29.11.2014

# Rezensionen

[Rezi] Gianrico Carofiglio - Die Illusion der Weisheit

Erscheinungsjahr: 2012
Originaltitel: Non esiste saggezza
Genre: Erzählungen
Seitenzahl: 218



Teaser:
Manchmal passiert es, dass man die richtige Antwort gibt und es im selben Moment weiß. Es passiert selten, aber es passiert. Wir wussten es beide.





Inhalt
10 kurze Erzählungen befinden sich in diesem kleinen Büchlein, die in sich abgeschlossen sind und inhaltlich nicht miteinander zusammenhängen. Ein Schwerpunkt kristallisiert sich dennoch heraus - in vielen der Erzählungen geht is in dem einen oder anderen Sinn um Kriminalität. Verbrechen, die begangen wurden, Verhörtechniken, die Verdächtige zum Reden bringen, sind zentrale Motive von nicht nur einer Geschichte. Doch auch Kindheitserinnerungen oder besondere Begegnungen zweier Menschen bilden den Rahmen für eine kleine, intensive Geschichte.

Meine Meinung
Eigentlich bin ich nicht so der Kurzgeschichten-Typ (witzig: grade lese ich noch ein Buch mit lauter Kurzgeschichten), und falls es euch auch so geht, muss ich ganz ernsthaft sagen: gebt diesem Buch eine Chance, denn es hat sie verdient!

Jede einzelne Geschichte erschafft auf ganz kleinem Raum eine so dichte Atmosphäre und entfaltet sich bewundernswert vielschichtig, dass es mich beim Lesen richtig aus den Socken gehauen hat. Damit ich ein bisschen Substanz in dieser Rezi habe, schreibe ich einfach über meine zwei Lieblingsgeschichten; die verdeutlichen auch direkt zwei Dinge: die Diversität der Thematiken zum einen und die Intensität des Schreibstils zum anderen.

Fangen wir an mit "Interview mit Tex Willner". Diese Geschichte ist in Dialogform gehalten und es geht um einen Interviewer, der mit der Figur Tex Willner ein Interview führt. Dabei kristallisiert sich nach und nach heraus, dass Tex eine Comic-Figur ist, die den Journalisten durch seine Jugend hindurch begleitet hat. Ohne davon jetzt mehr verraten zu wollen (so viel zur Substanz... aber Spoiler sind böse!), thematisiert dieser kurze Dialog so viele Aspekte des Heranwachsens, der Identitäsfindung und auch - was mich ja ganz besonders begeistert hat - Überlegungen zur Erzähltechnik selbst, dass es fast schon ein kleines Feuerwerk ist. Obwohl sehr wenig drumherum passiert - eigentlich gar nichts, denn bis auf ein paar Regieanweisungen am Anfang und Ende gibt es nur die Sprechteile - oder vielleicht auch gerade deswegen ist diese Begegnung sehr intensiv und der Interviewer macht auf knapp 15 Seiten eine ziemlich große Entwicklung durch.

Uuund meine absolute Lieblingsgeschichte, die mich mit Abstand am meisten beeindruckt hat, ist "Das doppelte Leben der Natalia Blum". Diese Erzählung steht getreu dem Motto "Das beste zum Schluss" steht diese Erzählung ganz am Ende des Buches und hat mich gleich von Beginn an fasziniert. Es geht darin um einen erfolgreichen Lektoren, der ein vielversprechendes Manuskript von einer jungen Frau erhält. Das Manuskript ist noch nicht beendet und scheint äußerst autobiographisch zu sein. Weil der Schreibstil von Natalia so dermaßen mitreißend ist, will er ihr gleich einen Vertrag anbieten. Doch sie meldet sich nicht mehr bei ihm und der Lektor befürchtet - anhand von dem im Manuskript aufgebauten Bild - dass ihr etwas passiert sein könnte. Diese Erzählung arbeitet auf so vielen Ebenen der Fiktion, der Fiktion in der Fiktion und der Realität der Fiktion, dass es einfach unglaublichen Spaß gemacht, hat, sie zu lesen. Klingt komplex - ist es aber gar nicht so sehr, denn der Schreibstil ist eingängig, prägnant und trotzdem äußerst malerisch.

Endlich hat es mal wieder ein Buch geschafft, die höchste Auszeichnung von mir zu erhalten. 5 rosa Wölkchen gibt es von mir!

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