28.03.2014

[Rezi] Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt

Erscheinungsjahr: 2005
Genre: Roman
Seitenzahl: 301



Teaser:
Bewegungen von Eseln, sagte Gauß.
Er habe sich immer besser mit Goethe verstanden, sagte Humboldt. Schiller sei seinem Bruder näher gewesen.




Handlung
Zwei Größen der deutschen Wissenschaftsgeschichte beginnen im 18. Jahrhundert ihre Karriere und prägen maßgeblich die Fortschritte von Physik, Mathematik, Geographie und allgemein der Naturwissenschaften. Der eine ist Carl Friedrich Gauß, der als staatlicher Landschaftsvermesser die heimischen Gebiete genau notiert und dabei die bestehenden Formeln optimiert oder sogar wiederlegt und durch bahnbrechende Erkenntnisse in Mathematik und Astronomie zu Ruhm gelangt. Der andere ist Alexander von Humboldt, der Bruder des Mitbegründers der heutigen Humboldt-Universität Alexander von Humboldt. Dieser reist fast sein ganzes Leben lang quer durch die Welt, bietet der Natur im Urwald und den kältesten Gipfeln der Berge die Stirn, um ebenfalls Vermessungsarbeit zu leisten und die bis dato sehr fehlerhaften Landkarten zu korrigieren. Die Arbeiten dieser beiden außergewöhnlich klugen Köpfe, die vom Wesen her unterschiedlicher nicht sein könnten, haben Einflüsse auf fast alle Lebensbereiche der Menschen. Egal ob Schiffsnavigation oder Medizin und Biologie - die Erkenntnisse, die Humboldt bei seinen Reisen und Gauß bei seinen Forschungen von der Heimat aus erlangen, gelten als enorme Gewinne für die Menschheit, denen noch heute viel Ehre gebührt.

Meine Meinung
Das Buch vereint die Darstellung zweier Lebensläufe, wissenschaftliche Terminologie und fiktionale Elemente. In der Welt der Literaturkritik ist es extrem positiv aufgefallen und hat viele Preise erhalten; meine Meinung dazu ist aber dennoch eher durchwachsen.

Die beiden Protagonisten Gauß und Humboldt sind zwar als Art Gegenpole angelegt, sind aber gleichzeitig beide keine Sympathieträger und waren mir die ganze Zeit über sehr suspekt. Vielleicht verstehe ich den hohen Geist aber auch einfach nicht.
Gauß stammt aus armen Verhältnissen und zeigt schon im Kindesalter erstaunliche Begabungen für die Mathematik. Nur dem Einsatz seines (dennoch inkompetenten) Lehrers ist es zu verdanken, dass er überhaupt eine höhere Schule besuchen und anschließend zur Universität gehen konnte. Gauß hat im großen und ganzen Probleme damit, sich mit den Menschen in seinem Umfeld zu unterhalten, denn sie brauchen ihm alle viel zu langem zum Denken. Er ist noch keine 30 Jahre alt, als er sein Lebenswerk, die Disquisitiones Arithmeticae, in dem er bahnbrechende mathematische Arbeit leistet, vollendet. Ab diesem Zeitpunkt sucht er nach einer neuen Schaffensaufgabe, weiß aber, dass ihm so etwas Großes nie wieder gelingen kann. Ablenkung findet er vor allem bei den Frauen. Jedem Rock sieht er nach, aber in seiner Hochzeitsnacht muss er dennoch aus dem Bett springen und eine neue Formel aufschreiben, die ihm gerade in den Sinn gekommen ist. Da sieht man doch schonmal ganz klar die Prioritäten.
Humboldt dagegen entspringt einer wohlhabenden Familie, sodass sie die beste Erziehung und Ausbildung erhalten. Schon früh lernt er die geistige Elite seiner Zeit kennen - Goethe und Wieland, um nur zwei zu nennen - und entwickelt sein Interesse für die Natur. Er sammelt Steine und Insekten, um diese genau zu untersuchen und findet das viel interessanter als den Stoff, den seine Lehrer ihm beibringen wollen. Als sich ihm die Gelegenheit bietet, macht er sich zusammen mit seinem Kollegen Bonpland zu einer Weltreise auf, um in unbekannte Gebiete vorzudringen und diese genau zu untersuchen.
Alt und exzentrisch geworden treffen diese beiden herausragenden Wissenschaftler aufeinander .

Genau habe ich mich mit den Biografien der beiden Protagonisten nicht beschäftigt und kann deshalb nicht sagen, welche Aspekte der Rahmenhandlungen fiktiv und welche realgeschichtlich belegbar sind. Verschiedene Aspekte der Persönlichkeiten, der Kindheit und der Lebenswelten sind allerdings eindeutig dichterischer Freiheit unterworfen, sodass dieses Buch weder als Biographie oder als historischer Roman deklariert werden kann. Der Schreibstil ist sehr gewöhnungsbedürftig; die ganze Geschichte ist in indirekter Rede gehalten, sodass ständig eine gewisse Distanz zwischen ihr und dem Leser herrscht. Es gibt diverse wissenschaftliche Exkurse, denen ich persönlich (aber ich bin auch ein absoluter Mathe- und Logikreinfall ;) ) nur sehr schwer und mit Unterstützung von Google folgen konnte, die aber durchaus sehr interessant und lesenswert sind.

Es werden abwechselnd Episoden aus den Forschungen Gauß' und Humboldts geschildert, die ja auch parallel ihre Methoden zur Landvermessung entwickeln. Der eine eben in Deutschland (bzw Preußen) und der andere in Südamerika. Der eigenwillige Schreibstil erschwert den Zugang zur Geschichte und ich persönlich hätte mich über ein ergänzendes Vorwort, dass Faktenund Fiktion im Buch ein wenig außeinanderdröselt, sehr gefreut.
Insgesamt gibt es 3 gute Wölkchen von mir und eine Lesempfehlung an alle abenteuerlustigen Lernwilligen ;)


Kommentare:

  1. Habe den Titel zweifach konsumiert, doch nie als Buch. Einmal Hörbuch, einmal Kinofilm. ersteres war, wie einem Märchen zu lauschen, zweites sehr ... eingänglich (seitdem denke ich als erstes immer an die furchtbare Szene, in der ein Zahn gezogen wird.). Beim Hörbuch hatte ich allerdings auch immer den unterdrückten Drang, alles per Lexikon (analog oder digital) mitzuverfolgen. Entweder man will es eben genau wissen oder man nimmt es als Märchen. In beiden Fällen bleibt es dann irgendwie unkomplett. So, wie es auch deine drei aus fünf Wölkchen zeigen ...

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    1. Ooooh ja, die Zahnzieh-Szene stelle ich mir im Film auch sehr schrecklich vor. Ich hatte schon beim Lesen Gänsehaut. Brrr.
      Genau das Gefühl hatte ich auch - unkomplett passt perfekt zu dem Buch. Mit einem Nachwort wäre das bestimmt ein bisschen ausgeglichen worden :)

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