31.01.2015

[Rezi] Juli Zeh - Spieltrieb

Erscheinungsjahr: 2006
Genre: (Entwicklungs-)Roman
Seitenzahl: 565


Teaser:
Die größte Geißel der Menschheit war aus "Warum?" gemacht, und man tat gut daran, den Einsatzbereich dieser Frage so weit wie möglich zu begrenzen. Grundsätzlich hatte Ada nichts gegen moralische Erwägungen; solange kein neueres, besseres Mittel erfunden wurde, erfüllt Moral eine unverzichtbare Ordnungsfunktion im großen Miteinander.



Handlung
Mitten hinein in das geregelte Leben auf dem Ernst-Bloch-Gymnasium platzt die hochintelligente, 14-jährige Ada, um ihr Abitur zu machen. Von ihrer früheren Schule wurde sei verwiesen, weil sie einem Mitschüler mit einem Schlagring das Gesicht zertrümmert hat. Dennoch ist ihre Ankunft auf dem teuren Privatgymnasium, das eine Art letzte Möglichkeit für oft faule und/oder dumme Kinder aus reichem Elternhause ist, einen Schulabschluss zu erhalten, wesentlich leiser, als man aufgrund dieser Beschreibung vermuten könnte. Das liegt daran, dass Ada nicht viel redet - aber wenn sie spricht, dann mit einer Eloquenz und einer Logik, die sie für die übrigen Schüler schnell zu einem Wesen werden lässt, das man besser aus der Distanz betrachtet. Nur ein Lehrer ist in der Lage, es mit Ada aufzunehmen: Höfi, der Geschichtslehrer.
Ada selbst betrachtet sich als ein Mädchen völliger Eigenschaftslosigkeit. Sie fühlt nichts, bewertet nichts, sie stellt nur fest. Wenn ihr etwas zu viel wird, läuft sie. Runde um Runde, Kilometer um Kilometer, versucht sie, vor dem Zwang einer endgültigen Stellungnahme davonzulaufen.
Ein Jahr nach Ada kommt ein weiterer neuer Schüler in die Klasse: Alev. Durch sein bemerkenswertes Aussehen erregt er sofort die Aufmerksamkeit aller - vor allem die Mädchen der Schule liegen ihm zu Füßen. Für die Lehrer und auch für Ada allerdings sind es eher Alevs Aussagen, die ihn interessant erscheinen lassen. Ähnlich wie Ada ist er von einer außerordentlichen Intelligenz gesegnet und stellt das - im Gegensatz zu Ada - deutlich und mit einer gewissen Arroganz zur Schau. Nach einer Testphase ernennt er Ada offiziell zu seiner Spielkameradin und die beiden beginnen ein Strategiespiel, bei dem nicht nur ihre Mitschüler, sondern vor allem auch der Lehrer Smutek und die beiden selbst die Spielfiguren in einem Netz aus Sex, Erpressung und Spieltheorien sind.

Meine Meinung
Schon seit längerer Zeit habe ich kein Buch mehr von solcher Komplexität gelesen - zumindest nicht außerhalb der Uni. Aber auch, wenn die Lektüre nicht immer einfach war und sich die Handlung teilweise etwas gezogen hat, erzählt dieses Buch die beeindruckende Geschichte eines Machtspiels zwischen zwei äußerst intelligenten Schülern - vielleicht ein wenig zu intelligent, um dieses Spiel jemals gewinnen zu können.

Ada und Alev, die Ur-Enkel der Nihilisten, besitzen einen völlig desillusionierten Blick auf die Welt. Es gibt weder eine objektive Wahrheit, noch eine Werteordnung, nach der es sich zu richten lohnt. Seit Nietzsche Gott für tot erklärt hat, sind die determinierenden Maßstäbe, nach denen sich die Menschheit ausrichten kann, nach und nach verkommen und zurück bleibt nichts als purer Pragmatismus. Unterscheidungen zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch sind mehr oder weniger willkürlich daran angelehnt, welches System gerade die Deutungsmacht besitzt; und wenn man sich dessen bewusst ist, kann man auch die Handlungen von Menschen fast wie in einem Schachspiel vorraussagen. Genau daran versuchen sich die beiden und scheinen damit auch Erfolg zu haben. Zumindest solange, bis Ada bei einem entscheidenden Spielzug von dem berechneten Weg abweicht.

Die Protagonisten bieten ziemlich wenig Identifikationsfläche. Zumindest mir. Dazu sind sie zu gleichgültig allem gegenüber. Fast würde ich sie als emotional verkrüppelt beschreiben, aber selbst das wäre noch zu gefühlsbetont. Wobei zumindest Adas Drang nach dem Weglaufen für mich durchaus ein Zeichen dafür ist, dass ihr eben nicht alles egal - beziehungsweise gleich-gültig - und diese Attitüde reiner Selbstschutz ist. Da sowohl bei Ada als auch bei Alev jedenfalls jegliche Empathie fehlen, gibt es wenige Punkte, an denen man andocken kann. Als Weiterführung des nihilistischen Gedankens, wobei vor allem Nietzsche als Uropa gerne angeführt und zitiert wird, glauben beide, dass es nicht nur keine grundlegende Ordnung von Recht und Unrecht gibt, die sich auf Ab- oder Anwesenheit von Gut und Böse grüden, sondern, dass sowohl gut als auch schlecht vollkommen abwesend und nicht-existent sind. Genauso, wie die Realität nicht schilderbar und eine Wahrheit nicht erfassbar ist. 

Smutek und Höfi sind die beiden Lehrer, die an dieser Schule als einzige eine Art Verbindung zumindest zu Ada aufbauen können. Höfi begegnet Ada auf Augenhöhe, nachdem er sieht, dass sie einen ihm ebenbürtigen Verstand besitzt. Und Smutek, der polnische Sportlehrer, der irgendwie nie seine diversen Vergangenheitstraumata aufgearbeitet hat, präsentiert sich leider viel zu leicht vor Alev als den idealen Spielball, um seine Theorien zu überprüfen.

Wer sich ein wenig mit philosophischen oder allgemein geisteswissenschaftlichen Gedanken und Texten auseinandergesetzt hat, dem wird einiges aus diesem Buch bekannt vorkommen. Ganz dem post-postmodernen Gedanken des Zitierens von Zitaten unterworfen. Die Sprache ist sicherlich nicht einfach, aber das sind die verfolgten Gedankengänge auch nicht. Ein gewisses Maß an Konzentration und Durchhaltevermögen ist daher auf jeden Fall notwendig, um dieses nicht gerade dünne Buch durchzulesen. Aber es lohnt sich. Weil man nicht nur sehr viel Theorie-Kram lernen, sondern sich auch die ein oder anderen Denkanstöße holen kann. Und beschließen kann, dass auch der Nihilismus, den Ada und Alev verfolgen, auf einem Zirkelschluss beruht. Nämlich dem Zirkelschluss, dass sie als einzige die absolute Wahrheit erkannt haben, wenn sie sagen, dass es keine absolute Wahrheit gibt.
4 Wölkchen von mir.


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