29.10.2013

# Rezensionen

[Rezi] Juli Zeh - Nullzeit

Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Roman
Seitenzahl: 255



Teaser:
Mit den Jahren hatte ich einen Automatismus entwickelt: Je hektischer sich ein Tauchder zeigte, desto ruhiger wurde ich. Meine Bewegungen verlangsamten sich, bis ich kaum noch wusste, ob ich etwas tat oder einfach nur vorhanden war.




Handlung
Eine verschlafene kleine Insel im Atlantik hat sich der Tauchlehrer Sven Fiedler ausgesucht, um mit seiner Freundin Antje Deutschland den Rücken zu kehren. Die beiden haben sich eine kleine Tauchschule aufgebaut und vor allem Sven genießt dieses Austeigerleben, das es ihm ermäglicht, seine Lebensphilosophie, sich nicht in die Angelegenheiten anderer einzumischen, konsequent zu verfolgen. Seine nächsten Kunden haben ihn und sein gesamtes Programm für 14 Tage gebucht und bezahlen eine große Summe dafür, in dieser Zeit die einzigen Gäste der Tauchschule zu sein. Die Schauspielerin Jola benötigt einen Intensiv-Tauchkurs, um sich auf ihre nächste Rolle vorzubereiten und wird von ihrem Lebensgefährten Theo begleitet.
Zunächst erscheint alles ganz normal; das Verhalten seiner beiden Schüler kommt Sven zwar von Anfang an merkwürdig vor, aber schließlich sind beides Künstlerseelen - Theo ist Schriftsteller - und die sind ja bekanntlich immer ein bisschen egozentrisch. Doch aus einem kleinen Flirt zwischen ihm und Jola entwickelt sich schnell eine für Sven undurchsichtige Dreiecksbeziehung; zwar denkt er noch lange, er habe alles unter Kontrolle, doch diese hat er schon von Anfang an abgegeben. Als er die feinen Linien des Spinnennetzes, in dem er gefangen is, endlich erkennt, ist es schon zu spät, sich daraus zu befreien.

Meine Meinung
Nullzeit ist mein erstes Buch von Juli Zeh, aber es wird sicher nicht mein letztes sein. Nicht nur ist der Plot absolut spannend zu verfolgen, die Handlung baut sich außerdem auf einer gut durchdachten Gesellschaftsreflexion auf, die sowohl die - um es auf Neudeutsch auszudrücken - FirstWorldProblems thematisiert, als auch die Tendenz vieler Menschen dazu, sich zwanghaft aus allem heraushalten zu wollen, was den eigenen Seelenfrieden stört.

Der Leser nähert sich der Geschichte durch zwei Handlungsstränge: einmal erzählt Sven, was aus seiner Sicht passiert ist und zum anderen lesen wir die Tagebucheinträge Jolas. Obwohl in beiden Darstellungen die Rahmenhandlung die selbe ist, gibt es zwischen den beiden Versionen gravierende Unterschiede.
Dass sich zwischen Jola und ihrem Tauchleherer ein kleiner Flirt eintwickelt, liest man aus beiden Berichten heraus und auch das schwierige und zum Teil gewaltvolle Verhältnis zwischen Theo und Jola beschreiben beide auf ihre Weise zwar unterschiedlich, aber dennoch treffend. Wenn es allerdings um die Frage geht, wer die Eskalation des Flirts zwischen Sven und Jola provoziert, divergieren beide Versionen; laut Sven geht Jola sehr offensiv auf ihn zu, während in Jolas Darstellung die Anziehung eher beidseitig und im Zweifel mehr auf Svens Seite herrscht. Das führt dazu, dass in Jolas Tagebüchern die Geschehnisse genau gegenteilig zu Svens Meinung beurteilt werden und man früher oder später auch als Leser nicht meht weiß, wem man jetzt eigentlich glauben soll.

Die Sympathien liegen eindeutig bei Sven, der zwar nicht der charmante Sunnyboy ist, als der er sich selbst sieht, aber vor allem im Vergleich zu Jola und Theo doch immerhin ein paar Pluspunkte bekommt. Zuerst hat mich seine Einstellung fasziniert: wandert der einfach aus, macht sein eigenes kleines Unternehmen auf und muss sich nicht mehr mit den Anzugträgern in Deutschland herumschlagen. Doch früher oder später beginnt diese passive Weglauf-Taktik nicht mehr aufzugehen und die permanente Konfliktscheuheit geht einem als Leser dann doch auf die Nerven. Wobei dieses Verhaltensmuster ausschließlich für den privaten Sven gilt; der Tauchlehrer Sven kann durchaus einmal Klartext sprechen. Er ist, wie er sich selbst treffend charakterisiert, besser unter Wasser aufgehoben als an Land. Weil er beim Tauchen ganz genau weiß, wann er wie zu reagieren hat und in der Lage ist, aufkommende Probleme zu lösen. An Land funktioniert das nicht so gut, weshalb er es lieber gar nicht zu Problemen kommen lassen würde. Doch gegen Jola und Theo, die wie eine Naturgewalt in sein Leben treten, kann Sven einfach nicht ankommen.
Das liegt vor allem daran, dass er bis zuletzt nicht merkt, in was für ein seltsames Beziehungsspielchen er da gezogen wird. Jola und Theo sind zwar offiziell ein Paar, doch werden sie eher von einer gegenseitigen, fast krankhaften Abhängigkeit voneinander zusammengehalten als von Liebe. Jola quält Theo wo sie nur kann und bringt ihn gerade beim Tauchen öfter mal in lebensgefährliche Situationen und Theo wiederum verprügelt sie mit routinierter Regelmäßigkeit. Trotzdem kommen die beiden nicht voneinander los und ziehen ausgerechnet Sven in dieses Beziehungsdrama hinein.
Schön wird es dann bei den Szenen, in denen entweder Svens Aussteigertum oder Jolas dekadentes Leben als Schauspielerin auf den Prüfstand kommen und von jeweils anderen Figuren im Roman kritisiert weden.

Es fällt mir relativ schwer, noch mehr zu diesem Buch zu schreiben, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten und somit die Spannung beim Lesen deutlich zu schmälern. Deshalb lasse ich das jetzt einfach, sage nur noch schnell, dass ich mir das Ende ein wenig fulminanter gewünscht hätte und vergebe 4 Wölkchen.



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