25.04.2014

[Rezi] David Gilbert - Was aus uns wird

Erscheinungsjahr: 2014
Originaltitel: &Sons
Genre: Roman
Seitenzahl: 640


Teaser:
Väter beginnen als Götter und enden als Mythen, und dazwischen kann die Gestalt, die sie annehmen, verhängnisvoll für ihre Söhne sein.






Handlung
Der berühmte Buchautor aus New York, A.N. Dyer, befindet sich auf der Beerdigung seines besten Freundes Charlie Topping, als die Geschichte beginnt. Er soll dort die Trauerrede halten - schließlich waren er und Charlie runde 50 Jahre befreundet und von berufswegen muss Andrew Dyer ja gut mit Worten umgehen können. Doch als er vor den Gästen der Beerdigung steht und in die Gesichter der Familie schaut, bringt er nicht einen sinnvollen Satz heraus. Seine einzige Sorge ist es, seinen jüngsten Sohn Andy zu finden, der sich heimlich von der Beerdigung weg gestohlen hat. Andrew bricht zusammen und muss von der Witwe wieder auf seinen Platz begleitet werden.
Gesehen und beschrieben wird diese ganze Szenerie von dem Sohn des Verstobenen. Phillip Topping ist in diesem Roman die Erzählinstanz und schildert die verschiedenen Dinge, die die einzelnen Personen erleben, aus erster Hand.
Während der 17-jährige Andy draußen vor der Kirche ein Date mit der älteren Assistentin seines Vaters ausmacht, sind seine beiden Halbbrüder Richard und Jamie schon so gut wie auf dem Weg nach New York. Andrew war nie der Vatertyp und deshalb sind seine beiden anderen Söhne relativ weit weg gezogen, um sich woanders ein neues Leben aufzubauen. In Richards Fall hat das auch funktioniert; nach einer beeindruckenden Drogenkarriere ist er endlich clean, hat eine Frau und zwei Kinder im Teenageralter. Jamie dagegen ist der rastlose, kreative Filmemacher, dessen nicht zu befriedigender künstlerischer Anspruch verhindert, dass er einen Sinn im Leben findet. Und beide kommen nun auf Geheiß ihres Vaters nach New York, um endlich nach 17 Jahren ihren Halbbruder kennenzulernen - dieser war damals als Produkt einer Affäre der Grund für die Scheidung ihrer Eltern und einer relativ konsequenten Kontaktlosigkeit zu ihrem Vater. Weil es ihm aber offenkundig schlecht geht, raffen sich die Brüder auf und kehren in das Haus ihrer Kindheit zurück. Um dort eine unglaublich klingende Nachricht von ihrem Vater zu erhalten.

Meine Meinung
Auf den Punkt zu bringen, worum es in diesem Buch geht, und vor allem, wie ich dazu stehe, ist gar nicht so einfach. Dazu ist es zu vielschichtig, verworren und seine Figuren sind alle ziemlich verloren und orientierungslos, sodass auch mir ein bisschen der rote Faden zur Beschreibung fehlt.

Beginnen wir mal mit der besonderen Erzählersituation. Der Leser erfährt die Geschichte von einem in der Handlung agierenden Charakter, Phillip Topping, der zwar nicht konstant überall anwesend ist, aber dennoch als allwissender Erzähler erscheint, der stets bei jedem Erlebnis der (wenn meine Zählung stimmt) 4 Haupterzählstränge und natürlich auch bei seinem eigenen Erzählstrang teilnimmt. Dabei nimmer er auch wirklich die Position einer internen Fokalisierung ein und kennt die Gedanken der Figuren so gut wie seine eigenen. In der Form ist mir das noch nicht oft untergekommen und ich finde das sehr bemerkenswert. Um nicht zu spoilern, gebe ich hier mal kein weiteres Urteil dazu ab, aber ich finde, das Ende lässt offen, ob Phillip sich die Geschichte nur ausgedacht hat, oder ob sie "wirklich" so passiert ist.

