07.02.2014

# Rezensionen

[Rezi] Eugen Ruge - In Zeiten des abnehmenden Lichts

Erscheinungjahr: 2011
Genre: Roman
Seitenzahl: 425



Teaser:
Zeitmaße. Zwölf Jahre: die Wende. Unerreichbare Zeit. Trotzdem versuchte er nachzuspüren: Was wogen zwölf Jahre?






Handlung
Für Alexander Umnitzer gibt es nur noch ein Ziel: Mexiko. Das Land, in das seine Großeltern, beide bekennende Kommunisten, während des Nationalsozialismus flüchten mussten und lange Jahre im Exil gelebt haben. Seit Alexander weiß, dass sein Tumor inoperabel ist und sein Leben nicht mehr lange dauert, beginnt er darüber nachzudenken, wie das eigentlich war, sein Leben. Ruhelos wie er ist, lässt er seinen demenzkranken Vater Kurt genauso zurück wie seinen Sohn Markus - zu dem er sowieso keinen Kontakt mehr hat - und spürt seinen Wurzeln nach.
Die Geschichte auf diesen Grundstein aufgebaut und erzählt dann durch verschiedene Zeitsprünge und Perspektivwechsel die Lebensumstände von Charlotte und Wilhelm, Charlottes Sohn Kurt und dessen Frau Irina, beider Sohn Alexander und schließlich ausblickhaft wiederum von dessen Sohn Markus.
Parallel dazu läuft stetig die politische Ebene: während Charlotte und Wilhelm noch begeisterte Anhänger der kommunistischen Ideologie waren und die Idee eines solchen Staates tatkräftig unterstützten, ist Kurt schon von der diktatorisch erbauten DDR nicht mehr überzeugt und in Alexander manifestiert sich dann die radikale Ablehnung dieses Systems und der verlorene Glaube an einen realisierbaren Sozialismus. Für Markus dann, dessen Jugend schon in der Zeit nach dem Mauerfall stattfindet, ist die DDR nur noch eine blasse Erinnerung.

Meine Meinung
Wo liegen die Gründe dafür, dass in der Gegenwart alles so ist, wie es eben ist? Diese Frage stellt der Text am Beispiel der wachsenden Entfremdung einer Familie und dem gegenübergestellten Zerfall eines Staatssystems. 4 Generationen sind von den Gedanken des Kommunismus' und der DDR geprägt und entwickeln den veränderten Umständen entsprechend teilweise so extreme Positionen, dass eine Entfremdung unausweichlich wird.

Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern springt immer zwischen den einzelnen Generationen hin und her. Dabei ist der 90. Geburtstag von Wilhelm, der von jeder der agierenden Figuren besucht wird, Dreh- und Angelpunkt. Diese Szene wird deshalb wiederholt immer wieder aus der Sicht der einzelnen Charaktere geschildert. Dabei kommt trotz dieser Wiederholung in keiner Weise Langeweile auf - im Gegenteil hat jede Episode eine ganz eigene Note, weil zu jeder Person ein ausreflektierter Charakter und ein individuelles Bewusstsein entworfen wird und man sich in den einzelnen Momenten deshalb immer mit ihnen identifizieren kann. Selbst, wenn im vorhergehenden Kapitel die Sympathien nicht bei dieser Figur lagen. Vor allem wird jedes Mal deutlicher, wie tragisch banal manche Missverständnisse zwischen den einzelnen Figuren sind und wie dadurch trotzdem die Entfremdung der Familie weiter vorangetrieben wird.

Es finden sich viele Bezüge zur Realgeschichte; nicht nur politische Ereignisse spielen eine Rolle, sondern auch literarische Referenzen (zum Beispiel auf George Orwells Roman 1984 - und dieser Vergleich liegt bei der Staatsform der DDR ja auch nahe) liegen vor. Der Lebensalltag wird in jeder Zeit authentisch dargestellt und kritisch reflektiert.

Mit am meisten beeindruckt hat mich die Sprache, die Ruge verwendet hat. Sie ist zum einen in jedem Kapitel auf die handelnde Figur abgestimmt, behält aber den charakteristischen sachlichen und trotzdem erzählerischen Stil und vor allem einen angenehmen Wortwitz bei.
Eine Verbindung zum Titel lässt sich auf verschiedenen Ebenen herstellen: zum einen spielen die meisten Szenen im Herbst, wenn die Tage kürzer werden und der Sommer endet. Und auch auf das Ende der DDR läuft alles hinaus, ebenso wie auf das Ende der Familienverbundenheit. Auch wenn die Familie meiner Meinung nach nicht wirklich "verfällt" - also von einem eng verbunden Kollektiv her aufgelöst wird - sondern aus einer ohnehin schon lose angelegten Gemeinschaft endgültig getrennte Wege gehen.

Ein wirklich sehr sehr lesenswertes Buch, das mir nicht nur schöne Lesestunden beschert, sondern mich auch wirklich nachdenklich und vor allem beeindruckt zurückgelassen hat. 5 Wölkchen von mir.


Kommentare:

  1. Hallo,
    den Titel kannte ich bisher nicht, hört sich nach deiner Rezi zu schließen aber wirklich interessant an. Ich finde es immer spannend, auch zwischendurch andere Bücher zu lesen, die schon etwas besonderes sind.

    AntwortenLöschen
  2. Dieses Buch sticht mir schon lange ins Auge und ich frage mich immer wieder, was hinter dem Titel steckt und war mir nicht sicher, ob es mich interessieren könnte. Ja - kann es! Danke für Deine Rezi :-).

    AntwortenLöschen