08.11.2014

[Gerede] Zweifelhafte Berichterstattung und warum Buh-Männer so schnell wechseln

"Jeder Arbeitnehmer hat das Recht, für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, ABER...", "die Idee des Streiks ist grundsätzlich zu befürworten, ABER..." und nicht zuletzt die fette Schlagzeile auf Spiegel.online "Der unsympathischste Arbeiterkampf Deutschlands". Solche Sätze und Aussagen treten in den letzten Tagen und Wochen vermehrt auf. Und das macht mich krank. Zwar sind einige dieser Schlagzeilen klar als Kommentar gekennzeichnet, dürfen deshalb entsprechend polemisch formuliert sein und die Meinung des Verfassers klar herausstellen. Aber auch ein Großteil der übrigen Berichterstattung zu dem Konflikt zwischen der Gewerkschaft GDL und dem Vorstand der Deutschen Bahn drückt dem Leser eine Meinung auf. Und zwar eine, die immer und immer wieder gegen den GDL-Chef Claus Weselsky feuert. Neutraler, qualitativer Nachrichtenjournalismus ist ja bekanntermaßen nicht selbstverständlich und daher auch nur selten zu finden, aber langsam ist es auch mal gut mit dieser unreflektierten Meinungsmache. Ich persönlich verfasse nun meinen ganz eigenen Kommentar zu dem Thema und vertrete ganz subjektiv eine völlig konträre Meinung zu dem gängigen Duktus. Vielleicht ist dann das Gleichgewicht wieder einigermaßen hergestellt.

Was sind denn überhaupt die Probleme, die zu der Eskalation geführt haben? Kürzere Arbeitszeiten und mehr Lohn sind ja schließlich die Standartforderungen von Gewerkschaften. Und bei einer Berufsgruppe wie den Lokführern, deren Gehälter tatsächlich unter dem deutschen Durchschnittsgehalt liegen und die gleichzeitig viele (unbezahlte) Überstunden machen müssen, ist diese Forderung auch legitim. Die DB hat im Jahr 2013 649 Millionen Euro Gewinn gemacht. Selbst wenn die Gewinnspanne nicht mehr so groß ist wie noch 2012 sind die Forderungen der GDL wirtschaftlich umsetzbar. Denn wo sollte man bitte den Gewinn besser reinstecken, als in die Mitarbeiter, die das Unternehmen schließlich tragen? Ich weiß, diese Frage stellen sich die Manager der großen Konzerne eher selten, denn für die gelten die Mitarbeitergehälter oft als größter wirtschaftlicher Schaden, der ihrer Firma jährlich zugefügt wird. Aber diese traurige Haltung ist ein anderes Thema. Was medial viel stärker aufgeputscht wird, ist der angebliche Machthunger des GDL-Chefs, weil dieser ganz plötzlich nicht nur die Tarifbedingungen für die Lokführer, sondern auch für die Zugbegleiter oder die Rangeierführer aushandeln will. Selbige werden eigentlich von der Gewerkschaft EVG vertreten, deren Einflussbereich die GDL mit ihren Forderungen eindämmen will. 

Soweit, so gut. Aber in dieser Gleichung fehlt doch noch etwas! Ach ja, die DB! Denn diese hat auch maßgeblichen Anteil an den Verhandlungen, taucht aber nur selten in den Medien auf. Und wenn, dann als armer, hilfloser Konzern, mit dem die böse GDL einfach nicht mehr spielen will. Fakt aber ist, dass die DB ihre Interessen genauso rücksichtslos durchsetzen möchte, wie es der GDL immer vorgeworfen wird. Deshalb ist konsequente Gewerkschaftsarbeit auch so wichtig - damit die Konzerne nicht tun und lassen können, was sie wollen. Folglich gibt es Dinge, die absolut indiskutabel sind und von keinem ernstzunehmenden Gewerkschafter akzeptiert werden können; wie etwa der Vorschlag der DB, von nun an mit beiden Gewerkschaften gleichzeitig zu verhandeln (guter Ansatz!), im dem Fall aber, in dem nur eine der Gewerkschaften mit der Unternehmensleitung einig wird und die andere nicht, eben dieser anderen Gewerkschaft das Streikrecht und damit jede Bewegungsfreiheit zu nehmen. Das geht einfach nicht. Problematisch ist also nicht nur der gewerkschaftliche Machtkampf, sondern auch die wenig kompromissbereite Haltung der DB.

