24.04.2015

# Rezensionen

[Rezi] Félix J. Palma - Die Landkarte der Zeit

Erscheinungsjahr: 2010
Originaltitel: El mapa del tiempo
Genre: Historischer Geister- Phantastik- Brief-Roman
Reihe: Viktorianische Trilogie, Teil I
Seitenzahl: 720


Teaser:
Haben sie sich einmal gefragt, was den Menschen zu einem verantwortungsbewussten Wesen macht? Ich will es ihnen sagen: es ist die Tatsache, dass er das, was er tut, nur einmal tun kann. Gäbe es Maschinen, die uns erlaubte, unsere dümmsten Fehler zu korrigieren, lebten wir in einer Welt der Verantwortungslosigkeit.


Handlung
Zeitreisen faszinieren die Menschen seit jeher. Und auch im London des Jahres 1896 ist die Möglichkeit, sich nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit zu bewegen, ein brandaktuelles Thema. Da gibt es zum einen die Firma Zeitreisen Murray, deren Gründer und Inhaber Gilliam Murray seinen Kunden eine exklusive Reise durch die vierte Dimension hinein ins Jahr 2000 verspricht, wo gerade ein Krieg zwischen den Menschen und den übermächtig gewordenen Maschinen herrscht. Die Zeitreise als Tourismus-Magnet und Geschäftsmodell ist unter anderem auch wegen des Literaturmarktes zu so einer lukrativen Sache geworden, denn Zukunftsromane sind gerade sehr gefragt.
Aber nicht nur zum allgemeinen Vergnügen ist eine Zeitreise reizvoll. Der verzweifelte Andrew beispielsweise muss zurück in die Vergangenheit reisen, um die Liebe seines Lebens davor zu bewahren, dem grausamen Serienmörder Jack the Ripper zum Opfer zu fallen. Wenn er diesen Mord verhindert, wäre damit nicht nur das Leben seiner Angebetete, sondern auch sein eigenes gerettet, denn seit ihrem Tod  vegetiert Andrew eigentlich nur noch vor sich hin.
Völlig unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Einzelschicksalen vereint in dem Wunsch der Zeitreise. Und immer die Frage: gibt es Zeitreisen nun - oder nicht?

Meine Meinung
Mit diesem Buch bekommt man nicht nur 3 Geschichten in einem geliefert, sondern auch noch einen Querschnitt durch diverse Literaturgenre, einen interessanten und selbstreflexiven Erzähler und verschiedene Verweise auf historisch existierende Personen. Mit einem Wort: wundervoll!

Es fällt mir super schwer, alle meine Eindrücke zu diesem Buch in eine kleine Rezi zu quetschen und dem Roman dabei gerecht zu werden.
Besonders hervor sticht sicherlich die Erzählerfigur, die sich selbst nicht weiter vorstellt oder ihre Identität näher bestimmt, die aber nach eigener Aussage "alles sieht und alles weiß" und deshalb in der Lage ist, die Geschichte von jeder Figur zu erzählen - sowohl ihr Außen-, als auch ihr Innenleben. Gerade aber, weil die Person, die uns diese ganzen wunderbaren Geschichten erzählt, ihre Existenz und Allwissenheit nicht rechtfertigt, erscheint es fast zu einfach, seine Einschätzungen völlig für bare Münze zu nehmen. Vor allem, weil er im Verlauf der Geschichte immer wieder zugibt, dass er im Sinne der Wirkung gerne auch mal die Unwahrheit erzählt, damit eine gewisse Wirkung erzielt wird. So kann wohl niemals völlig geklärt werden, ob Zeitreisen in der Fiktion dieser Geschichte nun tatsächlich möglich ist oder nicht. Fakt ist aber, dass die Sprache so zauberhaft ist und so viele schöne und schlaue Dinge gesagt werden, dass es fast schon egal ist, was nun real ist und was nicht.

Auch die übrigen Figuren sind allesamt spannend zu verfolgen. Eben weil man durch den allwissenden Erzähler die Geschichte eines jeden erfährt, stellen alle Charaktere eine gewisse Identifikationsfläche dar, mit der man sich auseinandersetzten und die man verstehen kann. Und vor allem handeln die Figuren teilweise so total unerwartet und entwickeln sich alleine durch ihre Erfahrungen und Reflektionen zu der Thematik des Zeitreisens, dass ich einfach mitgerissen wurde.

Ein bisschen kompliziert wird es dann natürlich, als es um die ganzen Paradoxien und Logik-Problematiken geht, die Veränderungen im Zeitgefüge eben so mit sich bringen und die ich wahrscheinlich niemals vollständig durchdringen werde. Nahezu virtuos geht es dann im letzten Teil des Buchs zu, wo alle Handlungsstränge vollständig miteinander verknüpft werden und wir nun nicht mehr nur mit H. G. Wells einen "echten" Autoren unter den Figuren haben, sondern zum Beispiel auch Bram Stoker begrüßen dürfen.

Um es kurz zu machen: die 700 Seiten sind für mich wie im Flug vergangen und haben mich vollständig überzeugt und verzaubert und begeistert und überhaupt. Ich vergebe 5 rosa Wölkchen und eine absolute Leseempfehlung!


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen