12.06.2015

[Gerede] Ist die Schule lebensnah genug?

Die Frage, die der Titel hier stellt, ist gerade auch sonst in aller Munde. Spätestens seit diesem berühmten Tweet einer offensichtlich unzufriedenen Schülerin, die ihre persönliche Inkompetenz zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu machen versucht, scheint jeder eine mehr oder weniger reflektierte Meinung zu diesem Thema zu haben und auch in der Politik wird gerade heiß diskutiert.
Und tatsächlich steht man in der Welt und wundert sich, was es bringt, ein Integral berechnen zu können, aber nicht zu wissen, wie eine Steuererklärung gemacht wird. Würde Unterricht darüber, wie man Bausparverträge und Versicherungen abschließt nicht mehr für das Leben bringen, als Gedichtanalysen und Medizinballwerfen?

Auf den ersten Blick könnte man das sicher denken. Schließlich werden Rechnungen selten in Sonett-Form verschickt. Sich in der turbulenten Welt der Erwachsenen zurechtzufinden verlangt nicht nach Kenntnissen in Kunst und Geschichte, sondern nach Hilfestellungen im Paragraphendschungel. Die Welt von heute ist rasant, chaotisch und kompliziert. Wo schon die Eltern den Überblick verlieren, wie soll da ein in dieser nutzlosen Schule ausgebildeter junger Mensch die Orientierung behalten? Seine Ausbildung hat ihn schließlich in kaum einer Weise auf ein Leben außerhalb der Lehranstalt vorbereitet, sondern bestenfalls sein Gehirn nicht gänzlich mit unbrauchbaren Informationen belastet und noch ein bisschen Raum für das wirklich wichtige Wissen gelassen. Wie man Vorstellungsgespräche führt, zum Beispiel.

Der Wert von Wissen, das nicht direkt praktisch anwendbar ist, scheint im aktuellen Diskurs - selbst in der Politik - immer weiter zu sinken. Und das ist ziemlich tragisch - bewegen wir uns so doch langsam aber sicher wieder auf vor-aufklärerische Zeiten zu. Der Mensch will unmündig bleiben und geführt werden, so haben Kants Gegner schon argumentiert. Und manchmal denke ich, dass sie die breite Masse betreffend gar nicht so Unrecht hatten.
Aber lassen wir die pessimistische Dramatik mal beiseite und denken ein bisschen weiter als bis zum nächsten Zinssatz. Man stelle sich einmal die Frage, was überhaupt die Aufgabe einer Schule ist. Vom alteingesessenen deutschen Schulsystem ausgehend (von dem man generell ja halten kann, was man will) beziehe ich mich jetzt ausschließlich auf das Gymnasium, dem oben erwähnte Schülerin offensichtlich auch angehört. Diese Einrichtungen sollen geistiges Wissen vermitteln, um den Abgängern den Zugang zu höherer - im Sinn von weiterer - Bildung zu ermöglichen. Die Universitäten müssen seit G8 ohnehin schon viele Versäumnisse in dieser Richtung auffangen und erstmal in anstrengenden Vorkursen ein Vorwissen schaffen, das eigentlich in der Schule vermittelt werden sollte. Würde jetzt noch mehr wegfallen, könnte man gleich zwei Grundlagensemester einführen.
Gut, könnte man sagen, das hilft im akuten Leben nunmal trotzdem alles nur bedingt weiter. Wenn aber schon praktisches Wissen gefordert wird, warum beschwert sich dann niemand darüber, dass es keinen Unterricht im Nähen oder Kochen mehr gibt? Sind das nicht genauso Kompetenzen, die im "wahren" Leben gebraucht werden, wie Kenntnisse im Versicherungswirrwarr? Das Verlangen nach letzterem ist Symptom einer tiefliegenden Sehnsucht nach Durchblick in einer immer intransparenter werdenden Welt und einer Grundhaltung, die alle Selbstverantwortung von sich weist. Muss die Schule diese Verantwortung übernehmen und die Sehnsucht stillen? Nein. Die Schule muss die Hilfsmittel dazu an die Hand geben, damit die Leute selbstständig solche Aufgaben lösen können. Durch Verortung in geschichtliche Zusammenhänge und gesellschaftliche Diskurse kann und soll eine individuelle Persönlichkeit gebildet werden, die zu abstraktem Denken und Problemlösung in der Lage ist. Nur, weil etwas auf den ersten Blick als weniger praktisch erscheint, ist es noch lange nicht wertlos.

