10.12.2014

[Gerede] Merkwürdige Geschäftsmodelle und Ausnutzen naiver Blogger?

Ende Oktober diesen Jahres erhielt ich bezeichnenderweise als nette kleine Halloween-Überraschung eine relativ ausführliche Email. In dieser teilte mir die freundliche Julia ohne Nachnamen mehr oder weniger förmlich mit, dass
a) mein Blog wirklich supiii ist, und
b) ich mir unbedingt die Website Paperblog.com anschauen sollte. Um das Haus des Wahnisnns dort anzumelden. Hat nur Vorteile. Für alle Beteiligten.

Auf Grund einer fehlenden Anrede (ich wurde in der Mail kurz und knackig mit "Hallo" begrüßt - aber ohne meinen Namen), und weil direkt ziemlich schamlos Werbung für eine mir sowohl völlig unbekannte als auch leicht suspekt wirkende Website gemacht wurde, habe ich diese Mail im ersten Impuls als Spam eingeordnet und wollte sie auch als solche behandeln. Was aber passierte dann? Traurig aber wahr - der letzte Absatz der Mail zielte knallhart auf meine Eitelkeit ab und hat damit genau richtig getroffen:
Ihr Blog entspricht genau unseren Qualitätkriterien für interessante und gut geschriebene Artikel und ich bin überzeugt, dass Ihre Beiträge für die Leser des Ressorts Literatur eine Bereicherung darstellen.

Tja, ich muss leider zugeben... damit hatte die Julia mich an der Angel. Deshalb habe ich mich mal ein wenig auf der Seite umgeschaut und schnell festgestellt, dass auch einige Blogs, die ich gerne lese, bereits dort angemeldet sind. Doch wozu? Laut eigender Aussage ist Paperblog eine Art Netzwerk:
Paperblog ist eine neue partizipative Internetseite für Blogger, die seit über einem Jahr online ist. Wir möchten mit unserem Projekt zum einen ein alternatives Medium aufbauen, in dem auch Erfahrungen, Meinungen und Ereignisse ihren Weg in die Öffentlichkeit finden, die in den klassischen, großen Medien eher wenig Gehör finden.

Ein paar Fremdwörter beeindrucken mich ja von Natur aus eher wenig, sofern ich darin inhaltsleere Worthülsen erschnüffeln kann - und dieses Alarmsystem hat auch hier ausgeschlagen. Partizipativ ist die Webseite insofern, als dass sich dort jeder mit seinem Blog anmelden kann und es dann los geht mir fröhlichem Rating, Commenting etc pp. Was das mit dem alternativen Medium angeht - ich dachte, das wäre mein Blog eigentlich schon. Aber gut, neue Leser zu erreichen, ist ja gemeinhin ein Wunsch der Bloggerwelt, von daher ist der Grundgedanke der Seite ein nicht ganz schlechter. Das Problem: wenn die Leute deine Beiträge auf Paperblog.com lesen, besuchen sie nicht automatisch auch deinen Blog. Wozu auch? Die Beiträge können bequem gelesen und bewertet werden - da braucht die eigentliche Blog-Seite nicht noch umständlich angeklickt zu werden. Damit war ich also schon raus aus der Nummer.

Doch vor ein paar Tagen meldete sich Julia wieder bei mir und rief mir die Seite in Erinnerung. Was also tun? Gründlichere Recherche. Nicht nur die AGBs habe ich daraufhin befragt, sondern auch das liebe World Wide Web, und so mehrere interessante Sachen herausgefunden.

Zum einen tritt man mit Zustimmung der AGBs die Rechte seiner Inhalte ab. Paperblog darf damit machen, was sie wollen. Verbreiten, kürzen, übersetzen und letztendlich verändern. Haften tut man aber immernoch selbst dafür. Das klingt ja schonmal gar nicht gut. Außerdem verdient man selbst damit keinen müden Cent. Was Paperblog angeht - tja, ich schätze die Buchhaltung ist für Mitglieder dieser partizipativen Seite wenig transparent.
Zum anderen geht nicht nur Julia auf die Jagd nach vielversprechenden Blogs, die zu der Informationsflut auf Paperblog ihren Beitrag leisten wollen. Offensichtlich hat sie noch eine Schwester - Johanna ohne Nachnamen. In meinem Kopf sind Julia, Johanna und Co. ganz offensichtlich eine mafiöse Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in der Bloggerweilt nach naiven Menschen zu suchen, diese mit Augenwischerei dazu bringen, sich ihrer Sachen anzuschließen und damit für die Marmelade auf dem Brot sorgen. Oder es ist nicht ganz so dramatisch. Läuft aber auf das selbe hinaus. Denn es gibt qualitativ keine Gegenleistung. Du gibst von dir produzierten Content weiter, erhälst aber nichts dafür außer ein paar spekulative Klicks.

Wie auch immer - ich habe daraufhin freundlich, aber bestimmt und ironisch dankend abgelehnt. Sogleich kam auch eine Antwort mit der weisen Erkenntnis, dass dieses
Projekt nicht alle Blogger gleichermaßen begeistern kann.

Absolut richtig. Die Lobhudelei war gut für das Blogger-Ego, aber meine Seele verschenke ich nicht.

Kommentare:

  1. Das ist ja eigentlich ein ganz schön dickes Ding. Bin froh drüber gelesen zu haben, denn für sowas bin ich auch schnell mal anfällig. Ist ja prinzipiell immer schön, seinen Blog bekannter zu machen und in der großen weiten Welt zu verbreiten....

    Das Wort paperblog kommt mir auch total bekannt vor - als hätte ich auch kürzlich schon mal eine solche Mail erhalten. Aber hab es wohl gleich gelöscht oder ich fantasiere :)

    Ich werd mir auf jeden Fall merken, dass das schlecht ist. Gut, dass du nicht darauf reingefallen bist!!!!!

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    1. Vor allem finde ich frech, dass sie ihr Konzept als gewinnbringend für beide Seiten verkaufen, wo es in Wahrheit heißen müsste "Wir wollen mit fremder Kreativität Geld verdienen und damit die Gewinnspanne möglichst groß ist, geben wir den Köpfen dahinter nix ab". Nicht, dass ich mit diesem Blog etwas verdienen möchte, aber sowas ist doch sehr dreist.

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  2. Davon ahbe ich mal in ner FB-Gruppe gelesen - abartig!

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    1. Das macht allgemein im Internet immer wieder die Runde - zum Glück!

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  3. Ich habe davon auch schon auf Facebook gelesen und ich bin von mir aus schon spektisch, aber das ist echt ein dickes Ding, das muss ich schon mal sagen.
    Ich hoffe, dass es sich schnell inder Bloggerwelt verbreitet und dass man dann ganz schnell nichts mehr von dem angeblich so tolle "Projekt" hört.

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    1. Die spammen schon seit einigen Jahren immer wieder Blogger zu und immer wieder gibt es interessante Posts dazu. Die meisten kommen auch zu dem selben Schluss wie ich. Zumindest die, die darüber berichten. Denn leider hat die Seite wirklich eine ziemlich große Menge an registrierten Blogs...

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  4. Mir kam alles, was du geschrieben hast, sooo bekannt vor. Mal in meinem Mailfach geforscht: Tatsächlich, ich wurde von "Johanna" (:D) Anfang 2013 angeschrieben - da war "ich" grad mal ein halbes Jahr alt. Musst du dir mal vorstellen, wie wichtig man sich da fühlt, wenn man wegen so etwas angeschrieben wird ^^ Ich hab sogar geantwortet (vergesse ich sonst leicht) - ich werde mir das mal anschauen, klingt ja gar nicht schlecht, blabla ... Ich muss ehrlich sagen, dass mir die Website einfach optisch nicht gefallen und auch das ganze Konzept nicht so zugesagt hat. Ich soll mich da anmelden, aha, dann erscheinen meine Posts da auch. So verzweifelt will ich aber auch nicht potentielle Leser von "irgendwo" ... Ach, keine Ahnung. Bin froh, dass ich mich da nicht registriert habe, denn ich finde es einfach unnötig.

    Generell finde ich es eigentlich nicht so toll, von Websites/Firmen/... angeschrieben zu werden - ja, gucken Sie sich mal unser Projekt an, das passt super in Ihren Interessenbereich rein, Sie könnten ja mal drüber berichten etc pp. Die ersten Male fühlt man sich geschmeichelt, dass man "groß und wichtig" genug ist, um als Werbeplattform zu dienen, aber das bin ich ja nicht: eine Werbeplattform. Mein Blog gehört mir, bitteschön, ich möchte mich nicht vermarkten und auch nicht über irgendwas berichten, weil ich darum gebeten wurde. Ich poste über Sachen, die mich persönlich beschäftigen, und möchte keine leeren Posts schreiben ... deshalb habe ich bisher jede Kooperation mit irgendwelchen Seiten abgelehnt (die skurrilsten Sachen gibt es da - Suchmaschinenoptimierung, haha, braucht man meiner Meinung nach halt nicht).

    Nunja, ich könnte noch im selben Stil weiterschreiben, aber ich glaube es ist klar, was ich sagen möchte: das ist doch alles seltsam :D!
    (Ich immer mit meinen "tollen" und "aussagekräftigen" Kommentaren hier, haha, du Arme.)

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    1. Gut, dass du auch direkt so skeptisch warst. Ich muss auch sagen, dass mir der Aufbau der Seite überhaupt nicht gefällt - das spielte noch zusätzlich mit rein. Ist mir einfach zu voll, unübersichtlich und chaotisch.

      Den zweiten Absatz kann ich genauso unterschreiben. Wenn ein Blog als bloßes hobby dient, kann man das auf jeden Fall so sehen. Und mir persönlich ist der Spaß auch viel wichtiger als viele Leser und wachsender Druck, weil ich plötzlich Deadlines zu irgendwelchen Kooperations-Posts habe.

      Deine Kommis sind doch aussagekräftig :D Und ich lese gerne lange Kommentare ;)

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