21.03.2014

# Rezensionen

[Rezi] George Orwell - 1984 (EN)

Erscheinungsjahr: 2000 (Originalausgabe 1949)
Genre: Dystopie
Seitenzahl: 342



Teaser:
Freedom is the freedon to say that two plus two make four. If that is granted, all else follows.







Handlung
Wenn Winston Smith sich Morgens fertig für die Arbeit macht, erfassen ein Telescreen und versteckte Mikrophone jede seiner Bewegungen und Geräusche, die er macht. Auf dem Weg von seiner Wohnung zu seinem Büro wird er zusätzlich von Patrouillen überwacht und auch bei der Arbeit steht er unter ständiger Beobachtung. An seinem Platz, in der Kantine, auf der Toilette. Und nicht nur Winston ergeht es so - jeder einzelne Mensch in Oceania unterliegt konstanter Aufsicht. Big Brother is watching you. Als Parteimitglied arbeitet Winston daran mit, das totalitäre und repressive Regime zu erhalten, unter dem er leidet. Er ist mit seiner Abteilung dafür zuständig, dass Nachrichtenartikel aus den Zeitungen an die aktuelle Gegenwart angepasst werden. Wenn in einer Rede der Regierung zum Beispiel versprochen wurde, dass die Schokoladenration das kommende Jahr nicht gesenkt wird und ein halbes Jahr später diese Senkung doch durchgeführt wird, schreibt Winston den passenden Artikel in der Zeitung so um, dass die Regierung niemals ein solchen Versprechen gegeben hat. Die Zeitung wird neu gedruckt und alle alten Exemplare werden vernichtet. Nach diesem Prinzip ist die gesamte Gesellschaft aufgebaut, in der Winston lebt. Die Partei kontrolliert absolut alles - angefangen bei den Zeitungen, über die Nahrungsverteilung, die Arbeit, Freizeitgestaltung bis hin zu den zwischenmenschlichen Beziehungen. Einfach jeder einzelne Aspekt im Leben der Menschen wird kontrolliert und überwacht. Hin und wieder verschwindet ein Kollege, weil er von der Thought Police als Feind der Partei eingestuft wird; von einem auf den anderen Tag ist er einfach nicht mehr da, sein Name ist plötzlich auf keiner Liste mehr zu finden und seine gesamte Existenz ist von heute auf morgen ausgelöscht. Es gibt keinen Beweis dafür, dass er jemals gelebt hat - abgesehen in den Erinnerungen der Menschen seines Umfeldes. Doch selbst das Bewusstein der Menschen ist durch das so genannte double think geprägt - zur ihrer eigenen Sicherheit wird niemals an der Partei oder den oberflächlichen Informationen gezweifelt, auch wenn die Aussagen völlig unlogisch sind. Das kollektive Gehirn steht immer über dem individuellen Gehirn.
Winston kann sich damit allerdings nicht anfreunden. Er hat seine Kindheit vor der Machtergreifung durch die Partei erlebt und hat vage Erinnerungen daran, wie das Leben ohne diese beständige Kontrolle war. So hat er sich einen kleinen Platz im Kopf bewahrt, an dem er frei seine Gedanken hegen kann - scheinbar unbemerkt von der Thought Police. Als er diesen Platz dann aus seinem Kopf in die Realität verlagert, ist er sich völlig im Klaren darüber, damit seinem Tod ein Stück näher gekommen ist.

Meine Meinung
Auch wenn der Plot wahrscheinlich allgemein bekannt ist, habe ich ihn oben doch noch einmal ein kurz aufgeführt. Für mich war diese Lektüre ein Re-Read; vor 5 Jahren habe ich mich schonmal an dieses Buch gewagt und wollte nun nocheinmal die Originalfassung auf englisch lesen. Und mein Fazit fällt ziemlich genauso aus, wie vor 5 Jahren. Dieses Buch ist so schrecklich verstörend, dass selbst eigentlich triviale Details wie Mosaikstücke des Grauens werden und wahrscheinlich wieder 5 Jahre Selbsttherapie brauche, um es zu verarbeiten.