Ich spreche hier nicht als Lehrerin, nicht als Schülerin und nichtmals als Mutter eines schulpflichtigen Kindes. Es gibt also wenig, was für meine aktuelle Lebenssituation irrelevanter wäre, als potentielle Veränderungen des Lehrplans. Aber ich kann Gedichte interpretieren. Und die dadurch geschulte Fähigkeit des Textverständnisses und der semantischen Entschlüsselung von Worten hilft mir mit ein bisschen Hirnschmalz auch bei dem Durchdringen von Verträgen.

Kommentare:

  1. Schüler, die solche Aussagen treffen wie die aus dem Tweet (die übrigens nicht mal von dem Mädchen selbst stammt, weil ich genau diesen "Aufreger-Witz" schon mehrmals gelesen habe ...), gehen mir so auf die Nerven. Aber man kritisiert halt andere, wenn man selbst Probleme hat, und sucht nicht die Ursachen bei sich selbst. Und das sage ich selbst, die als Schülerin auch gern, ausführlich und leidenschaftlich über Schule schimpft; ist ja schließlich kein Zuckerschlecken, und das hat auch keiner behauptet. Es ist eben anstrengend, weil man sich laufend lauter neue Dinge anlernen muss, und wenn man nicht versteht, WARUM man sich diese Dinge mit Tränen und Schweiß einschlagen muss, die man nach der Prüfung dann nieee wieder braucht (ich leugne es ja nicht, dass manche Themen weniger Sinn haben als andere - aber man braucht das eben alles für den Schulabschluss, das allein ist für mich eigentlich schon Grund genug, bis dahin durchzuhalten :D Dann kann man spezifischer mit einem Studium oder was weiß ich weitermachen, was einen interessiert. Aber stell dir vor, du bist geschaffen für ein Geografie-Studium und weißt nichts von deinem Talent, weil du vielleicht nie Geografie in der Schule hattest).
    Ja, wo war ich ... Na jedenfalls: Es IST halt so, dass das Gymnasium auf "Allgemeinwissen" aufbaut (allein schon deshalb kann man nicht nur die Dinge unterrichten die man später "braucht") und ich finde, dass man zumindest bei uns in Österreich mit dem Gymnasium am besten auf ein Studium vorbereitet ist. Dementsprechend wenig kann man auch mit diesem Abschluss anfangen, wenn man NICHT studieren will. Ich denke mir immer, wer nimmt den bitte einen ledigen Maturanten, wenn er einen gleich jungen Menschen mit Ausbildung/Vorbereitung haben kann. Bei uns gibt es nach der 4. Klasse Gymnasium oder Hauptschule nämlich ziemlich viele verschiedene Schularten: HAK (Handelsakademie, die sehr auf den Beruf vorbereitet), HTL (technische Lehranstalt, können zB gleich nach der Matura arbeiten gehen und sind auch sehr gefragt und gut bezahlt), HLT (Hotel-Gastronomie-irgendwas), HLW ("Knödelakademie" mit Kochen etc.) ... Also wenn jemand bei uns im Gymnasium meckert, dann hat er sich die falsche Schule ausgesucht oder ist verdammt nochmal einfach faul, meine Güte. Finde ich. ^^
    Ich lese solche Beiträge von dir sehr gerne :)

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    1. Dieser Witz ist wahrscheinlich so alt wie die Schule selbst; sie hatte nur das "Glück", ihn gerade im richtigen Moment zu wiederholen und damit viral zu gehen. Ich habe mich früher auch unglaublich oft über die Schule aufgeregt und finde das auch heute noch berechtigt. Es gibt viel Verbesserungspotential auch was die Lehrpläne angeht, und man darf ja auch gerne mal Dampf ablassen. Aber wenn man es öffentlich tut, dann doch bitte ein bisschen reflektierter :D

