31.01.2014

[Rezi] Thomas Mann - Der Erwählte

Erscheinungjahr: 2012 (Originalausgabe: 1951)
Genre: Klassiker
Seitenzahl: 256



Teaser:
Aber so ist es die Art des Geistes der Erzählung, den ich verkörpere, daß er sich anstellt, als sei er in allem, wovon er kündet, gar wohlerfahren und zu Hause.






Handlung
Einen zweiten Mann, der so gänzlich aus Sünde besteht und dessen Leben in so großer Sünde weitergeht, gibt es wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt. Denn Gregorius' Eltern waren eigentlich nicht dazu bestimmt, zusammen Kinder zu bekommen - sie waren nämlich Geschwister. Als Waisen eines Königspaares bleiben die beiden zurück - Wiligis, der Junge als Herrscher über das Land und Sibylla, seine Zwillingsschwester. Die Mutter der beiden starb bei der Geburt und so wurden sie nur von ihrem Vater großgezogen. Beide erhielten die beste Ausbildung und mit erblühender Jugend kann sich Sibylla vor Heiratsanträgen nicht mehr retten. Doch dem stolzen Vater will kein Werber gut genug sein und so trägt er noch im Sterbebett seinem Sohn auf, er solle sich gut um seine Schwester sorgen und sie nicht bedenkenlos verheiraten.
Als Sibylla dann entdeckt, dass sie von ihrem Bruder ein Kind erwartet, ist der Schrecken natürlich groß. Auf Anraten des einzigen Vertrauten der beiden, zieht Wiligis aus zur Buße vor Gott und Sibylla setzt ihr neugeborenes Baby in einem Fass ins Meer, auf dass Gott sein Schicksal bestimmen kann, und übernimmt die Herrschaft über das Land. Wiligis kommt bei deiner Buße ums Leben.
Das Baby hingegen wird von zwei Fischern gefunden und zu einem Abt ins Kloster gebracht. Dieser tauft es und sorgt dafür, dass das Kind großgezogen und ausgebildet wird, obwohl er durch eine Tafel, die neben dem Kind im Fass war, seine ganze Geschichte geschrieben steht und der Abt um die sündige Herkunft des Kindes weiß. Mit den Jahren wächst Gregorius heran und als er von den Umständen seiner Zeugung erfährt, ist sein einziges Ziel, seine Eltern zu finden und mit ihnen zu reden. Also macht er sich mit der Tafel auf den Weg.

Meine Meinung
Mit dieser Geschichte hat Thomas Mann einen mittelalterlichen Stoff überarbeitet, der im deutschsprachigen Raum wohl am bekanntesten von Hartmann von Aue überliefert ist. Und genau das ist auch der Grund, weshalb ich mich riesig auf dieses Buch gefreut habe, denn die Fassung Hartmanns von Aue habe ich in meinem ersten Studienjahr gelesen und war sehr neugierig, was Thomas Mann daraus gemacht hat.

Nachdem Gregorius losgezogen ist, um seine Eltern zu finden, gelangt er als Ritter zu dem Schloß seiner Mutter und findet dieses belagert vor. Ein Minnekrieg um die Hand seiner immernoch jungen und schönen Mutter hält seit Jahren die Stadt gefangen. Sibylla hat nämlich nach dem Fiasko mit ihrem Bruder und dem schweren Verlust geschworen, nie wieder einen Mann auch nur anzuschauen. Gregorius - der ja nicht weiß, dass es sich bei der Schönheit um seine Mutter handelt - fordert den Werber heraus, besiegt ihn und beendet so den Minnekrieg. Auf Drängen ihres Volkes und ihrer Berater und weil sie Gregorius überaus attraktiv findet, heiraten Sibylla und Gregorius um Anschluss; natürlich nicht ahnend, dass Gregorius Sibyllas Kind ist.
Nun ja. Das sind die beiden großen Sünden, mit der Gregorius zu leben hat. Seine Frau ist gleichzeitig seine Mutter und seine Tante, was eine wirklich ungünstige Familienkonstellation ist, wenn ich das mal so sagen kann. Um den weiteren Handlungsverlauf ein wenig abzukürzen: als die Reichweite dieser Sünde ans Licht kommt, ziehen beide aus, um zu büßen. Sibylla an den Rand der Stadt, wo sie die Kranken und Aussätzigen pflegt und auf das gemütliche Leben im Schloß verzichtet. Und Gregorius kettet sich für 17 Jahre an einen Felsen, magert ab und verwahrlost in ehrlicher Reue. Der Papst stirbt und Gott sendet dem Vatikan in Form eines prophetischen Traums die Vision, dass der neue Papst in der Einöde an einem Felsen gekettet seit Jahren einer seiner treusten Diener ist. Gregorius wird also Papst, Gott hat ihm verziehen und in seiner neuen Funktion kann er auch seiner Mutter - dessen Vater er ja nun im übertragenden Sinne auch noch ist, um das Verwirrspiel komplett zu machen - ebenfalls die stellvertretend ihre Sünden vergeben.

Wenn man die Vorlage kennt, der sich Thomas Mann hier bedient hat, kann man die Adaption wahrscheinlich nur grandios finden. Charakteristische Merkmale mittelalterlicher Erzähltechnik werden so geschickt übernommen und dabei mehr oder weniger subtil ironisiert, dass es wirklich Spaß macht, den Roman zu lesen. Vor allem die Erzählinstanz ist mein persönlicher Held in der ganzen Geschichte, weil sie die ganze Zeit ihren Senf zu den Handlungen der Figuren abgibt und teilweise so stark ins Lächerliche zieht, dass es die verschachtelten Kettensätze definitiv wert sind, entschlüsselt zu werden.
Wer kein Französisch und Latein kann, wird es an manchen Stellen ein bisschen schwer haben, alles genau zu verstehen, denn genau wie Mittelhochdeutsch fließen auch diese beiden Sprachen ab und an in den Text ein. Auch besitzt er eine ganz faszinierende Metrik, die manchmal fast schon ein richtiges Versmaß hat, obwohl der Roman in Prosa geschrieben ist.

Alles in allem eine richtig tolle Adaption und vor allem ein Roman, der mich ein bisschen von meinem Thomas-Mann-Trauma geheilt hat. 5 rosa Wölkchen von mir.


Kommentare:

  1. Hi,
    eine tolle Rezension! Auch wenn mich das Buch persönlich nicht so anspricht, hat mir die Lektüre deiner Rezi dafür umso besser gefallen. Eine wirklich vertrakte Familienkonstellation, die sich da ergibt ^^

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende. Liebe Grüße
    Patricia

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  2. Schöne Rezi. Kenne dieses Werk von Th. Mann noch nicht, aber Deine Rezi hat mich nun doch neugierig gemacht :-). LG

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