Die beiden Hauptfiguren sind auf jeden Fall Andrew Dyer, der berühmte Autor, und sein 17-jähriger Sohn Andy. Im Gegensatz zu Andrews erwachsenen beiden Söhnen, denen er immer mit einer gewissen Distanz begegnet ist, ist er von Andy schon beinahe besessen und möchte immer wissen, wo er ist, was er tut und ob es ihm gut geht. Richtig kümmern tut er sich aber dennoch nicht um ihn; dafür gibt es Gerd, das schwedische Kindermädchen. Andrew selbst schließt sich tagelang in seinem Arbeitszimmer ein und ist für niemanden zu sprechen.

Die Handlung ist hauptsächlich in der NewYorker-Literaturszene, in der Kunstwelt und allgemein bei der Elite angesiedelt. Das ist natürlich ein schwerer Brocken, vor allem, wenn die verschiedenen Figuren alle verlorene Künstlerseelen sind. Bis auf Andy, der zwar auch sehr sensibel ist, aber mir als der einzige normale Mensch in diesem Roman vorkam. Ansonsten sind die Mitglieder der Familien Dyer und Topping alle sehr von der Frage besessen, wie sie sie am besten ausdrücken können. Phillip wollte schon immer einen Roman schreiben und giert geradezu nach der Anerkennung Andrews. Richard, Andrews ältester Sohn, wollte als Kind immer die Zuneigung seines Vaters, die dieser ihm immer verwehrt hat, und jetzt möchte er als Drehbuchautor ohne die Hilfe seines Vaters berühmt werden. Das allerdings ist schwierig, weil alle Produktionsfirmen unbedingt die Rechte an A.N. Dyers berühmtestem Werk haben möchten und Richard als den perfekten Vermittler ansehen. Jamie, Richards Bruder, widmet sich neben seinem Dozentenberuf für Filmwissenschaft, diversen schrägen und düsteren Filmprojekten, mit denen er grundsätzlich nicht zufrieden ist. Alle diese Figuren sind gekennzeichnet von einer zeitweise anstrengenden Rastlosigkeit. Auch die Sprache ist nicht ganz einfach. Beziehungsweise ist die Komplexität der Gedankengänge nicht das Problem - gestört hat mich eher dieses angestrengt poetische, dieses "der Satz muss mindestens eine tiefere Bedeutung haben. Besser wären aber fünft tiefere Bedeutungen. Und er muss weise klingen" ging mir ein bisschen auf die Nerven. Auch gibt es relativ lange Strecken in dem Buch, wo sehr wenig bis gar nichts passiert, außer, dass eine Figur mit ihrer Vergangenheit hadert. Ein bisschen komprimierter wäre in dem Fall für meinen Geschmack besser gewesen.

Auch noch auffällig sind die verschiedenen Referenzen auf große und bekannte Werke der Literaturgeschichte. Neben Goethe und Poe gibt es noch verschiedene andere Literaten, auf die in der ein oder anderen Weise - auch einmal ganz subtil und klammheimlich - Bezug genommen wird. Ich bin sicher, dass ich nicht alls Verweise entdeckt habe, aber dieses collage-artige Verweben bekannter Sätze ist auf jeden Fall ein Pluspunkt für den Roman.

Neben den angestrengt künstlerischen Passagen hat der Roman aber auch wirklich viele Highlights. Insgesamt stellt er die Frage, die schon der Titel formuliert "Was wurde aus den Figuren? Und aus welchem Grund sind sie so geworden". Dabei werden die einzelnen Schwächen und Charakterzüge der Figuren Richard, Jamie, Philipp, Charlie und Andrew mit ihrer Kindheit und Jugend in Verbindung gebracht. Mit Erlbenissen, die sie geprägt haben und die vielleicht dazu geführt haben können, dass sie so geworden sind, wie sie jetzt eben auftreten. Aber Phillip erkennt schon ganz richtig, dass es schwer ist, das Ende vom Anfang zu finden und das "Warum"? niemals endgültig geklärt werden kann.
Ich vergebe 3 Wölkchen für dieses Buch.


Lieben Dank an BloggDeinBuch und den Eichborn-Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares.

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