23.07.2014

# Rezensionen

[Rezi] Taiye Selasi - Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Erscheinungsjahr: 2013
Originaltitel: Ghana must go
Genre: (Entwicklungs-) Roman
Seitenzahl: 397


Teaser:
Dieses zerrissene Schweigen zwischen Auslöser und Handlung, wenn sich das Denken nur auf das konzentriert, was der Augenblick fordert, und die ganze Welt sich verlangsamt, als wollte sie sehen, was passiert. Wenn der eine handelt und der andere nicht.




Handlung
Eine zersplitterte Familie, die nicht nur geografisch jede Nähe zueinander verloren hat. Die Eltern stammen ursprünglich aus verschiedenen Teilen Afrikas - Fola, die Mutter, aus Nigeria und Kweku, der Vater, aus Ghana - und sind nach Amerika gezogen, um sich dort ein besseres Leben aufzubauen, als es in ihrer Heimat möglich gewesen wäre. Kweku ist ein unglaublich talentierter Chirurg und auch Fola hätte Karriere machen können, doch hat diese zu Gunsten der Kinder hinten angestellt. 4 Kinder haben die beiden bekommen. Olu, der vom Äußeren nach seiner Mutter und vom Inneren nach seinem Vater kommt und dem ebenfalls eine große Karriere als Chirurg bevorsteht, ist der Älteste. Nach ihm kamen die Zwillinge, ein Mädchen - Taiwo- und ein Junge - Kehinde - und komplettiert wird die Familie dann durch die nervenaufreibende und knappe Geburt des Nesthäkchens Sadie.

Jetzt sind die Kinder erwachsen, die Eltern getrennt und in alle Richtungen verstreut. Boston, London, Ghana, überall auf der Welt findet sich ein Mitglied der Sai-Familie, die sich selbst gar nicht mehr als Familie sieht. Doch dann stirbt Kweku durch einen Herzinfarkt in seinem Haus in Ghana und die übrig gebliebenen treffen wieder aufeinander. Und müssen sich damit auseinandersetzten, warum alles so gekommen ist. Was für jeden der Beteiligten ein schmerzhafter Prozess ist.

Meine Meinung
Am Anfang habe ich wirklich lange gebraucht, um in die Geschichte einzufinden. Ungefähr 150 Seiten lang waren die Figuren für mich undurchdringliche, die Handlungen nicht nachvollziehbar und die teilweise kryptische Sprache hat diesem Zustand nicht gerade Abhilfe geschaffen.
Doch ich bin froh, trotzdem am Ball geblieben zu sein, denn irgendwann setzt sich alles nach und nach zu einem Bild zusammen, dass schließlich in seiner Gesamtheit den schwierigen Einstieg fast wieder komplett wett macht.

Warum ist diese Familie zerbrochen, die nach Außen hin alles erreicht hatte, was sich die Eltern je erträumt hatten? Kweku als Ernährer der Familie hat einen gut bezahlten Job im Krankenhaus, er ist virtuos am Skalpell, die Kinder besuchen gute Schulen und alles wirkt idyllisch. Doch dann endet das Glück, das nie wirklich eines war. Kweku verlässt die Familie in einer Nacht- und Nebelaktion, weil er schuldlos entlassen wurde und seine Rolle als Versorger nicht mehr erfüllen kann. Aus Scham lässt er alle im Stich. Fola versucht, mit der Situation klar zu kommen, verkauft das Haus und tut, was in ihrer Macht steht. Doch natürlich ist sie unglaublich überfordert mit der Situation.

Kein Familienmitglied ist glücklich - in jedem schwelt ein anderer Konflikt, der sich aus verschiedenen Beziehungskonstellationen innerhalb der Familie ergibt. Richtig fasziniert hat mich die Darstellung der einzelnen Missverständnisse, die diese Konflikte auslösen und fördern und mit ein bisschen mehr Kommunikation bereinigt werden können. Aber Scham, Wut und Angst versiegelten schon immer die Münder der Sais. Aber die Autorin schafft es, diese Konflikte mit so viel Fingerspitzengefühl und Authentizität zu vermitteln, dass es mich wirklich begeistert hat. Wie egozentrisch Menschen doch sein können, und Aktionen auf sich selbst beziehen und in ihre persönlichen Denkmuster einflechten, die gar nichts mit der Lebenswirklichkeit des anderen zu tun hat, hat sie extrem toll herausgearbeitet. Dies funktioniert vor allem durch die multiperspektivische Erzählung, die ja am Anfang so schwierig für mich war. Aber am Ende war es genau das, was der Story den Zauber verliehen hat.

Nehmen wir zum Beispiel die beiden Schwestern. Taiwo die Ältere und Sadie, die 10 Jahre jünger als die anderen Geschwister als Nachhut zur Welt kam. Taiwo beneidet Sadie um ihre enge Beziehung zur Mutter, um ihr rundes, niedliches Gesicht. Sadie dagegen wäre gerne souverän und attraktiv wie Taiwo, denn sie fühlt sich hässlich und ungeliebt. Für beide wirkt die jeweils andere wie das Idealbild, was schon ein bisschen ironisch ist.

Das Ende hat mich dann auch tatsächlich ziemlich mitgenommen, obwohl sich die Auflösung schon ziemlich früh angedeutet hat.

Die vielen Orts- und Perspektivenwechsel waren wie gesagt am Anfang etwas überfordernd. Es ist einfach eine kleine Reizüberflutung, die da in der Geschichte stattfindet und mit der man erstmal zurecht kommen muss. Kaum hat man sich an einem Ort eingerichtet und mit einer Figur irgendwie identifiziert, wird man sofort herausgerissen und ans andere Ende der Welt verfrachtet. Bei näherem Nachdenken könnte ich mir vorstellen, dass das ein durchaus kalkuliertes Stilmittel ist, weil es diese Zersplitterung der Familie ganz gut verdeutlicht. Aber es macht den Einstieg halt trotzdem ein bisschen kompliziert.
Dann entwickeln sich die Geschichten aber so gut und machen so viel deutlich, was Identitätsfindungen von Angehörigen einer Minderheit im Allgemeinen und den Mitgliedern der Familie im Speziellen und immernoch bestehende Rassismuskonzepte, die vielleicht nicht mehr unbedingt auf ethnischen Abstammungen aber auf Machtverhältnissen beruhen, angeht, dass es doch eine Freude war, das Buch zu lesen. Es erhält damit (knappe, aber trotzdem eindeutige) 4 Wölkchen von mir und eine klare Leseempfehlung.



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