07.04.2015

[Rezi] Selma Lagerlöf - Die Löwenskölds

Erscheinungsjahr: 2015 (Erstausgabe des ersten Teils: 1925)
Originaltitel: Den Löwensköldska ringen (I), Charlotte Löwensköld (II), Anna Svärd (III)
Reihe: Löwenskölds-Reihe
Genre: Familiensaga
Seitenzahl: 711



Teaser: 
Die heftige Gemütsbewegung hatte sein Innerstes in Wallung versetzt, und eine Tür war aufgerissen worden, die in einen Raum seiner Seele führte, in den er bisher noch nie geblickt hatte.


Handlung
Alle drei Teile der Löwenskölds-Reihe sind in diesem Buch enthalten. Sie erzählen die Geschichte mehrerer Generationen einer angesehenen Familie, die von einem schlimmen Fluch verfolgt wird. Die Handlungen spielen hauptsächlich im 19. Jahrhundert.

Weil Bengt Löwensköld im Krieg der schwedischen Armee sehr gut gedient hat, erhält er von seinem König Adeltitel, das Gut Hedeby und vor allem einen äußerst wertvollen Ring. Dieser Ring ist es auch, mit dem der Fluch Einzug hält und um den sich der erste Teil der Trilogie dreht. Es war nämlich Bengts Wunsch, mit seinem Ring zusammen begraben zu werden; diesem Wunsch wird nach seinem Tod auch entsprochen. Die Versuchung, den Ring nachträglich zu entwenden ist allerdings sehr groß - nicht so sehr für die Familie Löwensköld selbst, sondern mehr für die Bewohner der Bauernhöfe und des Dorfes in der Nähe des Grabes. Schließlich weiß jeder um den Wert des Rings.
Schließlich kann sich einer der Bauern nicht mehr zurückhalten und nimmt den Ring an sich. Ab diesem Moment ist er vom Pech verfolgt - sein Bauernhof brennt ab, seine Frau stirbt und er selbst wird nicht mehr froh. Und jeder, der den Ring nach ihm erhält, ob wissentlich oder unwissentlich, steht unter einer großen Pechsträhne.

Der zweite und der dritte Teil handelt hauptsächlich von der verworrenen und durch viele Missverständnisse und Intrigen immer wieder zerstörte Beziehung zwischen Charlotte Löwensköld und ihrem Verlobten Karl-Artur Ekenstedt.

Meine Meinung
Es steht ja auf meiner To-Read-Liste, von so vielen Nobelpreisträgern etwas zu lesen, wie ich kann. Was bedeutet, dass diese Gelegenheit hier wie gerufen kam, denn Selma Lagerlöff ist nicht nur die erste Frau, die überhaupt jemals einen Literaturnobelpreis erhalten hat, sondern sie ist außerdem die Schöpferin von Nils Holgersson. Da standen doch alle Sterne auf Kurs. 

Diese Trilogie ist eine Mischung aus Familiendrama, Gruselgeschichte und Liebeschaos. Im ersten Teil überwiegt dabei ganz klar das Geistermotiv, das in den beiden übrigen Teilen keine ganz so große Rolle mehr einnimmt. Was sich aber beständig durchzieht ist das Konzept von Rache. Jemand fühlt sich ungerecht behandelt - und wird es eventuell sogar - und wünscht sich daher, dass denen, die Schuld daran tragen, ein mindestens ebenso großes Unrecht wiederfährt.

Im ersten Teil wird kurz und knapp die Basis für die beiden folgenden Bände geschaffen. Der Ring, der Fluch und die Stellung der Familie bilden die Grundlage für das, was ein paar Generationen später weiter geschieht. Dabei verändern sich sowohl der Schreibstil als auch der Umfang der Geschichten deutlich. Der erste Band umfasst runde 100 Seiten und ist in einer sehr knappen und distanzierten Sprache gehalten, während bei den beiden anschließenden Teilen eine fast schon verschnörkelte und blumige Sprache vorherrscht, die vor allem zur Figur von Charlotte passt. Dadurch, und durch die detailreichere Ausarbeitung der Charaktere und Handlungen sind diese Teile auch deutlich länger.

Um etwas zu den Figuren zu schreiben, ohne irgendetwas der Handlung zu spoilern, ist ziemlich schwierig. Charlotte, die die Hauptfigur und Titelgeberin des zweiten Bandes ist, kam mir am Anfang ziemlich berechnend und manipulativ vor. Im Grunde ist sie das auch, allerdings wird sie moralisch so gefestigt entwickelt, dass sie eher ihr persönliches Glück zurückstellt und alles so in die Wege leitet, wie es für die anderen am besten erscheint. Unter anderem dadurch durchlebt sie eine der größten Tragödien, die eine junge Frau zu der Zeit (und heute auch) ereilen konnte: sie wird von ihrem Verlobten mehr oder weniger sitzen gelassen. Dennoch schafft sie es, nicht in Kummer zu versinken und ist insgesamt eine Figur, der ich gerne gefolgt bin. Tatsächlich waren die Handlungsstränge, in denen Charlotte eine tragende Rolle inne hatte, meine liebsten. Und außerdem finde ich, dass es ein absolutes Glück war, nicht mit Karl-Artur verheiratet zu werden, denn dieser ist mit Abstand die unangenehmste Figur der ganzen Geschichte. So wird er zwar nicht von Beginn an konzipiert, aber ich bin mit ihm nie richtig warm geworden. Im ditten Teil kommt sein unempathisches Wesen, sein völliger Egozentrismus und vor allem seine Doppelmoral - Armut predigen, aber in relativem Reichtum leben - richtig deutlich zum Vorschein. 

Am Schluss schlägt die Geschichte noch einmal einen Bogen zurück zum ersten Teil und verbindet alle offenen Enden der Handlung miteinander. Das hat dem ganzen ein rundes Ende gegeben und alle Höhen und Tiefen zu einem Abschluss geführt.
Insgesamt habe ich relativ lange gebraucht, um mit dem Buch durchzukommen, weil die Handlung zeitweise ihre Längen hatte und sich in mehr oder weniger unnötigen Detailbeschreibungen verliert. Diese sind hin und wieder zwar sehr interessant - vor allem die allgegenwärtige Präsenz von Religion fand ich extrem interessant, gerade was die Bräuche und Rituale angeht - aber oftmals für die Handlung irrelevant. Daher gibt es solide 3 Wölkchen von mir.



Mein herzlicher Dank für dieses Rezensionsexemplar geht an den Verlag Urachhaus!

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