05.03.2014

[Rezi] Kathrin Lange - 40 Stunden

Erscheinungjahr: 2014
Genre: Thriller
Seitenzahl: 414



Teaser:
Faris unterdrückte ein Seufzen. Er arabisch aus, daran ließ sich nunmal nichts ändern. Wäre er an der Stelle dieser Männer gewesen, hätte er sich selbst vielleicht auch verdächtigt.





Handlung
In der Hauptstadt ist viel los. Selbst für berliner Verhältnisse sind unheimlich viele Touristen und Besucher da. Der Grund dafür sind die Kirchentage, einer mehrtägigen Veranstaltung, bei der sowohl protestantische als auch katholische Gläubige zusammengekommen sind, um ihre Religion gemeinsam auszuüben. Gekrönt werden soll das Ganze von einem ökumenischen Gottesdienst, den der Papst leiten und bei dem das Abendmahl gleichzeitig von katholischen und protestantischen Christen eingenommen werden soll - die größte Annäherung seit der Kirchenspaltung.
Dieser eigentlich positive Anlass sorgt zieht natürlich bedrohliche Aspekte mit sich. Mit einem davon muss sich Kriminalkommissar Faris Iskander befassen. Dieser bekommt nämlich einen sehr beunruhigenden Anruf, bei dem ihn die Person am anderen Ende der Leitung mit verzerrter Stimme dazu auffordert, seine Mails zu checken. Und in seinem Posteingang befindet sich ein Video, das einen Mann im Kapuzenpulli dabei zeigt, wie er einen anderen - offensichtlich bewusstlosen Mann - an Händen und Füßen an ein Holzkreuz nagelt wie Jesus Christus. An der Brust des Mannes befinden sich Elektroden, die zu einem Monitor führen auf dem die Herzschläge des Gekreuzigten angezeigt werden. Der Anrufer macht Faris klar, dass eine Bombe in Berlin hochgehen wird, sobald das Herz des Opfers aufgehört hat zu schlagen und um seiner Drohung mehr Gewicht zu verleihen, lässt er kleinere Bombe in einer U-Bahn explodieren. Faris ist unmittelbarer Zeuge der Explosion und wird vom Täter als Spielball benutzt. Warum dieser sich dafür ausgerechnet ein Mitglied der SERV - der Sondereinheit für religiös motivierte Verbrechen - ausgesucht hat, ist unklar. Doch es scheint, als habe der Täter eine persönliche Rechnung mit Faris offen.

Meine Meinung
Bombenattentate, religiöse Fanatiker und ein Limit von 40 Stunden, in dem der Fall gelöst sein muss - klingt nach Stoff zu einem spannenden Thriller, bei dem mehr als nur ein kontroverses Thema angeschnitten wird.

Tatsächlich ist die intensive Auseinandersetzung mit Bombenanschlägen, die Motivation der Täter und die Konfrontation mit Vorurteilen arabisch-stämmiger Menschen einer der Hauptangelpunkte, die das Buch hat. Faris Iskander ist selbst Muslim und sein äußeres Erscheinungbild lässt eindeutig auf seine arabische Herkunft schließen. Er ist Experte für islamistische Gruppierungen bei einer Sondereinheit der Kriminalpolizei, die sich mit religiösen Verbrechen befasst - Ehrenmorde genauso wie Bombenanschläge. Neben seinem Partner Paul gibt es weitere Experten für das Christentum oder die jüdische Religion, sodass die großen Gruppen kompetent abgedeckt sind.
Faris nun war vor nicht langer Zeit in einen Bombenanschlag verwickelt, der anscheinend auch religiös motiviert war - eine Bank wurde in die Luft gesprengt und über 50 Menschen kamen dabei ums Leben. Faris konnte trotz De-Eskalationversuchen diesen Anschlag nicht verhindern und kam selbst nur mit schweren Verletzungen davon. Der unbekannte Anrufer scheint nun direkt mit diesem Attentat zu tun zu haben, denn er stellt gleich beim ersten Telefonat einen Bezug dazu her. Dass es nicht der Bombenleger selbst sein kann, ist nachgewiesenermaßen unmöglich, denn dieser trug die Bombe am Körper und wurde selbst bei dem Anschlag zerfetzt. Faris und seine Kollegen tun alles in ihrer Macht stehende, um den Mann am Kreuz rechtzeitig zu finden, doch sie sind dabei auf die Hinweise des Anrufers angewiesen, der ihnen logischerweise neben einzelnen korrekten Häppchen immer auch falsche Spuren auftischt und den Fall auf eine persönliche Ebene zieht, sodass sich der Druck auf die Ermittler und vor allem auf Faris unglaublich erhöht.

Das klingt alles schonmal sehr gut. Ein kleiner Wehmutstropfen ist allerdings leider, dass Faris total dem stereotypen kaputten Kommissar entspricht, der unter der Last seines Berufes langsam aber sicher zusammenbricht. Aber das ist es nicht, was ihn am meisten belastet - nein, es ist sein gebrochenes Herz. Wenn es ihm auch teilweise gelingt, die schrecklichen Dinge seines Arbeitslebens abzuschalten; seinen Liebeskummer kann er seit zwei Jahren nicht abstellen und das zermürbt diesen ansonsten so taffen Kerl, der im Zweifelsfall trotz unglaublicher körperlicher und seelischer Belastung weitermachen kann. Da ist man schonmal halb zerfetzt von einer Bombe aber steckt das mal eben locker weg und rennt noch tagelang ohne zu essen oder zu schlafen durch Berlin.

Außerdem ist die gesamte Story relativ vorhersehbar. Es gibt verschiedene Erzählstränge, die neben der Haupthandlung um Faris parallele Geschehnisse in Berlin schildern und die schnell, wenn schon nicht klaren Aufschluss, eindeutige Spekulationen über Motive und Methodik und vor allem die Identität des Täters zulassen, die sich dann auch ziemlich genauso bestätigen. Die einzelnen Handlungstränge dienen natürlich dazu, der Geschichte mehr Dimension zu geben, waren dafür aber ziemlich lieblos aufgebaut. Keine ausgearbeiteten Figuren und keine wirkliche Handlung. Als Hintergrund zur Geschichte aber akzeptabel, liefern sie immerhin ein bisschen Raum, um das Großthema Religion ein bisschen tiefer zu behandeln.

Die Hauptfiguren sind dafür um einiges detaillierter beschrieben, auch wenn sie hauptsächlich in ihrer Rolle agieren und selten etwas unerwartetes oder überraschendes tun. Die Dialoge kamen mir teilweise extrem gestelzt vor und waren etwas mühsam zu lesen. Der restliche Schreibstil allerdings war gut, hat durch kurze abgehackte Sätze das Tempo erhöht und Spannung aufgebaut und war flüssig und locker zu lesen.

Alles in allem hat mir am besten die Auseinandersetzung mit der Religion und vor allem die kritische Aufbereitung der Vorurteile gefallen. Ein solider Thriller, der weder überaus unerwartete Wendungen noch verstörende Szenen hat aber ein ganz nettes Buch für Zwischendurch ist. 3 Wölkchen von mir.


Mein Dank geht an den Blanvalet-Verlag und BloggDeinBuch für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares.

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