23.09.2014

# Rezensionen

[Rezi] Rita Falk - Hannes

Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Erzählung
Seitenzahl: 202


Teaser:
Du, Hannes, es wär jetzt schön, wenn du langsam wieder werden würdest. Es ist nicht das Gleiche ohne dich. Gestern Abend hatte ich ja noch Besuch (wie berichtet), wir haben Bier getrunken und über alte Zeiten gequatscht. Plötzlich hat der Brenninger gesagt, wie dämlich wir zwei gewesen wären, mitten im Februar, quasi mitten im Winter, mit den Maschinen rauszufahren.



Handlung
Erst ist alles ganz normal und ganz alltäglich, doch mit einem Schlag ändert sich die ganze Welt. Nach einem schweren Motorradunfall liegt Ulis bester Freund Hannes im Koma. Wochen-, monatelang ist er nicht ansprechbar und bleibt doch für Uli die erste Anlaufstelle für dessen Probleme im Leben - das natürlich weiter geht, auch wenn Hannes an Maschinen angeschlossen im Krankenhaus liegt.

Um das alles verarbeiten zu können und den Kontakt zu Hannes - und auch zu sich selbst - nicht zu verlieren, auch wenn er gerade nicht auf der Bettkante seines Freundes oder auf der Fensterbank in dessen Krankenzimmer sitzen kann, schreibt Uli Briefe an Hannes. Damit dieser auf dem Laufenden bleibt, und alles nachlesen kann, was er während seines Komas verpasst. Denn natürlich wird er wieder aufwachen; was soll Uli denn auf dieser Welt ohne ihn?

Meine Meinung
Hilfe mein Herz! Vor zwei Tagen habe ich dieses Buch beendet und noch immer treibt es mir Tränen in die Augen, wenn ich daran denke. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn ich sage, dass mich selten eine Figur so stark beeindruckt hat, wie Uli. Und ich brauche wahrscheinlich noch eine Weile, bis ich darauf wieder klarkomme.

Hannes liegt im Koma und sein gesamtes Umfeld hat plötzlich kein normales Leben mehr. Seine Freundin Nele nicht, seine Eltern nicht und seine eingeschweißte Clique auch nicht. Jeder hat die Last zu tragen, aber niemand kümmert sich so aufopferungsvoll um Hannes, wie seine Eltern und sein bester Freund. Uli verbringt jede Minute, in der er nicht arbeiten oder dringend Schlaf nachholen muss, an Hannes Seite - massiert ihm die Hände, liest ihm den Sportteil der Zeitung vor oder erzählt ihm einfach aus seinem Leben. Was so passiert in der psychiatrischen Einrichtung, in der er Zivildienst macht. Wie er mit Hannes Unfall zurecht kommt. Wie alle anderen damit zurecht kommen. Oder eben auch nicht. Und das alles fasst er nochmal in mal kurzen und mal langen Briefen zusammen, die Hannes den Wiedereinstieg ins Leben nach seinem Erwachen erleichtern sollen.

Und genau diese Briefe sind es, die wir in diesem Roman zu lesen bekommen. Darin erfahren wir das, was Uli seinen besten Freund wissen lassen möchte - über Liebesbeziehungen, Streitereien, Kummer, Erfolgserlebnisse. Eben alles. Und wir erfahren immer wieder, wie es um Hannes Zustand bestellt ist. Ob er Fortschritte macht. Oder ob niemand zu ihm darf, weil die geringste Infektion seinen Tod bedeuten könnte.

Uli ist ein unheimlich sensibler Charakter, der in keiner Weise eine moralische Instanz ist, aber im Umgang mit Hannes und allen anderen Menschen, die seine Hilfe brauchen, absolut bewundernswert reagiert. Er ist keiner, der große Reden schwingt, er tut einfach, was getan werden muss. Und obwohl es ihn genauso zermürbt wie alle anderen, Hannes so teilnahmslos daliegen zu sehen, stellt er dieses Gefühl nicht über Hannes Anspruch darauf, gerade in dieser Zeit die Menschen um sich zu haben, die er am meisten liebt.

Der Schreibstil ist vielleicht etwas gewollt umgangssprachlich. Mir kam es teilweise ein bisschen gestellt vor - allerdings spielt die Geschichte in Bayern und ich kann mir durchaus vorstellen, dass man dort so redet (Klingt das böse? So ist es nicht gemeint. Mir sind nur ein paar Ausdrücke aufgefallen, die man hier im Norden halt einfach nicht verwendet ;) ). Auf jeden Fall hat Uli seinen eigenen Stil mit kleinen Einzelheiten, die sich öfter wiederholen und sozusagen seine Markenzeichen sind. Immer wenn er "Hannes, mein Freund, ich habe gestern..." oder etwas in der Art schreibt, musste ich tief durchatmen. Niemals hat ein Buch das Wort Freundschaft so bitter und so eindrucksvoll definiert.

Ein Buch, bei dem ich wirklich Angst vor dem Ende hatte. Erstens, weil es dann vorbei ist. Umd zweitens, weil das Ende gerade bei so einer Geschichte alles versauen kann, wenn es unsensibel, lieblos oder einfach klischeehaft ist. Zum Glück ist nichts dergleichen eingetreten. Ich liebe das Buch. Lest es. Aber legt euch Taschentücher daneben. 5 rosa Wölkchen von mir.


Kommentare:

  1. Ohhhh.

    Ich hatte dieses Buch schon fast vergessen, aber tatsächlich habe ich das vor ganz langer Zeit mal als Leseexemplar bekommen. Und eben beim Lesen deiner Rezension ist mir das wieder eingefallen.

    Zu der Sache mit dem Schreibstil - mir ist es damals auch deutlich aufgefallen, dass es einfach anders ist. Da ich in Bayern lebe, kann ich sagen - ja wir reden vielleich "a weng" komisch.... Alles in allem fand ich den Schreibstil allerdings doch ziemlich zutreffend. Irgendwie hat das einfach zu Uli und seinen Briefen gepasst.

    Daher kann ich dir einfach nur voll und ganz zustimmen - ich fand das Buch auch wirklich schön und die fünf rosa Wölkchen sind völlig verdient :)

    Viele Grüße :)

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    1. Das Ende belastet mich irgendwie immernoch xD

      Aber du hast auf jeden Fall recht - der Schreibstil passt total zu Uli. Er ist genau richtig umgangssprachlich, als hätte Uli die Briefe frei von der Leber weg geschrieben - was er ja auch hat :) Aaaach, ich mag den bayrischen Dialekt. Und als (zwar ausgewanderte) Saarländerin darf ich sowieso nichts gegen "komische" Redeweisen sagen xD

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