24.05.2015

[Rezi] Haruki Murakami - Mister Aufziehvogel

Erscheinungsjahr: 1997
Originaltitel: Nejimaki-dori Kuronikuru
Genre: Roman
Seitenzahl: 764



Teaser:
Und ist es für einen Menschen überhaupt möglich, einen anderen vollkommen zu verstehen?
Wir können unendlich viel Zeit und Energie in den ernsthaften Versuch investieren, einen anderen Menschen kennenzulernen, abere wie weit können wir uns dessem innerstem Wesen, dessen Essenz, letzten Endes nähern?


Handlung
Auf der Suche nach sich selbst hat Toru Okada seine relativ gute Arbeitsstellung in einer Anwaltskanzlei in Tokio verlassen und versucht nun, die Welt zu verstehen, um seiner Existenz einen Sinn zu geben. Ermöglicht wird ihm das durch seine Frau Kumiko, die die beiden einstweilen mit ihrem Job durchbringen kann - nicht einmal ihr Haus müssen sie verkaufen, auch wenn natürlich einige finanzielle Einschränkungen nötig sind. Toru übernimmt den Haushalt und ist nun ansonsten eher ein Beobachter des Alltagsflusses, dem er vor Kurzem noch selbst angehörte.
Dabei lernt er verschiedenste Persönlichkeiten kennen, die alle ihre eigene Geschichte mitbringen und auf irgendeine Art und Weise in einer übergeordneten Ebene alle mit ihm und miteinander verbunden zu sein scheinen. 

Meine Meinung
Wer Murakami kennt, weiß, dass seine Geschichten oftmals surreal, im klassischen Sinne phantastisch und meistens auch von einer gewissen Melancholie durchsetzt sind. Aber weil sie dennoch Interpretationsansätze anbieten und die Texte den Eindruck erwecken, trotz aller Meta-Ebenen verstanden werden zu wollen, lese ich seine Bücher so gerne. Und dazu gehört definitiv auch dieses Buch hier.

Alleine schon der Titel lässt sich aus so vielen verschiedenen Perspektiven auf die Geschichte - oder besser: die Geschichten - beziehen. Am dominantesten war für mich dabei aber, ihn im direkten Zusammenhang mit Toru selbst zu lesen; Mister Aufziehvogel wird schließlich auch zu seinem Spitznamen. Dieser Name ist auch sehr passend für einen Menschen, der mehr oder weniger aus der Maschinerie des Alltags ausgestiegen ist und erst einmal kein Zahnrad in diesem Uhrwerk der Gesellschaft mehr sein kann. Und zwar so lange, bis er herausgefunden hat, was alles zusammen hält. Denn letztlich geht es auch in diesem Roman um die berühmte Frage nach dem Sinn hinter all dem Leben, nach der Frage, die schon Goethes Faust nicht zu beantworten in der Lage war.

Dafür werden sehr viele Charaktere eingeführt, die alle gemeinsam haben, dass sie Toru ihre Geschichte erzählen und dadurch auch für den Leser plastischer werden. Da wäre zum Beispiel die kleine May, die von ihren reichen Eltern mehr oder weniger ignoriert wird und nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Also geht sie nicht mehr in die Schule, sondern sonnt sich im Garten. Und wenn ihr ganz langweilig ist, arbeitet sie für eine Perückenfirma in der Stadt. Toru lernt May kennen, als er auf der Suche nach seinem und Kumikos vermissten Kater ist. Mit diesem Kater überhaupt scheint die gesamte Geschichte zu beginnen - zumindest aber ist er der Anstoß für die skurrilen Geschehnisse, die in Torus Leben nun passieren und ihn zum Grunde seines Bewusstseins führen.

So facettenreich das Buch ist, so schwierig ist es auch, eine angemessene Rezi darüber zu schreiben. Durch die unheimlich vielen Personen, die eingeführt werden und die alle ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Arten, die Welt zu deuten, mitbringen, gibt es viele Themenkomplexe, die angeschnitten werden. Im Fokus steht dabei sicher die Beziehung eines Individuums zu seinem Körper und die Frage, ob sich das Bewusstsein vom Körper lösen und an eine anderen Stelle etwas "tun" kann. Es geht darum, dass die Wahrheit nicht immer in der Wirklichkeit greifbar ist und das, was wir die Wirklichkeit erscheint, nicht immer die Wahrheit enthält.

Neben all diesem etwas abgehoben (im positiven Sinn!) klingenden Inhalt muss ich sagen, dass der Schreibstil für die Thematik untypisch geradlinig, wenig verschnörkelt und sehr klar ist. Also kein esoterisches Gequatsche. Gerade das ist an manchen Stellen etwas unangenehm; wenn zum Beispiel von verschiedenen Foltermethoden im Krieg die Rede ist und eben diese sehr exakt und neutral beschrieben werden. Das ist nichts für schwache Nerven; aber diese Passagen machen nur einen geringen Teil des Buches aus. Ansonsten schwingt immer eine gewisse melancholische Grundstimmung mit, was mich dazu brachte, relativ lange für das Buch zu brauchen. Denn man muss sich darauf einlassen können, finde ich, damit sich die Wirkung des Textes entfalten kann.

Abgesehen von der Handlung an sich fand ich auch die geschichtlichen Details zur Vergangenheit Japans und zu seiner Rolle im zweiten Weltkrieg sehr interessant. Mehr als die Umstände zu den Atombomben kannte ich davor nämlich nicht und habe deshalb die Informationen über die Verhältnisse zu Russland, den USA und China begierig aufgesogen.

Für mich ist es also kein Buch, das ich locker weggelesen habe, sondern das mich lange beschäftigt hat und wahrscheinlich auch noch ein bisschen beschäftigen wird. Es ist sehr vielschichtig, was auf der einen Seite spannend und auf der anderen Seite eventuell überfordernd ist, weil man die Masse an Informationen zu den einzelnen Personen nicht vollkommen aufnehmen kann. Dennoch oder gerade deshalb gibt es von mir 4 Wölkchen dafür.


Kommentare:

  1. Du liest derzeit mehr von Murakami oder?
    Ich persönlich hab noch nie etwas von ihm gelesen, aber in letzter Zeit fällt mein Blick doch mal auf die Bücher, wenn ich durch den Buchladen gehe. Und so wie das in deinen rüberkommt, ist es auf jeden Fall einen Versuch wert ;)
    ♥ Ley

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    1. Irgendwie lese ich den immer gerne, wenn ich ne Abschlussarbeit schreiben muss - vielleicht, weil ich dann schon so drin bin im komplexen Denken, dass sogar Murakami Entspannung bedeutet :D
      Ich kann ihn auf jeden Fall empfehlen, würde zum Einstieg aber vielleicht nicht mit den großen Klopfern auflaufen, sondern sowas wie "Kafka am Strand" nehmen :)

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