Was Orwell im Jahr 1949 entwirft ist ein Gesellschaftsbild der absoluten Kontrolle und Unterdrückung. Die Welt ist geteilt in drei Superstaaten, die die gesamte Erdoberfläche umspannen und einander so ebenbürtig sind, dass sie sich militärisch nicht zerstören können. Und das müssen sie eigentlich auch gar nicht, denn jeder Superstaat kann eigentlich alle seine benötigten Produkte selbst anbauen und schaffen - Fläche und genügend Klimazonen sind ja da. Dennoch befinden sie sich in konstantem Krieg untereinander - damit die Bevölkerung einen gemeinsamen Feind und ein gemeinsames Ziel hat. Das Leben innerhalb von Oceania (übrigens übersetze ich verschiedene Worte nicht, weil ich nicht mehr weiß, wie bestimmte Neologismen in den deutschen Ausgaben übersetzt worden sind und ich hier keine Verwirrung stiften will. Also bleibe ich bei den englischen Ausdrücken, aber die sprechen eigentlich ziemlich für sich) ist ziemlich grau und trostlos. Es gibt keine Zerstreuung, die nicht von der Partei genehmigt wurde. Zensur und Kontrolle sind die Säulen der Gesellschaft. Nirgendwo gibt es jemanden, der eine Gegenposition zur Partei vertritt. Denn selbst, wenn jemand ganz individuell auf Gedanken kommt, die die Partei determinieren würden, kann er sich niemandem anvertrauen oder dieses Misstrauen öffentlich kundtun. Sofort würde er aufgegriffen und entfernt werden. Kinder werden in den Schulen dazu erzogen, ihre eigenen Eltern an die Thought Police zu verraten und die verhafteten Eltern sind noch stolz darauf, so gut erzogene Kinder zu haben. Allgemein werden menschliche Bindungen weitgehend unterdrückt, damit das einzige existierende Zugehörigkeitsgefühl mit der Partei verbunden ist. Liebe gilt einzig und allein Big Brother - dem Oberhaupt der Partei.

Winston bricht diese Regeln in zweierlei Hinsicht. Erst einmal durchschaut er das perfide System, auf dem der Staat aufgebaut ist. Es gelingt ihm nicht zu vergessen, was er gesehen und gehört hat, auch wenn nach parteilicher Anordnung die Vergangenheit offiziell geändert wurde. Eastasia war nicht immer Bündnispartner und Eurasia nicht immer Kriegsgegner. Winston erinnert sich an eine Zeit, in der es anders herum war, auch wenn sich nirgendwo ein Beweis dafür finden lässt, außer in seinem Bewusstsein. Dann lernt er eines Tages Julia kennen. Anfänglich hält er sie wegen ihrer augenscheinlichen Systemhörigkeit für ein Mitglied der Thought Police, erkennt dann aber, dass auch sie Zweifel am Regime hat. Zwar hat sie kein Interesse am großen politischen Geschehen, aber sie fühlt sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Auf ihre eigene Weise hassen die beiden Big Brother und die Partei. Verbotenerweise beginnen die beide eine Liebesbeziehung. Sie schaffen sich ein Versteck ohne Telescreen und Mikrophone, wechseln ständig ihren Treffpunkt und leben von Moment zu Moment. Denn klar ist, dass die beiden früher oder später auffliegen müssen.
Dann erfährt Winston von der Brotherhood, die im Untergrund gegen die Partei kämpft und wird stolzes Mitglied. Er zahlt dafür mit der bewussten Bereitschaft, sein Leben für das größere Ziel zu lassen: Big Brother zu stürzten.

Wenn man sich das so durchliest, kommt einem das doch alles ein bisschen bekannt vor. Tatsächlich habe ich bei der Lektüre öfter daran gedacht, dass in dem Buch verschiedene Aspekte aus unserem Leben aufgegriffen wurden - stark überbetont natürlich, aber dennoch ist es unheimlich beeindruckend, was Orwell vor so langer Zeit geschrieben hat und diesen Zukunftsentwurf dann mit der Realität zu vergleichen. Ich weiß, das ist das meistgesagte Statement zu diesem Buch, aber es entspricht einfach der Wahrheit.
Die Technologie ist eigentlich so weit, dass kein Mensch hungern müsste und dass keine Kriege (zumindest in der westlichen Welt) stattfinden müssten. Daten werden gesammelt und auch, wenn keine Mikrophone in unseren Bädern sind, können wir trotzdem dank Smartphone auf dem Klo geortet werden (okay, zumindest ihr alle, die ihr ein Smartphone besitzt. Mein altes Samsung macht so einen Kram nicht ;) ), Kameras sind an vielen öfftentlichen Plätzen und Privatsphäre wird ganz anders definiert als noch vor 15 Jahren.
Mit einer beeindruckenden Präzision analysiert Orwell in seinem Roman nicht nur sein imaginiertes Gesellschaftssystem, er gibt dem Leser die Möglichkeit, dieses auf die eigene Gegenwart zu übertragen. Eine kleine Gruppe an Menschen, die Macht, Geld und Luxus haben, eine kleine Menge in der Mitte und eine ungebildete Masse unterhalb der Pyramide? Das ewige Prinzip. Aber dank dem Ingsoc - dem englischen Sozialismus, der Ideologie, die die Partei vertritt, wird das wenigstens keinem so richtig bewusst. Und wenn doch wird man einfach schnell von dieser Welt getilgt.

Winston ist mit Abstand die am besten ausgearbeitete Figur. Und obwohl er kein Sympathieträger ist, habe ich doch mit ihm gelitten und nach Auswegen gesucht. Der Schreibstil ist - soweit ich das beurteilen kann - eher trocken und sachlich. Abgesehen von einzelnen Kapiteln, in denen mit Winston die Emotionen und die Erkenntnisse durchgehen. Auch für ungeübte Englisch-Leser auf jeden Fall gut verständlich. Trotzdem das Buch schon einige Jährchen auf dem Buckel hat, würde ich sagen, dass die Geschichte noch nie so aktuell war wie heute. 5 Wölkchen von mir.


Kommentare:

  1. Ich denke ich werde meine Abneigung was Dystopien angeht für dieses Buch mal vergessen und es lesen. :)

    Lg
    Boncuk

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    1. Ooooh, das kann ich dir nur empfehlen! Orwell hat ja auch keine dieser sich momentan epedemie-artig ausbreitenden YA/Jugend-Dystopien geschrieben. Sondern eine knallharte Zukunftsvision, die man sowohl vom Plot her (abgesehen davon natürlich, dass die Geschichte in der Zukunft spielt und eine repressive Gesellschaftsform herrscht xD ) als auch vom Schreibstil echt nicht mit den Jugend-Dystopien (die ich übrigens auch gerne mag, also soll das hier jetzt nicht abwertend klingen^^) vergleichen kann.
      Der Unterschied ist ungefähr wie der von Twighlight und Bram Stokers Dracula ;)

      Liebe Grüße
      MelMel

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  2. Schöne Rezension :-). Dieses Buch stimmt nachdenklich und es ist erstaunlich, wie vorausschauend Orwell bereits damals war...

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    1. Danke :)
      Das stimmt auf jeden Fall. Es ist schon fast unheimlich, wie aktuell die Thematik auch nach 60 Jahren noch ist.

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  3. Sehr gehaltvolle Rezi, liebe Melmel! Bekomme ebenfalls Lust auf einen Re-Read. Bei mir liegt es mehr als 5 Jahre zurück, ebenfalls Penguin (andere Ausgabe). Wahrscheinlich wird vieles im Buch bei jedem Lesen (mit den verstrichenen Jahren dazwischen) etwas wahrer ... *distopische Dunkelmusik abspiel* ;)

    Buchstabenbunte Grüße
    von das A&O

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    1. Vielen Dank! :D
      Brrr, da krieg ich doch glatt Gänsehaut ;D Es gehört auf jeden Fall zu der Sorte Buch, die beim wiederholten Lesen nicht langweilig werden. Sowohl von der Entwicklung her als auch wegen der präsenten Thematik in unserem Alltag.
      In meiner Ausgabe waren noch zwei sehr infomative Vorworte und ein toller Appendix enthalten - aber ich schätze mal, das ist in jeder Penguin-Ausgabe so. Ein echt toller Verlag! :D

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