12.04.2015

[Gerede] Kleines Bücherwort zum Sonntag

Als Mensch, der grundsätzlich schon viel nachdenkt auch noch Literaturwissenschaften zu studieren, scheint auf den ersten Blick eine gute Idee zu sein. Vor allem dann, wenn das geschriebene Wort quasi schon immer und im Prinzip schon bevor sich die Lesefähigkeit gefestigt hatte eine große Rolle im Leben besagten Menschen gespielt hat. 
Und wenn dieser Mensch dann nicht nur über die Bücher auf dem Semesterplan nachdenken kann, sondern auch über die Bücher, die er in seiner Freizeit liest, ist es doch optimal, einen thematisch passenden Blog zu eröffnen. Lesen - darüber nachdenken - Ergebnisse formulieren und darüber austauschen. Klingt gut. Ist es auch.

Außer, dem denkenden Menschen fällt auf, dass etwas fehlt.
Was ist nämlich nötig, um differenziert analysieren zu können? Abstand. Ohne den erkennt man keine Meta-Ebenen, sieht poetologische Kniffe nicht und weiß mit intertextuellen Bezügen nur peripher umzugehen. Es ist also tatsächlich so, dass eine gewisse Distanz nötig ist, um die Komplexität eines literarischen Werkes angemessen erfassen zu können. Gefordert ist dabei eine bestimmte Lesart, der manchmal ein eklatanter Mangel zu Grunde liegt: ein Mangel an Unmittelbarkeit. Diese führt eigentlich dazu, sich emotional und empathisch auf eine Geschichte einlassen zu können. Wenn aber im geistigen Hintergrund unseres viel denkenden Menschen permanent diverse Analysewerkzeuge mitlaufen, wie soll er sich dann auf Gefühlsebene mit dem Text treffen? Ein bisschen parallel kann man beide Ebenen zwar betrachten, aber bei einer der beiden muss zwingend etwas auf der Strecke bleiben.

Dieser viel denkende Mensch bin übrigens ich. In letzter Zeit habe ich immer öfter das Gefühl, etwas abgestumpft - um nicht zu sagen: emotional verkrüppelt - zu sein. Es gibt nicht mehr viele Bücher, die es schaffen, mich so richtig mitzureißen, sodass ich gar nicht anders KANN, als völlig tunnelblickartig mitzufiebern und alle Analysekategorien zu vergessen. Und genau darum geht es doch beim Lesen eigentlich, oder? "Eintauchen" und "Versinken" sind nicht umsonst häufig gebrauchte Wörter in Rezensionen. Doch es werden immer weniger Bücher, die eine solche Sogwirkung auf mich haben und ich frage mich, ob ich mir mit der Zeit einfach schon so viele übergeordnete Gedanken zu Büchern gemacht habe, dass ich diese Denkerei mittlerweile gar nicht mehr bewusst steuern kann.

Vielleicht liegt es aber auch gar nicht am Studium oder am Bloggen. Vielleicht ist mein Geschmack nur einfach anspruchsvoller geworden. Aber ich wäre ja nicht ein viel denkender Mensch, wenn ich nicht auch die Abstumpfungs-Problematik auf den gedanklichen Seziertisch legen würde.
Dieser Text hat leider keine abschließende Handlungsanleitung, kein Vorsatz für die Zukunft und keine "Moral von der Geschicht". Er ist lediglich eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation. Und endet daher mit einer Frage: wann erfindet endlich irgendein Genie den Schalter, mit dem man unerwünschte Zerdenker-Denkerein aus seinem Kopf hebeln kann? Das würde schließlich nicht nur dem unempathisch gewordenen Leser helfen.

Kommentare:

  1. Hallo! :) Ich kenne das Problem, ich hab es auch immer wieder. Manchmal denke ich, es liegt daran, dass man zuviel liest. (Geht das überhaupt?!) Ich merke es immer dann, dass ich mich nicht wirklich auf ein Buch einlassen kann, wenn ich einfach schon zuviel in den letzten Tagen und Wochen gelesen habe. Wenn ein Buch direkt in ein anderes übergeht. Wenn das Hirn vor lauter Geschichten überquellt und keinen Platz mehr für Anderes, Neues lässt. Besonders problematisch, wenn sich die Bücher dann auch noch inhaltlich ähneln. Ich denke mir dann immer, ich sollte vielleicht mal 1, 2 Wochen gar nichts lesen und ein bisschen Abstand zum geschriebenen Wort bekommen - aber das schaff ich auch nicht... :/ Dafür lese ich wiederum zu gern :D

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    1. Genau! Also wäre das Buch der Tropfen, der die Badewanne der Fantasie zum Überlaufen bringt! :D
      Um da ein bisschen vorzubeugen, lasse ich dann doch mal einen Tag verstreichen, den ich dann mit Serien fülle, bevor ich ein neues Buch starte. Und ich lese selten zwei Bücher aus dem selben Genre zweimal.
      Man hat es schon nicht leicht xD

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    2. Nein, es ist schon schlimm und stressig, Blogger und leidenschaftlicher Leser zu sein!! :D

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  2. Hallo MelMel,

    ich finde die Frage ganz spannend. Wie viel literaturwissenschaftliche Perspektive ist notwendig, wie viel "stört" vielleicht sogar? Und wann ist diese Perspektive vielleicht einfach der letzte entscheidende Funke zu einem komplexeren Verständnis des Textes? Natürlich brauche ich ihn nicht für eine gelungene Rezension, aber um dem eigenen Anspruch gerecht zu werden vielleicht eben doch. Und ist es nicht möglich, emotional getroffen zu sein und gleichzeitig eine differenzierte Analyse der poetologischen Kniffe zu betreiben? Ist dann so eine Analyse nicht viel fruchtbarer und gelungener als mit zu viel Abstand? Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausdrücken kann, aber ich bezweifle, das wirklich etwas auf der Strecke bleiben muss. So viel Freiheiten haben wir doch gerade als Blogger_innen, unsere Leidenschaft zum Beispiel auch mit literaturwissenschaftlichen Perspektiven verknüpfen zu können, ohne irgendwelche Einschränkungen. Wer macht den Vorgaben über das wie? Doch höchstens die Schreibenden selbst und das ist doch der große Vorteil eines Literaturblogs. Oder nicht? :)

    Und vielleicht waren es im Moment einfach die falschen Romane, die du gelesen hast oder der falsche Zeitpunkt. :)

    lg, eva
    www.thelostartofkeepingsecrets.wordpress.com

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    1. Das sind spannende Fragen, die du stellst, und ich komme zum selben Ergebnis wie du. Beim Bloggen kann man sein literaturwissenschaftliches Wissen dazu verwenden, unwissenschaftliche Texte zu schreiben, aber die Theorien für interessante Zugänge zu einem Buch benutzen.
      Mein Problem ist auch eher, dass ich genau dieses Denken nicht mehr abschalten kann - mal ganz von den eigenen Ansprüchen und so weiter abgesehen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich ein Buch nicht mehr unvoreingenommen lesen. Immer gehen Entstehungskontext, Motivwahl und verschiedene weitere Kategorien gleich mit der Lektüre einher. Und da bleibt schon ein bisschen was auf der Strecke. Nämlich die unmittelbare Freude am Text. Zumindest manchmal. Habe ich so das Gefühl.
      Aber manche Texte reißen mich zum Glück immernoch mit. Und dann richtig! :D

      Vielen Dank für deinen interessanten Kommentar! :)

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