05.12.2013

# Rezensionen

[Rezi] Martin Walser - Das dreizehnte Kapitel

Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Briefroman
Seitenzahl: 270



Teaser:
Anrufen, wenn es zu spät ist, das ist alles, was man muss.
Welt reimt sich auf Sinn, wie sich Blüte auf Liebe reimt.






Handlung
Die Bundespräsidentin lädt ein. Zu einer Preisverleihung für Hirnforscher. Die Größen des aktuellen Wissenschaftsbetriebs und allgemein die Crème de la Crème der Inellektualität sind anwesend. Unter den Gästen befinden sich auch Basil Schlupp und Maja Schneilin. Er ist der gefeierte Autor des Erfolgsromans "Strandhafer" und sie ist Professorin fpr evangelische Theologie. Beide sind sie glücklich verheiratet und trotzdem kann zumindest Basil Schlupp die Augen den ganzen Abend nicht von Maja abwenden. Alles an ihr, von dem abrupt endenden Lachen bis hin zu ihrer Frisur faszinieren ihn unheimlich. Sie ihrerseits scheint ihn dagegen gar nicht zu bemerken.
Nach dem Abend schreibt Basil einen Brief an Maja, traut sich aber erst nicht, ihn auch abzuschicken. Irgendwann schafft er es aber, seinen inneren Schweinehund zu überwinden und erhält - völlig unerwartet - briefwendend eine Antwort von ihr. So entsteht nach und nach eine vertrauensvolle Brieffreundschaft zwischen den beiden. Das Spiel mit der moralischen Grenze - dem möglichen Verrat an ihren jeweiligen Ehepartnern, wenn sie dem anderen zu viele Geheimnisse von sich preisgeben - und die Möglichkeit, sich auszutauschen, lässt beide sich immer weiter emotional an den anderen gebunden fühlen.
Dann wird Majas Mann schwer krank und die beiden brechen zu einer großen Radtour quer durch Kanada auf - dem Lebenstraum ihres Mannes, den sie ihm unbedingt erfüllen möchte, solange beide körperlich noch dazu in der Lage sind. Von dieser Zeit berichtet Maja Basil via EMail - allerdings bleibt der Briefverkehr in diesem Fall auf Majas Wunsch einseitig.

Meine Meinung
Ein Briefroman sollte es mal sein. Bisher habe ich wenig Erfahrung mit dieser Art von Strukturaufbau, aber gerade deswegen war ich sehr neugierig auf dieses Buch. Und dann wurde es natürlich gleich ein Briefromanüber die Liebe - irgendwie passt diese Kombination meinem Empfinden nach sehr gut. Und dieses Gefühl hat mich nicht getäuscht.

Die Geschichte von Maja und Basil ist in zwei grobe Abschnitte einteilbar. Im ersten Teil lernen sich die beiden kennen und auf Basils Initiative hin entsteht dann diese besondere Brieffreundschaft. Am Anfang ist Basil dabei immer noch im Rechtfertigungsmodus und versucht zu erklären, warum er es nicht lassen kann, diesen Brief zu schreiben. Er versucht zu erklären, was er eigentlich nicht erklären kann und seine Gedanken fasst er in sehr schöne Worte, die es wert sind, auseinander gedröselt zu werden.
Dabei geschieht an sich sehr wenig; der Fokus liegt ganz klar auf dem Innenleben der Figuren, die diese selbst in ihren Briefen ausbreiten. Großes Thema ist natürlich der Verrat am jeweiligen Ehepartner, der vielleicht bei Basil noch ein wenig krasser ausfällt, als bei Maja. Beiden ist klar, dass es sich niemals um eine körperliche Beziehung zwischen den beiden handeln wird, und dennoch steht eine Art von Betrug im Raum. Dadurch, dass sich die beiden gegeseitig Gedanken offenbaren, die sie bewusst vor ihren Partnern verschließen. Und Basil geht sogar noch einen Schritt weiter. Er zitiert in seinen Briefen Passagen aus dem Buchmanuskript seiner Frau - mit dem Titel "Das dreizehnte Kapitel" - und ist sich dieses Vertrauensbruches auch sehr bewusst. Für mich war das ein wirkliches Unding und viel schwerwiegender als alles, was Maja schreibt.
Beide Figuren kommen in diesem ersten Teil als etwas suspekte Mischung aus Egozentrismus und Fixierung auf den anderen daher, was ich für gestandene Erwachsene irgendwie etwas merkwürdig fand. Gleichzeitig illustriert diese Tatsache aber auch, dass vor der Liebe keiner sicher ist ;)

Der zweite Teil weicht dann ab von der Beschreibung der jeweiligen Seelenlsage und legt mehr Fokus auf tatsächliche Handlung. Maja berichtet von ihren Erlebnissen in Kanada und Basil darf nicht antworten, weil diese Korrespondenz ihr Gewissen zu sehr belastet.

Eine künstlerische, nicht einfach zu verstehende Sprache versetzt einen in die Welt dieser beiden Protagonisten. Die Stilistik der Briefe ist an den jeweiligen Schreiber angepasst - überschwänglich Basil und philosophisch Maja. Insgesamt keine leichte aber eine lohnenswerte Lektüre. 4 Wölkchen von mir.


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