10.10.2014

[Gerede] 2 Tage Gent. Oder: Underdogs for the win!

Hier habe ich vor kurzem darüber berichtet, was man alles an einem Turbo-Trip in Brüssel zu sehen bekommen kann. Ein bisschen zu kurz gekommen ist dabei der Grund, warum wir nur zwei Tage in dieser Stadt geblieben sind, obwohl sie genug für eine Woche zum Anschauen hat. Aaaaber unsere Tour ging noch weiter. Mit dem super genialen Angebot der belgischen Zuggesellschaft kommt man nämlich für schlappe sechs Euro mit dem Zug - einschließlich ICE! - überall hin in Belgien, solange man unter 26 Jahren alt ist. Das musste natürlich genutzt werden, um noch einen weiteren Ort zu entdecken. Und da entschieden wir uns nicht für Antwerpen oder Brügge, die typischen Ziele in Flandern, sondern für Gent. Als Reiseziel nicht bei so vielen auf dem Zettel muss ich hier dringend dazu raten, diese Stadt auf die To-See-Liste zu setzen. Denn sie ist richtig, richtig schön!

So viel Kultur habe ich selten auf einem Flecken gesehen - und damit meine ich nicht unbedingt eine ausgeprägte Museumslandschaft (die dennoch vorhanden ist), sondern eine lebhafte, bunte Atmosphäre, die zu entdecken wirklich Spaß macht.
Die Hauptattraktion ist meiner Meinung nach die Architektur. Das historische Viertel ist voll von mittelalterlichen Gebäuden und teilweise ist die Straßenanordnung auch noch original erhalten. Die Leie, die mitten hindurch fließt, sorgt dafür, dass überall kleine malerische Brücken angelegt sind, die tagsüber, aber vor allem nachts wunderschön aussehen.


Aber ein bisschen Glitzer des Nachts ist natürlich noch längst nicht alles, was mich an der Stadt so begeistert hat. Sie ist ja wirklich nicht groß und wenn man drei Tage dort verbringt, trifft man schon immer wieder auf die selben Leute. Aber trotzdem wird es nicht langweilig. Jeden Abend finden irgendwo Konzerte statt - oftmals Jazzkonzerte, aber auch für andere Geschmäcker ist etwas dabei. Sowieso wird in Gent viel Wert auf Musik gelegt. Da fällt man alle paar Meter über einen Flügel, der einfach so, öffentlich zugänglich, aufgestellt ist und jeden zum Spielen einladen. Die sind sogar gestimmt! Und wenn es mal nicht ein Flügel ist, dann ist es ein in Strick gekleidetes Klavier. Wenn das nicht genial aussieht!

 Über die mittelalterlichen Gebäude habe ich ja schon gesprochen - was man unbedingt sehen muss, sind die verschiedenen Marktplätze und die Fleischerhalle, in der früher ausschließlich Fleisch - der Name ist Programm - verkauft werden durfte. Die Burg Gravensteen war quasi direkt neben unserem Hostel und die Geschichte zu dieser Burg ist einfach göttlich und sorgt gleich dafür, dass ich die Stadt und ihre Bewohner noch sympathischer finde (Kurzversion: Unbeliebter Graf von Gent baut diese Burg, die Genter finden das nicht witzig und bauen drumherum die Stadt auf - deshalb liegt die Burg auch nicht abgeschieden irgendwo auf einem Berg, sondern direkt mitten in Gent :D ).
Für alte London-Fans gibt es auch ein Schmankerl: der Mini-Clocktower, der dem Turm mit Big Ben darin entlehnt ist, und der mitten in der Stadt steht.
Das Wahrzeichen der Stadt ist der Belfried. Dieses Ding ist einer der drei wichtigsten Türme der Stadt, fungierte im Mittelalter als Wachturm, hat auf seiner Spitze ein riesiges, goldenes Drachen-Viech und ist Symbol für die Unabhängigkeit der Stadt. Man kann dort, wenn man weder Höhenangst hat noch klaustrophobisch veranlagt ist, sogar ganz nach oben steigen und einen wirklich genialen Ausblick über die Stadt genießen.

Eine zweite Perspektive, die ich unbedingt empfehlen möchte, ist die, die man hat, wenn man per Boot durch die Stadt schippert. Wie schon erwähnt, sieht Gent so aus, wie ich mir Venedig vorstelle, und deshalb gibt es natürlich einige Boote auf dem Fluss. Damit kann man quasi die Rückseite der Stadt betrachten und erhält auch gleich für kleines Geld eine interessante Führung mit dazu.

Sollte man dann immernoch nicht genug kreativen und geschichtlichen Input haben, muss man unbedingt die Gässchen und Straßen erkunden. Mit dem Ziel der wohl tollsten Erfindung, seit es Stadtverwaltungen gibt. Tatsache ist nämlich, dass in Gent keine Häuser mit Graffitis beschmiert sind. Warum? Weil es eine ganze Graffiti-Gasse gibt, in der das Sprayen absolut legal ist. So hat man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: man hat kostenlos eine sich ständig wandelnde Ausstellung mitten in der Stadt und außerdem die Sprayer legal ausgelagert. Gut, vieles dort an den Wänden ist einfach hässlich und kaum der Betrachtung wert. Aber wenn man genau hinsieht, findet man das ein oder andere beeindruckende Kunstwerk.



Die Sache mit der Sprache ist auch völlig unkompliziert. Eigentlich sprich man dort offiziell Niederländisch, aber gerade in Gent sind die flämischen Dialekte extrem ausgeprägt und auch oft verschriftlicht auf Plakaten zu finden. Das ist unglaublich witzig und klingt einfach richtig niedlich. Mit Englisch, Französisch und sogar oft auch Deutsch (was wir allerdings vermieden haben. Wenn man schon die Chance hat, eine andere Sprache anzuwenden, sollte man sie auch nutzen) kommt man dort wunderbar zurecht und wird immer wieder in interessante Gespräche verwickelt.

Und nicht nur das ist eine Besonderheit. Worauf die Genter anscheinend besonders stolz sind, neben den Blumen natürlich, sind ihre Süßigkeiten! Allen voran die Genter Nasen, die tatsächlich nach Nasen aussehen und ein bisschen nach Kinderzahnpasta schmecken. Nur viel viel süßer. Aussage eines Einheimischen: entweder man hasst sie, oder man liebt sie. Es gibt nichts dazwischen. Und das bestätigt auch meine persönliche Erfahrung. Ich liebe sie. Und alle anderen, die ich damit bisher gefüttert habe, hassen sie. Bedeutet mehr Nasen für mich. Und die anderen bekommen halt weiterhin ihre langweiligen belgischen Pralinen.
Hab ich noch was wichtiges vergessen? Der Kenner wird wissen: das Bier. Es gibt gefühlte 200 Biersorten und diverse Kneipen und Bars in Gent verfügen über ein erstaunliches Sortiment. Sogar für Bier-Ablehner wie mich ist da die eine oder andere süße Variante dabei. Und der Clou: jede Biersorte hat ihr eigenes, speziell designtes Glas dabei. So sind diese Gläser nicht nur funktionale Gebrauchsgegenstände, sondern auch wesentlicher Teil der Raumdekoration.

Gent ist für mich eine faszinierende Mischung aus Geschichte und Modernität. Es ist immer etwas los und ich muss wirklich sagen, dass ich Gent wesentlich schöner als Brüssel finde. Aber so ist das oft mit Underdogs. Man muss ihnen die nur Gelegenheit geben und dann sind sie der haushohe Gewinner. Ein riesiger Pluspunkt ist natürlich, dass Gent nicht so touri-überlaufen ist. Und obwohl ich eigentlich nicht will, dass sich das ändert, musste ich hier einfach meine kleine Liebeserklärung an die Stadt veröffentlichen. Sie hat es verdient, aus dem Schatten von Brüssel, Antwerpen oder Brügge herauszukommen. ♥


Kommentare:

  1. Gent möchte ich mir auf jeden Fall auch noch genauer ansehen! Ich war bisher erst einmal da. In Antwerpen dafür schon öfter (der Liebe wegen....). Es gibt wirklich ein paar echt schöne Ecken, aber eben auch ein paar nicht so schöne....Brügge kenne ich nur aus dem allseits bekannten Film, aber da möchte ich auch bald hin!

    liebe Grüße,
    Cara

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    1. In Antwerpen war ich angeblich als Kind auch mal :D Aber grade Flandern hat wirklich einiges zu bieten; eine Kehrseite hat man ja leider überall... aber So eine Tour quer durch Flandern kann man echt mal machen :D

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