      Euer Schulsystem klingt da aber für meine Ohren ein bisschen logischer. Bei uns ist halt das Problem, dass man sich im Grunde schon mit 10/11 Jahren für eine Schulform entscheiden muss - und wer weiß da schon, ob er studieren oder eine Ausbildung machen will? Deshalb sicherheitshalber immer aufs Gymnasium, wenn es geht, um sich alles offen zu halten. War bei mir nicht anders.
      Die Knödelakademie!!! :D :D :D Haha :D

      Danke schön :)

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  2. Warum wundert es mich nur nicht, dass du, die du Literaturwissenschaft studiert hast, ein Problem mit diesem Tweet hast :D?

    "Persönliche Inkompetenz" :D, du gehst aber hart mit ihr ins Gericht. Ich kann auch keine Steuererklärung machen und finde mich deshalb nicht inkompetent.

    Vorstellungsgespräche führen haben wir übrigens tatsächlich in der Schule gelernt, sogar auf Französisch ;).
    Nicht alles, was ich in der Schule gelernt habe, war total sinnlos. Ich habe auch gerade rausgefunden, dass ich für mein Wunschstudium wohl tatsächlich meine Mathekenntnisse teilweise noch brauchen werde ^^.

    Also ich finde nicht, dass man unmündig ist, nur weil man Gedichtanalysen nicht für so unglaublich sinnvoll hält.
    Mir ist klar, dass das Abitur eine allgemeine Hochschulreife ist, also die Basis bildet, mit der man dann alle Studienfächer studieren können sollte - dazu zählen natürlich auch Gedichtanalysen, Integrale, etc. Was davon man später nicht mehr brauchen wird, kann die Schule ja nicht wissen.
    Ich finde aber auch, dass besagte Schülerin nicht ganz unrecht damit hat, dass es auch Dinge gibt, auf die die Schule leider nicht ausreichend vorbereitet. Viele Dinge. Wobei da bei den meisten vermutlich die Eltern nachhelfen können.

    Ich finde ja auch, dass man Kochen, Werken oder Handarbeit auch in der Schule lernen sollte, kann man auch alles gebrauchen :).

    Also um solche Dinge selbständig herauszufinden, brauche ich aber immer noch keine Gedichtanalysen, eher Google :D. Und am Ende frage ich dann doch meine Eltern.
    Aber ich verstehe, was du sagen willst. Die Schule ist nunmal auch nicht für alles verantwortlich, was ein junger Erwachsener können und wissen muss und sie vermittelt viele wichtige Kompetenzen. Ohne die Schule könnte ich erstmal gar keine Texte schreiben, keine Blogeinträge und auch keine formellen Briefe (Bewerbungen zum Beispiel). Ich könnte kein Englisch, könnte nicht mal eins und eins zusammenrechnen. Ich hätte nie gelernt zu lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten, mir Arbeitszeit selbst einzuteilen, ...

    Du schreibst übrigens wirklich toll, sehr eloquent ;).

    Liebe Grüße,
    Charlie

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    1. Haha, ja, vielleicht verteidige ich hier gerade indirekt mein Baby :D
      Aber der Post ist natürlich absichtlich sehr ungnädig und kompromisslos geschrieben. Erstens war ich nach einer vorangegangenen Diskussion ein bisschen geladen und zweitens macht das den Standpunkt deutlicher.
      Inkompetent auf dem Gebiet der Steuererklärung. Das ist ja nicht schlimm; bin ich auch. Aber ich gebe nicht der Schule die Schuld daran.

      Man kann solche Lerninhalte theoretisch ja auch ziemlich gut in verschiedenen Fächern in den Unterricht integrieren. Aber sind wir mal ehrlich: wenn mir jemand das Versicherungswesen erklärt hätte, als ich 15, 16 Jaher alt war, hätte mir das auch nicht geholfen :D

      Es geht ja nicht um die Gedichtanalyse, sondern generell um Wissen, das keinen direkten praktischen Zweck erfüllt. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Wenn wir das alles streichen (und dazu gehören fast alle Gesellschaftswissenschaften), wäre das sehr dramatisch, weil das schließlich die Grundlagen für das gesellschaftliche Zusammenleben sind.

