14.01.2015

[Rezi] Ferdinand von Schirach - Der Fall Collini

Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Kriminalroman/Erzählung
Seitenzahl: 195



Teaser:
Zwanzig Minuten später war der Mann tot. Vier Projektile waren in seinen Hinterkopf eingedrungen, eines hatte sich im Gehirn gedreht, war wieder ausgetreten und hatte das halbe Gesicht weggerissen.





Handlung
In einem Hotel wird ein 84-jähriger Mann ermordet. Der Täter ist, ein riesiger, schweigsamer Mann namens Collini, setzt sich nach dem Mord in die Lobby des Hotels und wartet geduldig darauf, von der Polizei in Gewahrsam genommen zu werden. Im Polizeigewahrsam wird ihm dann ein Pflichtverteidiger zugeteilt - Rechtsanwalt Caspar Leinen. Dieser hat gerade sein Studium abgeschlossen und sich selbstständig gemacht; Collini ist sein erster Mordfall, der er übernimmt und die Chancen, ihn zu gewinnen, also von dem Vorwurf des Mordes wegzukommen, liegen denkbar schlecht. Collini weigert sich, etwas anderes zu sagen, als die Tat zuzugeben, in seiner Vergangenheit findet sich kein Indiz für einen Beweggrund und überhaupt ist Collini ein völlig unauffälliger, unbescholtener Bürger. Und noch eine Schwierigkeit macht Leinen diesen Fall erheblich schwerer als jeden anderen Fall: er war sehr gut mit dem Opfer bekannt.

Meine Meinung
Ein sehr kurzer Kriminalroman, der viele interessante Ansätze bietet aber vor allem am Ende hin hätte etwas besser ausgebaut werden können.
So ungefähr würde ich dieses Buch zusammenfassen, von dem ich inhaltlich gar nichts weiter verraten möchte, damit die Spannung nicht verloren geht.

Was ich als erstes bemängeln muss, ist die irreführende Klassifikation als Roman. Ich finde nicht, dass auf diesen knappen 200 Seiten eine facettenreiche, ausgestaltete Fiktion erschaffen wird, die dieser Beschreibung gerecht wird. Erzählung trifft es für mich eher und von diesem Blickwinkel aus betrachtet, ist die Geschichte wirklich gut und vor allem schön zu lesen, denn es gelten natürlich ganz andere Kriterien. Es kommt halt alles ein bisschen kurz - der Zwiespalt, in dem Leinen wegen seiner Bekanntschaft mit dem Opfer steckt und vor allem auch die Beziehung mit Johanna sind für einen Roman absolut unterentwickelt dargestellt. Bei einer Erzählung sind solche Lücken dagegen in Ordnung.

Der Sprachstil ist sachlich, knapp und nüchtern und damit absolut passend zu diesem Bericht über einen Mordprozess. Die Frage, warum Collini diesen Mann umgebracht hat, zu dem er einfach keine Verbindung zu haben scheint und der vor allem ein überaus beliebter und geschätzter Mensch war, steht permanent im Raum. Spannend dazu vor allem fand ich den geschilderten Erfindungsgeist und die Kombinationsgabe, die die agierenden Anwälte an den Tag legen. Und auch den Argumentationsaustausch und die Auslegung der Gesetze fand ich - als absolute Nicht-Juristin - interessant und erschreckend.

Das Ende hat mich dann aber doch enttäuscht - die Wendung der Geschichte war so genial und für mich völlig unerwartet, da hätte ich mir wirklich ein geschickteres Ende gewünscht, dass sich nicht aus der Konfliktsituation herausstielt.
Aber insgesamt handelt es sich hier um ein sehr kurzweiliges Buch, das ich an einem gemütlichen Nachmittag gut weggelesen habe. Solide drei Wölkchen gibt es von mir dafür.


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