06.03.2015

[Gerede] Plädoyer für kultiviertes Nichtstun

Es gibt Apps, mit denen du nicht nur deinen Tag so optimal gestalten kannst, wie es nur möglich ist, sondern die sogar deinen Schlaf überwachen und dir dann sagen, ob er erholsam genug war oder nicht. Die nach deinem zweiten Stück Sahnetorte piepsen und sagen, dass das nun aber genug Kalorien waren für heute. Außer, du gehst jetzt schnell noch eine Runde joggen.
Es gibt Computerprogramme, die du in regelmäßigen Abständen mit deinen erledigten Aufgaben füttern kannst, und die dir dann sagen, ob zu effizient genug arbeitest oder noch Luft nach oben ist (Tipp: es ist immer Luft nach oben...).
Es gibt massenweise Leute, die sich permanent damit beschäftigen, womit sie zu einem rundum gesunden, leistungsstarken Menschen werden, der am Ende einfach glücklich ist. Glücklicher als die faulen Fettsäcke zumindest, die sich nichtmal zwei Urlaube im Jahr leisten können. Drei Faktoren bilden die angeblich objektiven Maßstäbe für ein erfolgreiches und zufriedenstellendes Leben: ökonomisches Kapital, körperliche Fitness und vor allem beständiges Wachstum in allen Bereichen. Es geht immer besser - das ist das allgemein postulierte Motto. Und weil das alleine nicht möglich ist, gibt es allerhand technische Unterstützung, um sich selbst zu disziplinieren. Denn genau darauf läuft es hinaus: ein effizientes Leben, in allen Bereichen strukturiert. Sogar die Aktivitäten der Freizeit muss durch so wenig Aufwand wie möglich zu dem gewünschten Resultat führen; deshalb gibt es Massagestudios, die gestresste Menschen innerhalb von 30 Minuten zum gewünschten Entspannungszustand verhelfen, Fitnessvideos mit einem 5-Minuten-Workout, das ruck zuck zum gewünschten Sixpack führt.

Da fragt man sich doch: warum? Permanentes Streben nach oben - einem offenen Ende entgegen, während man beständig und immer wieder von anderen überholt und übertrumpft wird. Der Tag hat nur wenige Stunden - wie nutze ich diese am besten für die vielen Baustellen, die ich in meinem Leben habe? Nur mit einem starken Willen schafft man es, so diszipliniert und konsequent an sich selbst zu arbeiten und seinen Idealen entgegenzustreben. Aber was ist das Ideal, wenn es kein Ende gibt? Wenn das Ziel "es geht immer besser" in einer Endlosspirale übergeht und aus reinem Selbstzweck besteht? Und ist das wirklich ein Wille, wenn mein Leben von einer App kontrolliert wird, damit ich ihm einen Wert beimessen kann? Muss ich mir wirklich von einer App sagen lassen, dass mein Sportpensum zu niedrig, mein Kaffeekonsum zu hoch und mein Schlaf zu ineffizient ist? Muss ich wirklich mein gesamtes Leben vermessen, um es besser zu machen? Wer darf überhaupt den Wert meines Lebens beurteilen? Dann liege ich halt mal den ganzen Samstag im Bett und schaue Serien, während ich mir eine ganze Packung Schokoeis reinpfeife. Und trainiere die Kalorien nicht am nächsten Tag ab! Leben am Limit! Produktivität ist schließlich nur im Vergleich zur Unproduktivität erkennbar. Und Leistung ist kein Lebenssinn.
Als ich von diesem Trend des Self-Tracking zum ersten Mal gelesen habe, hätte ich niemals gedacht, dass eine so stabile Community dahinter steht. Alles an dieser Beschäftigung lässt meine Zähne schmerzen und meine Zehennägel aufrollen als würde jemand mit langen Fingernägeln über eine Schultafel kratzen. Und dann bemerkte ich, dass ich selbst gar nicht besser bin. Zwar hat sich dieses Vermessen nicht auf viele Bereiche meines Lebens ausgedehnt, aber schon alleine hier, auf diesem Blog, verzeichne ich einmal im Monat, wie viele Bücher ich gelesen habe und wie viele Seiten die hatten. Und wenn es unter 1000 Seiten waren, fühle ich mich schlecht. Als wäre das Lesen - mein Hobby! - ein Wettbewerb mit mir selbst, der nur erfüllend ist, wenn ein gewisses Pensum geschafft ist. Das ist doch Blödsinn! Und furchtbar! Furchtbarer Blödsinn! Es ist doch kein Wunder, wenn immer alle total im Stress sind, wenn sich dieser Druck, alles perfekt machen zu müssen, nicht nur im Job, sondern im gesamten Alltag gegenwärtig ist. 
Ich kenne Studenten, die fast die gesamte Klausurenphase auf Ritalin verbringen, um durchzukommen. Damit alles in der Regelstudienzeit und mit exzellenten Noten abgeschlossen werden kann. Und die dann nachts nicht einschlafen können, weil sie total aufgeputscht sind. Auf der anderen Seite sind die Eiweiß-Junkies, die alles für den Muskelaufbau schlucken, damit ihr Körper besser und schneller funktioniert. Funktionieren! Gehirn und Körper müssen immer genau das. Und da wundert sich noch einer, dass die Leute mit Anfang 30 depressiv werden, weil ihnen klar wird, dass dieses angestrebte perfekte Ich niemals erreicht werden kann? Ja, das ist wirklich verrückt.

