03.04.2014

# L(i)ebenswert

[Gerede] Assoziative Regression

Ihr kennt doch sicherlich die "How I met your mother"-Folge Jugendliebe. Dann wird euch Marshalls Begriffsneuschöpfung Revertigo bestimmt etwas sagen. Er bezieht sich damit auf eine längst abgelegte Verhaltensweise einer Person, die allerdings wieder an die Oberfläche kommt, wenn diese Person mit jemandem aus seiner Vergangenheit zusammen ist.
Verhaltensmuster, nach denen man früher mit einer bestimmten Person interagiert hat, treten also wieder auf, sobald man auf diese Person trifft. Auch, wenn diese Muster eigentlich gar nicht mehr zu der Persönlichkeit gehören, die man mittlerweile geworden ist.
So geht es in der Serie Marshalls Frau Lilly, die wieder zum Teenie wird, wenn sie auf ihre Freundin Michelle trifft. Ironischerweise arbeitet diese gerade an ihrer Dissertation in Verhaltenspsychologie und nennt Lilly und ihr Verhalten "Assoziative Regression". Keine Ahnung, ob es den Begriff in der Psychologie tatsächlich gibt, aber er klingt schlau und ist eine sinnvolle Kombination von Fremndwörtern, weshalb er im folgenden einfach übernommen wird.

In letzter Zeit denke ich nämlich vermehrt darüber nach, wie es zu diesem Verhalten kommt. Denn ich neige leider extrem zu diesem Revertigo - und in meinem Fall ist das leider nicht ganz so lustig wie bei HIMYM.
Seit ich zum Studium weggezogen bin, sehe ich die meisten meiner Bekannten aus Schulzeiten nur noch ungefähr ein bis zwei Mal im Jahr. Und es fällt mir dann total schwer, mich nicht wieder in das kleine stille Mäuschen zu verwandeln, das sie noch aus der Schule kennen. Gewissermaßen habe ich mich zwar entwickelt und mittlerweile Spaß daran, mich auch und vor allem mit neuen Menschen zu umgeben und bin ich der Lage, meine diversen Komplexe zumindest zeitweise zu verdrängen. Aber diese Entwicklung scheint nur für Ort zu gelten, die mindestens 150 Kilometer entfernt von den Leuten liegen, die mich noch von früher kennen. Und dann gehe ich mit selbst auf die Nerven, weil ich wieder in längt abgelegte, unnötige Spleens verfalle - wie zum Beispiel als Erste eine Kneipe zu betreten. Gerade solche Dinge entbehren natürlich nicht einer gewissen Situationskomik, wenn mir plötzlich im Türrahmen besagter Kneipe auffällt, dass ich da jetzt unter keinen Umständen reingehen kann, ich ruckartig stehen bleibe und hinter mir eine Welle an Auflaufunfällen und Entsetzensschreien über umgenickte Knöchel losbricht. Erklärung: "Ach, die Melli mal wieder..." Grrr.
Bemerkenswert ist diese Rückentwicklung - denn für mich ist es leider genau das - auch bei meiner Familiendynamik. Obwohl ich mit einer kleinen Schwester gesegnet/gestrafft/beschenkt/je nach Tagesform halt bin, und sie eigentlich während unserer Kindheit Daddy's litte darling war, sind doch auch ein paar autoritäre Beschützerinstinkte zu mir herübergeschwappt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich zu Hause nach wie vor oftmals wie eine 16-jährige behandlet werde. Was zur Folge hat, dass ich zwar permanent meinen altersbedingten Anspruch auf Gleichberechtigung betone, aber mein sonstiges Verhalten eher dem meines 16-jährigen Ichs gleicht. Ganz erwachsenes Türeknallen inklusive.

