21.01.2014

# Rezensionen

[Rezi] Margaret Mitchell - Vom Winde verweht

Erscheinungjahr: 2004 (Original: 1936)
Originaltitel: Gone with the Wind
Genre: Klassiker; Entwicklungsroman
Seitenzahl: 1135



Teaser:
Wie es kam, dass Scarlett von ihm gefesselt wurde, obwohl doch sein Gemüt dem ihren so fremd war, wusste sie nicht. Gerade das Geheimnisvolle an ihm erregte ihre Neugier. Es war wie eine Tür, die weder Schloss noch Schlüssel hatte.




Handlung
Tara, die Baumwollplantage der O'Haras, ist die größte und schönste im ganzen Süden. Davon ist nicht nur Scarlett O'Hara, die älteste Tochter des Hausherren, überzeugt, sondern auch die Nachbarn können einen gewissen Wahrheitsgehalt dieser Aussage nicht leugnen. Unmengen an Baumwolle wirft die Plantage jährlich ab und kann gewinnbringend verkauft werden, sodass die O'Haras zu den wohlhabendsten Familien in Georgia gehören. Diesen Reichtum haben sie der harten Arbeit Gerald O'Haras zu verdanken, der mit nichts außer großen Plänen aus Irland nach Amerika gewandert kam und es innerhalb einer Generation zu einem erfolgreichen Mann gebracht hat, der nach Außen hin gerne seine harte Schale trägt, aber im Inneren einen weichen Kern hat und so auch mit den Sklaven umgeht, die auf Tara leben und auf deren Arbeitskraft viel von dem Wohlstand der Familie beruht. Auch Ellen, Geralds Frau und Scarletts Mutter, hat viel zu dem Erfolg der Plantage beigetragen, indem sie den Sklaven eine gütige Pflege zuteil werden lässt und hart aber gerecht über die Plantage herrscht. Da sie einem alten französischen Adelsgeschlecht entstammt, erzieht sie ihre drei Töchter nach strengen moralischen, religiösen und gesellschaftlichen Maßstäben.
Bei Scarlett schlägt diese Erziehung nur oberflächlich an, denn ihr Wesen gleicht doch eher ihrem stürmischen und temperamentvollen Vater als ihrer hoheitsvollen, vornehmen Mutter. Dennoch ist sie durch ihr Aussehen, das dem der klassischen Southern Belle genau entspricht, der Schwarm alle jungen Männer der vornehmen Familien und spielt sehr gerne mit diesem Bonus. Insgesamt hat sie eine wunderschöne und sorgenfreie Jugend auf Tara, die für sie abrupt endet, als sie sich in einem Trotzanfall in eine Zweck-Ehe stürzt und nach Atlanta ziehen muss.
Dann brechen die Befreiungkriege der Sklaven in den Südstaaten aus und mit der heilen Welt, die Generationen von Familien erbaut haben ist es vorbei, denn der gesamte Süden versinkt im Chaos des Krieges und des Wiederaufbaus.
Einziger Fixpunkt in dieser Welt für Scarlett ist Rhett Butler, mit dem sie eine herzliche Hass-Liebe verbindet und der sich nicht wie alle anderen Männer von ihr um den Finger wickeln lässt.

Meine Meinung
Ein dicker und entsprechend vielschichtiger Schmöker, der vom Namen her wahrscheinlich jedem bekannt sein dürfte, habe ich mir da mal vorgenommen und auch ziemlich lange daran gelesen.

Aber das Buch ist ja so gut! Der Leser wird regelrecht aus dem Alltag gerissen und in eine ganz andere Welt mit anderen Maßstäben, Wertvorstellungen und Umständen verfrachtet.
Natürlich habe ich anfangs öfter Anstoß daran genommen, wie über Sklaven oder allgemein Frauen gedacht wird und wie unreflektiert die Meinungen übernommen werden. Allerdings muss ich jetzt zum Ende des Buches hin sagen, dass die Reflexion schlicht und ergreifend vom Leser geleistet werden muss und der Text vor allem gegen Ende sehr viel Hilfestellung dazu gibt.

