25.02.2014

[Rezi] Christian Morgenstern - Liebesgedichte

Quelle: http://www.urachhaus.de
Erscheinungjahr: 2014
Genre: Lyrik
Seitenzahl: 96



Teaser:
In meinen Tränen halt ich dich gefangen,
als wie in einem Spiegel, der zu Perlen
zerrann - doch jede Perle Spiegel noch.






Inhalt
Wer kennt nicht das Gefühl der herzzerreißenden Sehnsucht nach einem anderen Menschen oder das der überschwänglichen Zuneigung beim Gedanken an jemand ganz besonderen? Genauso beherrschend und allumfassend Liebe sich in den Gedanken festsetzen kann, genauso schwierig ist es auch, den verschiedenen Facetten dieses Gefühls Ausdruck zu verleihen.
Christian Morgenstern hat dennoch neben seiner komischen Lyrik auch den Versuch unternommen, seine Gefühle poetologisch zu verarbeiten und eine Reihe von Liebesgedichten verfasst. Diese künden von großen Gefühlen, bewundernder Zuneigung, staunendem Entzücken, von Trennungsschmerz und Sehnsucht und sucht immer wieder Antworten auf die Frage: War das die Liebe, die mich gestern streifte...?

Meine Meinung
Endlich einmal wieder gelangte ein Gedichtband in meine Hände. Pünktlich zum 100. Todestag Christian Morgensterns wurde es auch wirklich Zeit für mich, die ich mich bisher nur mit dessen komischer Lyrik beschäftigt habe, eine weitere Seite an diesem genialen Wortejongleur zu entdecken. Denn wer sollte es auch besser beherrschen, das große Wort Liebe adäquat in passende Worte zu fassen, als ein solcher Poet?
Dabei hatte ich natürlich immer die große Problematik vor Augen, die Liebesgedichte - oder allgemein die literarische Aufarbeitung dieses Themas - haben: das ganze läuft ständig Gefahr, ins Kitschige, Klischeehafte und Schmalzige abzudriften. Es ist da wirklich eine sehr enge Gratwanderung, die ein Text meistern muss, damit er für mich nicht ins schmerzhaft übertriebene abrutscht. Wobei ich aber durchaus bereit bin, anzuerkennen, dass im Überschwang der Gefühle auch ein bisschen Übertriebenheilt angemessen ist und deshalb nicht so streng bei der Bewertung bin, wie es sich vielleicht grade anhört.
Glücklicherweise kann ich aber auch berichten, dass es Christian Morgenstern meiner Meinung nach tatsächlich nur mit ganz wenigen Ausrutschern gelingt, diese Fülle an Eindrücken, die die Liebe so mit sich bringen, in wunderschöne und berührende Worte zu fassen.

Auf fast 100 Seiten befinden sich sowohl vor Glück strahlende als auch vor Verzweiflung leidende Gedichte, die Morgenstern für und/oder über seine Angebetenen geschrieben hat. Er reflektiert in den Gedichten über die Liebe an sich, wie sie sich äußert, was sie bewirkt und hat bezieht sich dabei immer wieder konkret auf die Frauen, die dieses Gefühl gerade in ihm hervorrufen.
Was an der äußeren Form der Gedichte auffällt, ist, dass viele einem ähnlichen Muster folgen. Kreuz- oder Paarreim dominieren genauso wie 3- oder 4-versige Strophen. Dennoch experimentiert Morgstenstern auch mit unkonventionelleren Anordnungen der Verse - allerdings gibt es kein Gedicht ohne klassisches Reimschema.
Sprachlich arbeitet er mit bekannten Bildern und Metaphern für die Liebe - versengende Küsse, zum Beispiel - aber auch Assoziationen, die ich so in diesem Kontext noch nicht gelesen habe, finden Verwendung - denVergleich seiner Angebeteten mit Tonarten beispielsweise. Auch sprachlich gibt es einige Besonderheiten; Wortspielerein, Wortkombinationen und -neuschöpfungen finden sich immer wieder, was die Gedichte zu etwas wirklich besonderem macht.

Hin und wieder, ich erwähnte es ja bereits, ist allerdings das ein oder andere Gedicht dazwischen, das für mich persönlich doch eher dem allgemeinen Klischee entsprungen scheint und etwas zu aufopfernd und schmachtend geraten ist. Frei nach dem Motto "wenn er damals so gefühlt hat, dann ist das schon in Ordnung" kann ich damit aber leben und verleihe diesem Büchlein dennoch 4 gute Wölkchen. Wem gerade nach Texten mit Herz zumute ist, dem sei dieses Gedichtband wärmstens ans Herz gelegt.



Mein bester dank geht an den Urachhaus-Verlag für die freundliche Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!

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