Am liebsten verhalte ich mich tatsächlich so, wie andere es von mir erwarten. Das ist der einfachste und bequemste Weg der Interaktion für mich, weil beide Seiten wissen, womit sie zu rechnen haben. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass es mir so schwer fällt, meine Update-Version zu etablieren.
Der Schlüssel liegt da wohl bei der eigenen Selbstsicherheit. Wenn man sich seiner Selbst, seiner Persönlichkeit und seines Verhaltens sicher ist, kann man sich im bekannten Umfeld verändern und muss nicht 700 Kilometer weit weg ziehen. Denn dann kann man mit veralteten Erwartungen aufräumen und sich weiterentwickeln. Arbeit im eigenen Kopf ist aber leider total anstrengend. Deshalb sage ich: 700 Kilometer Entfernung müssen nicht sein - aber sie helfen ;)

Kommentare:

  1. Sehr interessanter Post. Ist bei mir übrigens auch so. Früher war ich eher still und hab nicht gerne mit Fremden geredet, heute fällt mir das viel einfacher. Aber wenn ich jemanden aus meiner Grundschulzeit treffen würde, würde ich mit Sicherheit in meine alten Gewohnheiten zurückfallen. Allerdings fällt mir auch auf, dass sich einige der anderen scheinbar "auch nicht verändert haben" und jetzt frage ich mich, ob sie nicht auch wieder in ihr altes Ich zurückfallen.

    LG
    Boncuk

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    1. Danke schön :)
      Auf den Gedanken bin ich so direkt ja noch gar nicht gekommen - kann gut sein, dass sich die Leute um einen herum auch gar nicht "nicht verändert" haben, sondern ebenfalls nur in alte Muster zurückfallen. Hm. Das muss ich mal im Auge behalten :D

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  2. Mel, ich kann's wiiiiirklich nicht oft genug sagen: Allles was du schreibst, schreibst du toll. Da bist du ganz groß, ich sags dir =D
    Und ohman, hab ich Angst davor, was passiert wenn ich in ein paar Jahren wegziehe und dann alte Freunde - also jetzige Freunde (huch, Kopfverwirrung) - wiedersehe. Ich kann verstehen, was du meinst, weil es meiner großen Schwester manchmal anscheinend auch so geht ;) Und mir gehts auch so, wenn ich aus ner Reise wiederkomme, die mich etwas verändert hat - innerhalb von drei Tagen bin ich da, wo ich vor der Reise war, obwohl ich stolz drauf war, so "besser" (was heißt besser, weiterentwickelt halt einfach) als das Davor-Ich zu sein.
    Marshall ist ein schlauer Kerl...auch wenn er das nicht oft zeigt xD
    Vielleicht muss man auf sich selbst und sein entwickeltes-Ich aufpassen, dass es auch so bleibt, sozusagen dauernd auf Alarmbereitschaft, damit man nicht....naja...sagen wir mal, "in alte Muster verfällt". Ich bin mir sicher, du weißt, was ich meine.
    Am besten wäre es natürlich, wenn man so sein könnte, wie mein sein will, bei seinen alten und jetzigen und neuen Freunden =D Für sowelche muss man wahrscheinlich aber sehr lange suche, hoffentlich haben wir beide Glück ^.^

    Liebste Grüße ♥

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    1. Leeey, du bist ja so ein Zuckerstück! ♥ Vielen Dank! :D
      Es ist echt verrückt, wie schwer es einem fällt, das weiterentwickelte Ich aufrecht zu erhalten. 3 Tage und die ganze Arbeit geht wieder von vorne los.
      Ich weiß total was du meinst - und ich finde genau das ist das schwierige daran :D Irgendwie muss man sich da ständig im Auge behalten und permanent Kopfarbeit reinstecken und es ist sooo viel bequemer, wieder zurück zu seinen Gewohnheiten zu gehen. Hach ja :D
      Das wäre wirklich am besten. Ich drück uns auch die Daumen, dass uns unsere Freunde auch nach diversen Persönlichkeits-Updates noch lieb haben ;D

      Marshall ist total unterschätzt, weil er wie ein großer Teddy wirkt :D

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  3. Der Post greift mal wieder ein ganz anderes Thema als gewohnt auf und hat mich wirklich interessiert. Ich kann mir auch vorstellen, dass es mir ganz ähnlich gehen wird (auch ohne 700 km). Allerdings muss ich gestehen, dass meine beste Freundin wahrscheinlich eher froh sein würde, wenn ich spontaner und durchgeknallter wäre :D
    Besonders in der Familie ist es aber sicherlich schwer die/der zu bleiben, der man geworden ist. Auch wenn es vllt. ganz praktisch ist nicht alle Hemmungen fallen zu lassen...

    LG Anni

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    1. Haha, das kann natürlich auch sein - aber am wichtigsten ist es ja, dass man sich selber mit der Version seiner selbst wohl fühlt :)
      In der Familie ist es zumindest für mich wirklich am schwersten, weil da die Sozialkonstruktionen viel enger und geregelter sind und es schwer ist, da aus den Mustern rauszukommen. Aber ich finde, es ist die Mühe wert, solange man genug Rücksicht auf die anderen nimmt :)

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  4. How I met your mother... Es ist für immer vorbei! :'( :'(
    Okay, und jetzt zum eigentlichen Thema :D Das ist ein sehr wahrer, sehr gut geschriebener Text. Gerade in der Familie, vor allem, wenn man mehrere Geschwister hat, wird man wohl in Rollen gepresst, die man ein Leben lang nicht mehr los wird. Ich konnte das auch die letztens Wochen gut beobachten, als meine Schwester vorübergehend wieder bei uns einzog (was ich eigentlich ziemlich super fand :D). Aber schwupp, waren mein Bruder und ich schon wieder nur "Die Kleinen" und mit ihr wurden alle möglichen wichtigen Sachen diskutiert, während wir dumm und blöd daneben saßen und uns wieder wie zehn fühlten, obwohl wir ja mittlerweile doppelt so alt sind und deswegen durchaus ernst zu nehmende Erwachsene sind!
    Ich persönlich brauch immer meine Aufwärmzeit mit anderen Leuten und bin eher Zuhörer, als Selberredner, obwohl ich mit meinen besten Freunden natürlich ewig Quatsch reden kann, umso frustrierender finde ich es dann, wenn ich fremde, aber sehr nette Leute treffe und ich einfach nicht weiß, was ich ihnen erzählen soll, obwohl ich ihnen doch sooo gerne etwas erzählen möchte! Wie sich das mit den Freunden aus der Schule entwickelt, werde ich mal weiter beobachten, aber wenn man ganz darauf achtet, ist es schon erstaunlich, was für ein anderer Mensch man in der familie, bei der Arbeit, unter Freunden, unter Fremden ist.... Obwohl man doch hofft, immer der gleiche zu bleiben :D
    Liebe Grüße und nicht zu viel Frustation über dein altes Selbst. Und diese HIMYM-Folge ist echt ziemlich witzig :D

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    1. Ach stimmt ja - mal gucken, wann ich mir das Staffelfinale geben kann. Habe da ja schon diversen Unmut drüber vernommen. Kennst du das Ende schon?

      Danke schön :)
      So ähnlich ist das bei uns auch - meine Schwester und du könntet eine Selbsthilfegruppe aufmachen :D Aber mittlerweile hat sich das weitestgehend eingependelt, auch wenn ich über die Semesterferien nach Hause komme. Seit meine Schwester studiert und Geld verdient und auch institutionell erwachsen ist, haben unsere Eltern das auch verstanden. Es wird also besser mit der Zeit! :)

      So geht es mir auch oft :D Mir widerstand es auch ganz lange Zeit, einfach mal Smalltalk zu machen, weil ich das total uninspiriert und langweilig gefunden habe. Aber man kann tatsächlich inspirierten Smalltalk lernen. ...auch wenn er an manche Leute verschwendet ist - aber dann kann man ja wieder über das Wetter reden :D

      Solange sich die diversen Ichs nicht in die Wolle bekommen, ist alles cool :D

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