14.01.2014

[Gerede] Was Identitätskrisen mit Kommoden zu tun haben

Warum muss man Menschen eigentlich immer in Schubladen einteilen?
Ich meine, ist es wirklich so wichtig, jeden Einzelnen in ein bestimmtes Schema reinzuquetschen? Und wenn ja - warum ist das so?
Dieses Prinzip ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Das geht doch schon bei den Sternzeichen los. Die Konstellation der Sterne bei der Geburt eines Menschen sagen laut vieler Kulturen etwas über dessen Persönlichkeit aus. Pfft. Es gibt 6 Milliarden Menschen auf der Erde und die sollen - nehmen wir mal unser westliches System als Grundlage - in gerade mal 16 Charaktermuster passen? ...alle?
Also, ich weiß ja nicht.
Vielleicht geht es bei diesem Schubladendenken ja gar nicht um die anderen, sondern um einen selbst. Also um das Individuum. Klingt paradox, aber könnte doch sein. Frei dem Motto: indem ich die anderen einordne, kann ich gleichzeitig auch mich selbst einordnen. Durch diese Abgrenzung erschaffe ich meine eigene Identität und deshalb muss ich die Menschen um mich herum in verschiedene Schubladen packen. Damit es nämlich für mich auch eine Schublade geben kann, nach der ich mich definiere. Und selbst, wenn ich diese Schubladen vehement ablehne und mich dadurch quasi auf die Kommode setzte, bin ich damit doch immernoch ein Teil dieses Systems.

Worum es mit grade eigentlich geht: ich weiß, Menschen in Kategorien zu ordnen, ist blöd, weil es zu Fehleinschätzungen und Vorurteilen führt. Aber irgendwie erleichtert es nicht nur das allgemeine Zusammenleben, sondern dient außerdem der persönlichen Entwicklung, sofern man diese Kategorien nicht als statisch, sondern als variable, unkonstante Vereinfachungensmethoden wahrnimmt, die nicht alle Nuancen eines Charakters erfassen kann.

Seit ein paar Wochen beschäftige ich mich näher mit einer besonderen, binären Einteilung der Menschen - der Extroversion und der Introversion - und habe wirklich interessante Sachen dabei herausgefunden.
Ich dachte immer, ich wäre so ein paradoxer, undefinierbarer Mischmasch-Mensch, wenn es nach dieser Einteilung geht, weil ich manchmal super gerne viele Menschen um mich herum habe und dabei total aufblühe und mich dann aber wieder tagelang zu Hause vergrabe ohne mit einer Menschenseele zu reden. Bei Gesprächen kann ich entweder keine Sekunde die Klappe halten oder ich bin zufrieden als stille Zuhörerin. Das ist je nach Tagesform einfach total unterschiedlich und deckte sich nicht mit meinem Verständnis von extrovertierten und introvertierten Menschen.
Nach meinem (mittlerweile entstaubten) Bild, waren extrovertierte Personen Rampensäue, die das große Publikum brauchen und das Leben als Bühne betrachten. Die jedes Wochenende von einer Party zur nächsten fallen, 5000 Freunde haben und bei denen immer was los sein muss.
Introvertierte Personen dagegen waren für mich die schüchternen Stubenhocker mit Hang zur Sozialphobie, die am liebsten in ihrem Zimmer sitzen und ihre Pickel ausdrücken - die sie haben, weil sie nie an die frische Luft und die Sonne kommen.

Und offensichtlich passte ich in dieses Weltbild nicht rein. Genaugenommen passen die wenigsten Menschen exakt in eins der Extreme, denn jeder Mensch hat extrovertierte und introvertierte Eigenschaften. Nur auf die Ausprägung kommt es an.
Was allerdings viel wichtiger ist: Extrovertierte Leute können schüchtern sein und introvertierte machen auch mal Party!
Woa! Erkenntnis des Tages!
Tatsächlich geht es bei dieser Einteilung nämlich weniger um das vorhandene oder nichtvorhandene Sozialverhalten einer Person, sondern vielmehr darum, unter welchen sozialen Umständen man entspannen und quasi seinen Akku wieder aufladen kann. Das ist angeboren und beides ist absolut normal. Die Extros (wie ich im folgenden liebevoll schreiben werde) brauchen den Austausch mit anderen, um ihre innere Energieleiste wieder auffüllen zu können und im Gleichgewicht zu bleiben. Intros dagegen brauchen dafür Zeit alleine, in der sie ihre Gedanken ordnen und zur Ruhe kommen können. Über Social Skills verfügen beide - nur können diese Skills bei Intros leichter untergehen, wenn man sie nur oberflächlich kennt.

Deshalb kann ich nach dieser Recherche und diesem Test klar und eindeutig sagen: Hey, ich bin nicht
merkwürdig gepolt, sondern es überwiegt nur einfach die introvertierte Seite.
Dass das natürlich die Seite der Medaille ist, die in der heutigen Zeit eher aneckt und auf Unverständnis stößt, ist nicht verwunderlich. Erstens ist bei 75% der Menschen die extrovertierte Seite ausgeprägter, was bedeutet, wir Intros sind in der Minderheit. Und zweitens ist das komplette westliche Gesellschaftssystem auf die Stärken der Extros ausgerichtet. Schaut euch mal die Ellenbogenmentalität der Kapitalisten an! Los!
Dann wisst ihr, was ich meine.
Das soll jetzt natürlich kein Rumgejammere werden, wie schrecklich gemein doch alle sind. Introvertierte Menschen haben genauso hohe Chancen, ein glückliches Leben zu führen, wie extrovertierte Menschen. Ein wichtiger Schritt für mich war aber auf jeden Fall, festzustellen, was da bei mir überwiegt. Denn es erklärt so einiges:
Ich verbringe definitiv gerne Zeit alleine; Feiern muss aber hin und wieder auch mal sein - bitte nicht jedes Wochenende, aber so ein bisschen Tanzen gehen hin und wieder macht definitiv Spaß. Smalltalk hat mich schon immer absolut gelangweilt und zeitweise sogar überfordert. Mittlerweile kann ich das zwar ganz gut, aber rede angenehm finde ich es immernoch nicht. Ich rede gerne so richtig mit Leuten über Dinge, die sie und/oder mich beschäftigen und so weiter. Weil solche Gespräche natürlich Vertrauen voraussetzten, dauert es immer ein wenig, bis sie zustande kommen; aber das hat nichts mit Schüchternheit zu tun. Und mir sind 5 gute Freunde - mit denen ich auch mal zusammen allein sein kann, um den Akku aufzuladen - viel viel lieber als 30 oberflächliche Bekannte aus dem Bungee-Jumping-Verein.
Manchmal ist es gar nicht so einfach, diese beiden Seiten in Einklang zu bringen und auch wenn meine introvertierte Seite dominant ist, mag und brauche ich trotzdem Menschen um mich herum. 
Diese Einteilung gefällt mir auf jeden Fall besser, als die Kategorisierung nach Sternzeichen. Weil sie erstens auf tatsächlichen Handlungen einer Person besteht und zweitens nicht Anspruch erhebt, den kompletten Charakter eines Menschen festlegen zu wollen.

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr den Test auch gemacht oder wusstet ihr schon vorher, welche Seite bei euch dominant ist? Oder seid ihr total ausgeglichene Mittelwertspersönlichkeiten?

Kommentare:

  1. Ich bin auch ziemlich gegensätzlich, aber ich mag meine 'laute' Seite nicht so sehr, weil sie gerne außer Kontrolle gerät, ich zuviel rede und das Menschen nicht gut finden. Allerdigns merke ich, dass dahinter nur die Angst steht, nicht wahrgenommen zu werden und unterzugehen.

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  2. Diesen Text habe ich gern gelesen :) die gesellschaft dieser welt vereinfacht solche einschätzung viel zu sehr und das individuum hält sich immer selbst für einzigartig.... Ach, auf jeden fall ist das identifizieren der identität dann meistens doch nicht so einfach und ich finde es schön, wenn leute wie du das ab und zu einem wieder ins gedächtnis rufen :)

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  3. Du bist richtig gut darin! Du hast mal auf den Punkt gebracht, was mir auch öfter mal durch den Kopf zischt, dass man nicht "die einen so" und "die andren so" einordnen soll. Dein Text ist irgendwie voll spannend, weil man währenddessen auch selbst überlegt, wo man mich einordnen sollte. Doch wie bei vielen Sachen sag ich mal wieder: Ich bin beides. Nicht die Hälfte von irgendwas sondern ganz beides. Ganz intro. Ganz extro. Und das ist gut so. (Hat sich fast gereimt :D)
    Ich glaube, wenn man mal schnell einen neuen Menschen trifft, ordnet man ihn in der ersten Sekunde irgendwohin ein, damit man mit ihm umgehen kann. Erst dann kann man(bei mir ja eher frau^^) wirklich erkennen, was das für ein Mensch ist. Und jedesmal erkennt man, dass dieser Mensch nirgendswo einzuordnen ist. Ich glaube kaum, dass es bei einem Menschen möglich ist, ihn GENAU da einzuordnen.....also.....deinen Gedankengang kann ich mit voller Überzeugung unterschreiben ;)
    Liebste Grüße ♥
    L E Y

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  4. Seeehr interessantes Thema und auch toll, wie du dich damit auseinander setzt.
    Ich halte diese Schubladendenken auch für sehr bedenklich. Das funktioniert einfach nicht.
    Bei mir habe ich das so beobachtet: Auf der einen Seite bin ich fremden/eher fremden Menschen gegenüber sehr schüchtern, habe aber gleichzeitig keine Probleme mich vor eine 30-Schüler starke Grundschulklasse zu stellen und zu unterrichten. Auch alle meiner näheren Freunde würde niemals von mir sagen ich sei schüchtern. Wiederum auf der anderen Seite fehlt es mir seeehr schwer neue Leute kennen zu lernen.
    Irgendjemand (mir fällt es leider nicht mehr ein, wer das war, ich meine irgendeine YouTuberin) hat mal etwas gesagt, was ich sehr auf mich beziehen konnte. Sie sagte, dass sie sich gerne mit Freunden trifft und ihr das auch wirklich Spaß macht, allerdings raubt es ihr Energie, die sie wieder 'auftankt', wenn sie alleine ist. Und ich denke, dass genau DAS den Unterschied zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen ist: Erstere tanken Energie, wenn sie alleine sind (bzw. nur mit den allernächsten Menschen zusammen sind...Partner, Familie etc.). Letztere hingegen tanken Energie, wenn sie Menschen kennen lernen und mit Freunden unterwegs sind...so sehe ich das. ;)

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  5. Hast du sehr schön geschrieben und ich habe ein bisschen was Neues dazu gelernt. :)
    Wobei ich finde ja das viele Charaktereigenschaften die man so manchen Sternzeichen zu ordnet durchaus stimmen, vielleicht nicht bei allen, aber bei vielen. ;)
    Liebe Grüße,
    Nina

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  6. Aloha, wir haben deinen Beitrag auf unserer Facebookseite "blogARTig" veröffentlicht. Solltest du etwas dagegen haben, bitte laut schreien.

    Liebste Grüße
    blogARTig

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    1. Oooh, voll nett - vielen Dank fürs Verlinken! :D

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