29.09.2014

[Rezi] Nick Hornby - A long way down

Erscheinungsjahr: 2005
Genre: Roman
Seitenzahl: 341




Teaser:
Zuallererst darf ich Ihnen verraten, dass ich auf Aaron T. Becks Selbstmordabsichtsskala sehr gute Werte erziehle. Ich wette, Sie wussten nicht mal, dass eine solche Skala existiert, oder? 




Handlung
Silvesterabend ist doch der perfekte Tag, um sich von einem Hochhaus in den Tod zu stürzten. Das alte Jahr liegt mit seinen ganzen blöden, unbefriedigenden und zur Verzweiflung treibenden Tagen hinter einem und die Zukunft sieht ungefähr noch beschissener aus. So zumindest empfinden das Martin, JJ, Jess und Maureen, die sich an diesem Tag endlich von ihrer Qual erlösen wollen. Ob es zur Umsetzung dieses Vorhabens allerdings die beste Lösung war, zu dem für Selbstmörder beliebtesten Gebäude der Umgebung zu gehen? Denn so treffen sich diese vier Leute, die bis dato nichts verbunden hat und die sich noch nie gesehen haben, aus Versehen auf dem Dach. Reden. Und springen erstmal nicht. Sie beschließen, sich in sechs Wochen noch einmal zu treffen. Valentinstag ist doch ein genauso guter Tag, dem Leben ein Ende zu setzen wie Silvester, oder? Und so kommt diese ungleiche Gruppe zusammen und obwohl sie sich im Grunde nicht ausstehen können, bringen sie sich doch gegenseitig wichtige Lektionen bei und lassen die anderen ihre Selbstmordabsichten überdenken.

Meine Meinung
Eine ungleiche Gruppe. Ein Vorhaben, bei dem jeder positiv denkende Mensch sofort "STOPP!" ruft. Und eine Entwicklung, die sowohl schwer als auch lang, schmerzhaft und anstrengend ist und eigentlich auch nicht wirklich zu einem Happy End führt. Das ist mein Kurzfazit zu diesem ziemlich genialen Roman.

Martin lernen wir als ersten kennen. Ein Fernsehmoderator, dessen öffentliches und persönliches Leben zerstört ist, weil er mit einer 15-jährigen geschlafen hat und dafür im Gefängnis saß. Seine Frau hat ihn verlassen und in der Presse gilt er als perverser Dreckskerl. Er hat keinen Job, keine Freunde und seine Kinder darf er auch nicht sehen. Alles eigentlich ganz gute Gründe, um verzweifelt genug zu sein, seinem Leben ein Ende zu setzen. Doch gerade im Gespräch mit Maureen, die alleinerziehende Mutter eines schwer behinderten Jungen ist, Jess, deren große Schwester sich vor Jahren umgebracht hat und JJ, der in schwersten Depressionen versunken ist, seit sich seine Band aufgelöst und seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat, sind die übrigen drei Mitglieder der Gruppe und zusammen klammern sie sich an das Leben, das sie alle irgendwie verabscheuen.

Eine Besonderheit des Buches ist definitiv der Aufbau und der Schreibstil. Immer abwechselnd wird die Geschichte aus der Perspektive einer der vier Protagonisten erzählt. Und diese Passagen haben ganz charakteristische Eigenheiten, was Stil, Prioritätensetzung und Wortwahl angeht. Jess beispielsweise drückt sich sehr gerne mit Schimpfworten aus und Maureen ist gleichermaßen naiv wie verklemmt und vermittelt das durch bestimmte Dinge, auf denen sie im Umgang mit den anderen Wert legt.

Die große Schwierigkeit für mich bestand darin, dass ich Bücher eigentlich nicht mag, in denen es keine Identifikationsfigur gibt. Alle vier Charaktere - mit Ausnahme höchstens noch von JJ vielleicht - fand ich extrem anstrengend und unsympathisch. Jetzt mal abgesehen von der ganzen Selbstmordgeschichte; die sind auch einfach sozial nicht wirklich kompatibel. Aber jeder auf seine eigene Weise und das ist ja auch das, was ihre Probleme letztendlich ausmacht. Also war dieser Nachteil doch wieder ein Gewinn. Irgendwie.

Jedenfalls geht es eigentlich gar nicht so sehr um das Thema Selbstmord, auch wenn es oberflächlich betrachtet vielleicht so scheinen mag. Es geht darum, wie man lernt, mit wirklich großen Problemen umzugehen, sich ihnen zu stellen und Lösungen dafür zu finden.

Und diese Arbeit ist mit so einem trockenen, morbiden und zeitweise wirklich bösen Humor beschrieben, dass das Lesen gleichzeitig verstört und unterhält. Ohne diesen Aspekt des Witzes wäre das Buch wahrscheinlich unerträglich - vor Selbstmitleid triefend und zutiefst deprimierend. Weil es einfach ein hartes Stück ist, das große Ganze so unwiderruflich zu hinterfragen, wie die vier Protagonisten das tun.

Hin und wieder überraschten mich die Gedankengänge einer der vier, indem sie einfach und klar ziemlich tiefgehende Problematiken der Philosophie ansprachen und für sich selber eine Lösung dafür fanden. Immerhin dafür. Mit ihrem Leben kamen sie nicht so gut klar wie mit der Metaphysik. Aber es war schonmal ein Schritt in die richtige Richtung.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen; es ging nicht darum, besonders spannend zu sein oder überraschend Plot-Twists einzubauen, sondern darum, sich mit sich selbst und dem Leben auseinanderzusetzen. Und das hat der Autor wirklich hervorragend umgesetzt. Vier Wölkchen von mir.


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