Nehmen wir zunächst einmal die Sklavenfrage. Natürlich wissen wir heute alle, unter welchen unmenschlichen Arbeitsbedingungen die Sklaven auf den Baumwollplantagen gelebt haben und dass die Befreiung wichtig, nötig und langfristig gesehen gut war. Am Anfang des Buches wird dagegen ein sehr romantischen Bild der Sklavenarbeit gezeichnet; die Schwarzen fühlen sich stolz, wenn sie Teil einer so renommierten Plantage wie Tara sind und werden von der Hausherrin selbst gesund gepflegt, sollten sie krank sein. Auch ausgepeitscht wird auf Tara offensichtlich niemand, was mich schon sehr stutzig gemacht hat, weil es mir sehr verklärt vorkam. Interessant schon hier ist allerdings das viele Hintergrundwissen, das im Roman vermittelt wird - nämlich dass die Haussklaven sehr wohl ein wichtiger und geliebter Bestandteil der Familie waren, denen Verantwortung und Vertrauen entgegengebracht wurden.
Im Gegensatz dazu stehen die Ansichten der Yankees, die den Süden besetzten und die Sklaven befreiten. Denn obwohl sie sich nach außen hin für die Gleichberechtigung einsetzten, waren auch in deren Köpfen Vorurteile und Geringschätzung für die Schwarzen festgesetzt, die sogar schlimmer waren als die der Südstaatler. Und das ist nur eins der Beispiele, die mich meine Meinung zur Darstellung der Sklavenarbeit revidieren ließen, auch wenn mir manche Passagen übel aufgestoßen sind. Diese ungeschönte Art, den Blick auf die Menschen darzustellen trägt auf jeden Fall zum authentischen Stil des Buches bei und ist in keiner Weise Fürspruch zur Sklaverei, sondern eine Skizze der eventuellen zeitgenössischen Thematisierung dieses Themas.

Die Geschichte um Scarlett entwickelt sich so eindrücklich und jede Station in ihrem Leben wird in so dichter Atmosphäre beschrieben, dass man sich einfach nur in dem Buch verlieren kann.
Und dabei ist Scarlett wohl der unsympathischste Hauptcharakter, der mit je untergekommen ist. Oder rangiert zumindest sehr weit oben auf der Liste der dummen Nüsse. Sie ist oberflächlich, egoistisch, gierig und stur. Sie will immer im Mittelpunkt stehen und das gelingt ihr auch meistens. Wahrscheinlich ist es aber größtenteils diesen Eigenschaften zu verdanken, dass sie ihre Familie mehr oder weniger gesund durch den Krieg bringen kann und auch beim Wiederaufbau der zerstörten Stadt gleich wieder obenauf sitzt. Denn bei allem schlechten, was sie auszeichnet, ist sie dennoch eine absolut starke Persönlichkeit.
Fast ihr ganzes Leben lang lebt sie nur für die Liebe eines Mannes, den sie nie bekommen kann, denn Ashley Wilkes ist bereits verheiratet und ein Gentleman der alten Schule, der niemals - und sei die Versuchung auch noch so groß - untreu sein kann.
Scarlett sehnt sich so sehr nach Ashley, dass sie für ihre "wahre" (es klingt so kitschig, aber es passt hier irgendwie) keine Augen hat und Rhett Butler immer wieder von sich weist.
Allerdings muss man ihr zugute halten, dass er nicht in gewohnter Gentleman-Manier um sie wirbt, sondern ihre Spielchen durchschaut, sie vorführt und ihr immer wieder ihre Grenzen aufzeigt.  Die Dialoge zwischen den beiden sind unglaublich spannend, auch wenn früher oder später immer Rhett die Oberhand hat.


Den Film kenne ich zwar nicht, aber ich kann wirklich nur jedem ans Herz legen, dieses Buch zu lesen. Es ist leider mit den Attributen "schmalzig" und "kitschig" belegt, aber ich kann euch versichern, dass die Liebesgeschichte wirklich keinen zu großen Raum einnimmt und eigentlich überhaupt nichts kitschiges an sich hat. Eher etwas tragisches. Für mich lag der Schwerpunkt des Romans auf der einen Seite natürlich bei Scarletts persönlicher Entwicklung und ihrem Lebensweg und zum anderen bei den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen zur Zeit der Sklavenbefreiung in den USA.
Ein absolut lesenswertes Buch. 5 rosa Wölkchen von mir.


Kommentare:

  1. 1135 Seiten? Wahnsinn. Aber ich schätze irgendwann muss das mal sein ;)

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  2. Oh diesen Wälzer habe ich auch noch auf meinem SuB liegen. Mal schauen wann ich mir dafür Zeit nehme! Ich kann dir den Film auf jeden Fall sehr empfehlen - allerdings scheint es mir nach deiner Rezension so zu sein, dass der Film stärker auf die Liebesgeschichte eingeht. Tragisch geht es auch da ohne Frage zu. Und das der Film schon etwas älter ist (1939?) tut dem auch keinen Abbruch!

    LG Anni

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