12.11.2013

# Rezensionen

[Sammel-Rezi] Jennifer L. Holm - Boston-Jane-Trilogie


Erscheinungsjahr: 2002, 2003, 2004
Genre: historischer Jugendroman

Heute führe ich offiziell eine neuartige Kategorie ein: die Reihen-Rezension.
Wahrscheinlich wird diese Kategorie nicht soooo oft bedient werden, weil ich generell nicht gerne viele Reihen lese und wenn ich es tue, meistens mit so viel Abstand zwischen den Büchern, dass ich niemals nach Beenden des letzten Buches noch irgendetwas Produktives zum ersten schreiben könnte, aber heute hat es sich angeboten. Also los!

Die Boston-Jane-Reihe gehört mit zu den Büchern, die mich durch meine Jugend begleitet haben, mit denen ich viel verbinde und die ich deshalb immer wieder sehr gerne lese - obwohl ich sie stellenweise fast auswendig aufsagen kann.
Es geht darin um die 16-jährige Jane Peck, die ihre Heimat hinter sich lässt und im Grenzgebiet Amerikas eine neue Existenz aufbaut. Zeitlich lässt sich die Geschichte also auf die Mitte des 19. Jahrhunderts eingrenzen, als der Westen Amerikas besiedelt wurde.
Los geht es allerdings erst einmal mit Janes Kindheit in Philadelphia, wo sie die ersten 15 Jahre ihres Lebens zusammen mit ihrem Vater und Mrs. Parker, ihrer geliebten Haushältern, verbringt. Janes Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben und ihr Vater - ein guter Arzt und in der Gesellschaft hoch angesehener Mann - wollte nicht noch einmal heiraten. Weil es also keine feine Dame in diesem Haus gab, hat Jane auch nie gelernt eine zu sein. Ihr Vater hat sie zur Volksschule geschickt, damit sie lesen und schreiben lernen konnte, aber von Etikette, Manieren und allgemeinen Verhaltensregeln hat Jane keine Ahnung. Ihr bester Freund ist der Sohn der Haushälterin und zusammen mit ihm ist sie den ganzen Tag auf den Straßen Philadelphias unterwegs, wirft Pferdeäpfel auf vorbeifahrende Kutschen oder spuckt den feinen Herren auf den Hut. Zusammen mit ihrem Vater liest sie Bücher und führt viele anregende Gespräche, denn James Peck ist ein Freigeist, der wenig Wert auf die Meinung anderer legt und allgemein sehr moderne Ansichten zu den Problemstellungen dieser Zeit - zum Beispiel dem Sklavenhandel - hat. Einziger Schatten in Janes Leben: Sally Biddle, die mit ihrern tadellosen Umgangsformen, ihren perfekten blonden Ringellöckchen und ihren wunderschönen Kleidern der inbegriff einer perfekten jungen Dame ist und immer versucht, Jane eins auszuwischen. Die Dinge spitzen sich ein bisschen zu, als William auf der Bildfläche erscheint - blond, groß, gutaussehend - und bei Janes Vater seine Ausbildung zum Arzt vervollständigt. Er wohnt also bei den Pecks im Haus, isst mit ihnen zu Abend und schon am ersten Tag ist Jane hoffnungslos verliebt. William ist es, der ihr den Tipp gibt, Miss Hepplewhite's Akademie für junge Damen zu besuchen, um mit ihren 12 Jahren endlich zu lernen, wie man sich als Erwachsene in der Gesellschaft bewegt. Unermüdlich arbeitet Jane an sich, zähmt ihr wildes Wesen und ihre unbändigen roten Locken und wird eine ebenso tolle junge Dame wie Sally. Sie ist still, fügsam und immer bestrebt, anderen angenehm zu sein. Und im Zweifelsfall ist sie bereit, auf Kommando in Ohnmacht zu fallen.
Und dann beschließt William, dass er nach Ende seiner Ausbildung in den noch unbesiedelten Westen Amerikas auswandern will, um dort ein eigenes Stück Land zu erwerben. Janes Welt bricht zusammen und nach Williams Abreise ist sie am Boden zerstört. Doch nach einer unregelmäßigen Brieffreundschaft kommt dann irgendwann die Frage, die Janes Leben verändern wird: William bittet sie darum, seine Frau zu werden. Natürlich nimmt Jane den Antrag an und macht sich auf den Weg in den Westen zur Shoalwater Bay in eine neue, ihr gänzlich unbekannte Welt.