Streik tut weh. Sonst baut er keinen Druck auf ist er unwirksam. Warum sonst streiken in Deutschland hauptsächlich Berufsgruppen, die das öffentliche Leben beträchtlich einschränken? Die Müllabfuhr, die Piloten, die Lokführer? Weil das schmerzt! Und zwar nicht nur der Wirtschaft, sondern vor allem den Pöbel (ich darf das so schreiben, ich zähle mich dazu). Würde ein Streik in der Metallindustrie auch auf solch ein Entsetzen stoßen? Ich glaube nicht. Wenn dort diverse Werke still liegen, juckt das niemanden; ob der neue Golf in 4 oder in 6 Wochen lieferbar ist, macht keinen Unterschied. 
Leider schafft es die DB im Moment, den aufgebauten Druck umzuleiten und auf die GDL zurückzuwerfen. Und da muss man sich doch fragen, wie es sein kann, dass sich ein großer Teil der Gesellschaft plötzlich indirekt mit einem Unternehmen solidarisiert, das noch vor einem Jahr stark unter Beschuss stand. Erinnert ihr euch an das Chaos am Mainzer Hauptbahnhof, der fast komplett lahm gelegt war, weil im Stellwerk ein paar Mitarbeiter krank waren? Wie desolat die personelle Situation in dem Konzern ist, wurde da doch deutlich! Wie kann es ein, dass plötzlich nicht mehr der DB-Vorstand unter Beschuss steht, sondern die Gewerkschaften, die genau gegen solche Sachen kämpfen? Weil die meisten Journalisten den "Einzelgänger" Weselsky unsympathisch finden? Weil sie durch Zugausfälle ihre Meetings verpassen? Weil einer angefagen hat zu meckern und jetzt alle anderen nachziehen müssen? Was ist da los?! Meine Theorie: die DB hält sich medial extrem bedeckt. Bis zum Donnerstag gab es kein Statement direkt vom Vorstand und somit gab die DB einfach keinen guten Aufhänger her. So ließen sie einfach die Medien für sich arbeiten und die GDL als Buh-Mann-Verein dastehen. Mit Weselsky als personifiziertem Übel.

Es ist ziemlich einfach, die Verhandlungen der GDL als reinen Machtkampf abzustempeln. Diese Kategorisierung erfasst die Komplexität des Falles aber in keinster Weise und führt auch zu nichts. Das Streikrecht ist zu befürworten - ohne ABER. Und wenn es konsequent angewandt wird, gibt es nichts zu jammern. Da muss man dann durch, bis ein Kompromiss gefunden wird. Punkt.

Kommentare:

  1. Zunehmend tritt in den Medien auch das auf - die Kritik an der Berichterstattung und das ist toll.

    Du hast auf andere Streikarten verwiesen - das erinnert mich an den Streik der Milchbauern. Die Leidtragenden waren die Kühe, die nicht gemolken werden konnten. Manche sind sogar verendet.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das habe ich auch beobachtet. Kann ich auch nur befürworten.

      Bei dem Streik der Milchbauern ist natürlich eine andere Komplexität vorhanden - da geht es nicht um Menschen, die ein bisschen komplizierter von A nach B kommen, sondern um Tiere, deren Leben von den Bauern abhängt. Allein deshalb konnte dieser Streik nicht so riguros durchgesetzt werden.

      Löschen
  2. Genau das dachte ich mir auch, als ich solche Schlagzeilen gelesen oder ähnliche Kommentare von Bekannten gehört habe. Streikrecht ist ein Grundrecht. Punkt.
    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Diese Doppelmoral regt mich auch echt auf :D

      Löschen