Daher sage ich hier und heute: es gibt nichts einzuwenden gegen das Bemühen, seine eigenen Fähigkeiten auszubauen. Aber, und das muss in aller Deutlichkeit klargestellt werden: der perfekt funktionierende Mensch ist nicht glücklich. Er ist ein kleines Zahnrädchen, das unermüdlich ackert und niemals den Uhrzeiger auf die 12 bringen kann, weil es so auf sich selbst fixiert ist, dass es einen wichtigen Aspekt ganz vergisst: es bringt nichts, wenn es für sich hart arbeitet; um den Zeiger zu bewegen, braucht es immer auch andere Zahnrädchen..
Jeder kann ein schönes Leben führen, aber es kann niemals perfekt sein. Realität ist nicht perfekt, und genau das macht sie so facettenreich. Also plädiere ich dafür, einfach mal zu entspannen. Und ich meine keine halbe Stunde die Woche im Massagestudio. Ich meine eine entspannte innere Einstellung. Dann studiert ihr halt ein Semester länger, wiegt 3 Kilo mehr oder trinkt mal ein Glas Wein anstelle des grünen Tees. Beschäftigt euch nicht mit OptimierungsApps, sondern mit den Zahnrädchen eures Lebens; geht mal wieder mir eurer Mama einen Kaffee trinken, ruft eure Oma an oder schreibt einem alten, fast vergessenen Schulfreund eine Nachricht. Helft einem Rollstuhlfahrer in den Bus und begrüßt die liebe Kassiererin im Supermarkt mit einem Lächeln. Tut alles das, was laut Definition der Leistungssteigerung "Nichts Tun" bedeutet. Meiner, empirisch überprüften, Meinung nach sind nämlich nicht die guten Noten das, was glücklich macht. Sondern positive Interaktion mit anderen Menschen. Und Zufriedenheit mit sich selbst. Bei allen Macken und Unzulänglichkeiten.

Kommentare:

  1. q.e.d.

    Dem ist wirklich nix hinzuzufügen und ich bin mal wieder total begeistert wie sehr du den Nagel auf den Kopf getroffen hast mit jedem Satz, jedem Wort und jedem Gedanken der in diesem Text steckt.

    Hab mal ein Zitat gelesen - Liebe muss nicht perfekt sein, sondern echt - ich glaube dass sich dieser Satz auch sehr gut auf das Leben übertragen lässt. Es muss echt sein und sich echt anfühlen. Lieber "nichts tun" aber dies genießen in vollen Zügen und das Glück in den kleinen Dingen finden. Das ist viel mehr wert als das Streben nach scheinbarer Perfektion.

    P.S. Leben am Limit ist, wenn man Samstag UND Sonntag im Bett verbringt und Serien schaut ;)

    Ich plädiere mit dir für alles was du hier niedergeschrieben hast!

    Strebt nicht nach Perfektion - LEBT!

    <3

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    1. Danke schön! :) ♥
      Dieses Perfektionieren des gesamten Lebens hat mich aber auch wirklich erschüttert. Als ich mitbekommen habe, für wie viele Leute das tatsächlich die Sinngebung ihres Lebens zu sein scheint, lief es mir kalt den Rücken runter. Disziplin, Kontrolle und Leistung können ja ruhig einen Teil des Lebens ausmachen, aber mann muss dich wirklich nicht aus allem ein Projekt machen, an dem gearbeitet werden muss. Sobald die Freizeit aus nur noch Arbeit besteht, ist dringend zu intervenieren! :D

      Haha, dann lebe ich dieses Wochenende hart am Limit, denn genau das ist der Plan xD

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  2. JA.
    Wo kann ich das unterschreiben? *mit gezücktem Kulli dasteh*

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