03.01.2015

# Rezensionen

[Rezi] Haruki Murakami - Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Erscheinungsjahr: 2014
Originaltitel: Shikisai wo motanai Tazaki Tsukuru to, kare no junrei no toshi
Genre: Entwicklungsroman
Seitenzahl: 317


Teaser:
Eifersucht war - das hatte Tsukuru durch diesen Traum begriffen - das trostloseste Gefängnis, in das der Gefangene sich gewissermaßen selbst einsperrte. Niemand zwang ihn dazu.




Handlung
Sein ganzes Leben lang fühlte Tsukuru sich interessen-, hobby-, leidenschafts- und letztendlich farblos. Immer zum Durchschnitt gehörig und niemals positiv aus der Menge herausstechend. Das einzige, für das er ein gewisses Interesse entwickelte, waren Bahnhöfe: die Systematik dahinter übten einen Reiz auf ihn aus, sodass er schließlich als Ingenieur selbst Bahnhöfe errichtet. Allerdings gibt es ansonsten kaum etwas in seinem Leben, was ihn charakterisieren könnte. Aber das war nicht immer so.

Früher, zu Schulzeiten, war er Teil einer wunderbaren Freundesclique, die aus drei Jungs und zwei Mädchen bestand. Schon damals empfand Tsukuru sich im Vergleich zu seinen vier Freunden als farblos - zumal in den Namen der vier anderen jeweils eine bestimmte Farbe enthalten war. Doch er wurde dennoch gebraucht, um die Harmonie in der Gruppe aufrecht zu erhalten.
Eines Tages allerdings - Tsukuru war schon vor einiger Zeit zum Studium nach Tokio gezogen - kappten die vier gleichzeitig jede Verbindung zu ihm. Ohne eine Erklärung stießen sie den völlig verwirrten Tsukuru aus der Gruppe und veränderten damit nicht nur Tsukurus Leben.

Meine Meinung
Der zweite Musrakami, den ich gelesen habe, und ich bin mir nicht wirklich sicher, was ich davon halten soll. Nur eins ist klar: so vom Hocker gehauen, wie Kafka am Strand hat es mich leider nicht.

Fangen wir mal bei den Charakteren an. Dadurch, dass die vier Freunde von Tsukuru durch diesen so klar und eindeutig in eine Rolle eingeschrieben werden, kommen sie zumindest am Anfang ein wenig stereotyp rüber. Dass diese Kategorisierung Tsukurus Hang zu Vereinfachungen (tatsächlich finde ich, dass es genau diesem Hang geschuldet ist, dass sein Leben so kompliziert verläuft - paradox!) geschuldet ist, wird spätestens dann klar, als wir diesen Figuren im Erwachsenenalter wieder begegnen.

Tsukuru selbst ist ..naja als farblos würde ich ihn nicht bezeichnen, aber liebevoll ausgearbeitet ist er auch nicht gerade. Psychoanalytisch nach Freud - der hätte an diesem Charakter eine wahre Freude, so viel unterdrückte Sexualität habe ich selten gelesen - würde ich sagen, Tsukuru hat nicht keine Interessen, er hat einfach kein Selbstbewusstsein. Wäre dieses nämlich vorhanden, würde ihm auffallen, dass Schwimmen sein Hobby ist und er durchaus einen Charakter besitzt. Aber stattdessen ist er lieber damit beschäftigt, über seinen Tod nachzudenken. Diese vehemente Vermeidung jeglicher Konfrontation ist ein bisschen anstrengend. Würden meine Freunde plötzlich von heute auf morgen jeden Kontakt zu mir vermeiden, würde ich so lange stalken, bis mir jemand einen akzeptablen Grund dafür genannt hat. Aber nicht Tsukuru. Der verkriecht sich lieber ein halbes Jahr in seiner Wohnung und schiebt Depressionen ohne Ende.

Aber genug gemeckert. Denn es gibt auch viel Schönes an dem Buch. Für Fans von melancholischer Stimmung, wie ich ja hin und wieder und wohldosiert einer bin, ist die Geschichte und die Atmosphäre, die gerade durch die fehlende Substanz der Hauptfiguren geschaffen wird, sicher interessant. Murakami verhandelt die Willkür und die Unberechenbarkeit zwischenmenschlicher Beziehungen und lässt seinen Hauptcharakter mehrere schwere Entwicklungen durch, die er und der Leser zusammen ziemlich intensiv und reflektiert erleben.

Insgesamt würde ich dieses Buch als solide aber nicht herausragend bezeichnen. Also verleihe ich ihm hiermit  Wölkchen.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen