lehrer werden schwer verletzt, tödlich getroffen oder versuchen panisch aus dem Gebäude zu fliehen. Polizei und Rettungskräfte sind ebenso schnell vor Ort wie besorgte und verängstigte Eltern. Vor und in der Schule ist ein großes, schreckliches Chaos und aus der Turnhalle erklingen noch immer Schüsse. Patrick Ducharme, dem Polizeichef, gelingt es schließlich, Peter in einer der Umkleidekabinen zu stellen und das Blutbad zu beendet; zusammen mit ihm im Raum befinden sich noch zwei weitere Schüler - Matt, der Eishockeyspieler war und der schon seinen zwei Schusswunden erlegen ist, und Josie, seine Freundin, die lediglich mit einer Platzwunde am Kopf auf dem Boden liegt. Patrick nimmt Peter in Gewahrsam und organisiert dann die Helferarbeiten.
Nach diesem Tag ist in der Stadt nichts mehr wie vorher: viele Familien haben jemanden verloren und alle Überlebenden tragen seelische Wunden mit sich, die so schnell nicht wieder verheilen. Die ganze Stadt projeziert diesen Hass auf Peter, an dessen uneingeschränkter Schuld niemand zweifelt.

Meine Meinung
Bewaffnet mit zwei Flinten und zwei Pistolen betritt Peter an einem eigentlich ganz gewöhnlichen Schultag im März seine Highschool mit dem konkreten Plan, gezielt Menschen zu töten. Menschen, mit denen er seit seiner Einschulung tagtäglich zusammen war und die ihm trotzdem alles andere als ein sicheres Umfeld gegeben haben. Das Blutbad, das Peter anrichtet, ist schrecklich und grausam; dennoch ist er in diesem Buch nicht das personifizierte Böse, sondern nimmt eine Hybridposition ein, in der er natürlich zwar als Täter, aber gleichzeitig auch als Opfer auftritt.

Die Handlung setzt sich aus zwei Erzählsträngen zusammen: einmal werden Episoden aus der Zeit vor dem Amoklauf und zum anderen Episoden aus der Zeit nach dem Amoklauf erzählt. Peters Tat ist dabei immer omnipräsent, denn auch die Leben der Beteiligten lassen sich nach diesem Schema aufdröseln: für sie ist es unterteilt in das Kapitel davor und in das danach.

Die Rückblicke zeichnen ein Bild von Peter, das sich nur schwer mit einem skrupellosen Massenmörder in Einklang bringen lässt. Immer im Schatten seines großen Bruders stehend, war er ein scchüchterner und sensibler Junge, der die meiste Zeit in seiner eigenen kleinen Welt gelebt hat. Schon im Kindergarten hatte er nur wenige Freunde, beziehungsweise nur eine einzige: Josie Cormier. Sie hat sich immer für ihn eingesetzt und Peter hat ihr das mit einer tiefen Verbundenheit gedankt. Doch nach der Einschulung wurde Peter immer mehr und immer krasser gehänselt und gemobbt und soagr Josie hat sich von ihm abgewendet. Und so zieht sich der Junge immer tiefer in sich selbst zurück, wird einsamer den je und die Schule wird für ihn zur Qual, weil er von den "coolen" Kids ständig aufs Übelste schikaniert wird; Kopf ins Klo oder im Spind eingesperrt werden sind da noch die harmloseren Dinge, die er über sich ergehen lassen muss, weil er sich allein nicht wehren kann und ihm niemand beisteht. Weder seinen Lehrern noch seinen Eltern kann er sich anvertrauen.

Wechselt die Perspektive dann in die Zeit nach dem Amoklauf arbeitet die Autorin die einzelnen Stadien ab, die es zu durchlaufen gilt, wenn man etwas traumatisches erlebt hat. Schüler, Eltern, Lehrer und alle anderen in der Stadt müssen das schreckliche Ereigniss verarbeiten und jeder geht anders damit um.
Peter dagegen sitzt im Untersuchungsgefängnis und wartet auf seinen Prozess - fast die gesamte Stadt will ihn für immer weggesperrt wissen.

Im Mittelpunkt steht die Tat selbst, auf deren Schilderung die gesamt Erzählung auf beiden zeitlichen Ebenen hinarbeitet. Schon früh ist klar, dass es einige Ungereimtheiten beim Tathergang gibt, die es nach und nach zu klären gilt.
Am besten gefällt mir an diesem Buch einfach, dass die Autorin keine Schwarz-Weiß-Malerei betreibt, sondern alle Seiten gleichermaßen beleuchtet werden. Natürlich ist der Amoklauf von Peter unverzeihlich und das wird definitiv deutlich gemacht; auch die Frage nach dem Warum kann auch am Ende selbst von Peter nicht beantwortet werden. Es wird aber deutlich, dass er keinen anderen Ausweg aus der Mobbingfalle gesehen hat, als all diejenigen umzubringen, die in täglich gedemütigt haben und das ist wohl der Punkt, an dem man ansetzten muss. Erst, wenn auch die Täter als Opfer - eben der gesellschaftlichen Strukturen - gesehen werden, kann das Problem von der Wurzel her bekämpft werden. Denn besonders erschreckend ist ja, dass sich diese Geschichte in der Realität schon viel zu oft abgespielt hat. Ohne eine solche Tat zu rechtfertigen, zeigt die Autorin mögliche Gründe dafür auf und sensibilisiert dadurch sehr für die Themen Mobbing und Schikane.

Mein einziger großer Kritikpunkt sind die Figuren, die zum großen Teil sehr schwach ausgearbeitet sind, sieht man mal von Peter und Josie ab. Die meisten Personen sind gerade einmal grob skizziert und entsprechen dabei dem typischen Highschool-Rollen-Klischee: entweder beliebter Sportler oder gemobter Nerd. Viele Handlungen waren für mich nicht nachvollziehbar und/oder unnötig, weil sie weder die Erzählung vorangebracht haben, noch dazu dienten, die Figuren zu charakterisieren.
Aber man kann nicht alles haben. Insgesamt ist das Buch definitiv sehr sehr lesenswert und bekommt deshalb gute drei Wölkchen und eine absolute Leseempfehlung von mir.


Kommentare:

  1. Ich hab das Buch schon vor einiger Zeit gelesen und fand es ganz gut :)
    Schöne Rezension!

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  2. Ich fand das Buch toll und es ist zusammen mit "Beim Leben meiner Schwester" das Beste der Autorin!
    LG
    Martina

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