Da die Geschichte aus der Ich-Perspektive geschrieben ist, besteht eine ziemliche Jane-Konzentration, aber das ist in keiner Weise schlimm. Sie bietet nämlich eine sehr gute Identifikationsfläche, ohne dabei in die Profil- und/oder Gesichtslosigkeit abzurutschen. Was umso bewundernswerter ist, weil die Damen des 19. Jahrhunderts im Idealfall schon von vorneherein keinen wirklichen Charakter haben sollten; Bescheidenheit und Schweigsamkeit sind die Werte, die in Miss Hepplewhites Akademie vermittelt werden und denen Jane sich anzupassen versucht. Sie ist angelegt als rothaariges, temperamentvolles Mädchen, das ziemlich naiv durch ihr Leben läuft. In Philadelphia hatte sie da auch alles, was sie brauchte - eine liebe Familie, ein warmes Bett und relativen Wohlstand. Im Grenzland sieht das natürlich ganz anders aus - ihr Bett steht nun zusammen mit den Betten vieler Pioniere in einem kleinen, dreckigen Blockhaus und Jane muss unter anderem lernen, was Arbeit bedeutet. Auch so manch andere Lektion erfährt sie dort und macht eine Entwicklung durch, bei der es Spaß macht, sie zu verfolgen.
Auch die übrigen Charaktere sind authentisch gezeichnet - die Autorin hat einige nach realhistorischen Vorbildern gestaltet und ich finde, das merkt man auch. So ist der Abenteurer und Amateur-Anthropologe James G. Swan, der für Jane zu einer Art Vater-Ersatz an der Shoalwater Bay wird, einem der ersten Siedler dieses Territoriums nachempfunden. Natürlich sind die Figuren an moderne Ansichten angepasst; eine Tatsache, die mich bei historischen Romanen normalerweise stört, hier aber gerade noch in vertretbarem Rahmen bleibt. Swan erforscht die Lebensweise der ortsansässigen Indianer, Flora und Fauna der Region und ist eine Art vermittelnde Instanz bei Geschäften, Streitigkeiten oder wo auch immer er gebraucht wird. Wie fast alle Männer an der Shoalwater Bay ist er eine kleine Schnapsnase aber dadurch trotzdem kein unsympatischer Charakter. Im Gegenteil ist er maßgeblich dafür verantwortlich, dass Jane sich an diesem ihr anfangs nicht sehr einlandend erscheinenden Ort zuhause fühlen kann.

Die Themen, die im Buch abgehandelt werden, können auch ganz leicht in die Gegenwart übertragen werden. Es geht um Rivalität mit Mitschülerinnen, richtiges gesellschaftliches Verhalten (was man heute wohl eher soziale Kompetenz nennen würde), die erste Liebe, Desillusionierung nach einer sehr komfortablen Kindehit und allgemein ums Erwachsen-Werden und sich auch so zu verhalten lernen. Das Setting ist aber dafür ein ganz besonderes - die Umgebung und die Umstände in dem ehemaligen Territorium Washington - in dem die Shoalwater Bay liegt - sind so eingängig beschrieben, dass man fast selbst das Meer rauschen hört und sich gedanklich schon bereit macht, um mit dem Kanu die nächste Ladung Austern einsammeln zu gehen. Obwohl ich vielleicht nicht die objektivste Bewertung abgeben kann, weil ich mit dieser Buchreihe sehr viel verbinde und ich ehrlicherweise zugeben muss, dass ohne diese romantische Verklärung, die ich dafür empfinde, die Bewertung vielleicht einen Ticken strenger ausfallen würde, kann ich nur eine allgemeine Leseempfehlung aussprechen und der gesamten Reihe 5 rosa Wölkchen verleihen.


1 Kommentar:

  1. Wow. Ich muss echt sagen, ich kenne die Bücher absolut nicht, aber deine Rezension von ihnen.....die macht mich superneugierig! Das nächste mal in der Bibliothek werd ich die suchen....oder gleichmal in die Onleihe schauen...mal sehen ;)

    Ich kenn das mit den Reihen. Es gibt eindeutig zuviele, so viel ist ja mal klar -.-
    Das Zusamme-Rezensieren mach ich aber eher bei einer Duelogie, bei der ich echt denke, anders lohnt es sich nicht ;) Aber meine erste Reihen-Rezension steht schon in ihren Startlöchern ^.^ Deine ist jedenfalls unglaublich toll geworden!

    Liebste Grüße,
    L E Y

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