      Aber ich verstehe natürlich auch deinen Punkt. Schließlich habe ich auch sehr viel lernen müssen, was ich jetzt nie wieder brauchen werde. Aber am Ende hat man doch von vielem mal gehört und kann es kontextualisieren. Das ist auch was wert! :D

      Lieben Dank - dann hat sich das Studium ja gelohnt xD

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  3. Ich mag deine Gedanken zu dem Thema und erst recht finde ich es mal schön, von jemandem unbeteiligten zu hören. Ich bin wohl im selben Sinne wie du sehr unbeteiligt.
    Habe auch das Gymnasium besucht, mich oft geärgert, was man für einen (zum damaligen Zeitpunk in meinen Augen) "Scheiß" lernen muss und irgendwie oft rumgegrummelt. Zu gegeben, ich glaube es gäbe sicherlich einige Dinge, die durchaus sinnvoll wären (in meinen Augen). Zum Beispiel stört es mich, dass ich nie das 10-Finger-System gelernt habe, wohingegen Freude, die die Realschule besucht haben so etwas im normalen Lehrplan hatten. Und vermutlich lässt sich auch darüber streiten in wie weit Gedichtinterpretation und Integral-Rechnung zum Alltag beiträgt. Aber ich sehe das eigentlich wie du - Gedichtinterpretation soll ja auch das Textverständnis fördern und unterstützen und ebenso sollen dich die oberen Klassen vor dem Abitur, darauf vorbereiten im Studium eben nicht 100 Vor- und Aufbaukurse zu belegen. Denn was bringt das auch, wenn Schul- und Studienzeit einerseits verkürzt werden soll aber gleichzeitig eine Unmenge an Wissen vermittelt werden soll.
    Mittlerweile bin ich auch so weit, dass mich dieses Gekrähe wie in diesem Tweet eher nervt, weil ich mir denke, dass die Schule wie auch das Studium nicht immer hundertprozent jedes Alltagswissen vermitteln kann und soll, sondern viel mehr das eigenständige denken, studieren und arbeiten vermittelt. Nämlich, dass ich mich dann eben auch mal mit einem Thema wie Geldanlage, Verträge etc auseinander setze und selbst einarbeite. Ich meine... Soll uns die Schule alles vorkauen?`Irgendwann muss man nun mal erwachsen werden und nicht nur der Schule die Schuld zuweisen weil ich keine Lust habe mir einen Vertrag durchzulesen? Man wie ätzend ist das denn.
    Als ich nach dem Studium zu arbeiten angefangen habe, hat mich mein Chef nach einen halben Jahr zum Gespräch gebeten und gefragt wie es mir so geht. Habe ihm gesagt dass ich das Gefühl habe dass das Fachwissen, welches mir im STudium vermittelt wurde, eigentlich gar nichts gebracht habe, weil ich nun doch etwas ganz anderes tue und die ganze Zeit neue Dinge aus der Praxis dazu lernen. Er hat dann gesagt, dass es völlig ok ist, weil das bei ihm auch so war. Und ab dem Zeitpunkt war mir klar, dass es nicht schlimm ist und auch ok ist, neue Dinge in der Arbeitswelt zu lernen die eben nix mit dem Studium zu tun haben. Einfach, weil mir die Theorie im Studium geholfen hat, Zusammenhänge zu verstehen und einfach selbständig zu arbeiten und weiteres Wissen anzueignen.
    Und so ist es auch mit der Schule- wie soll denn in dieser "kurzen" Zeit vermittelt werden, wie man Komplexe Problemstellungen bearbeitet und gleichzeitig, dass ich T-Shirts nicht auf links tragen soll? Ärgernis in allen Ehren, aber irgendwann ist auch mal schluss und irgendwann ist auch einfach mal die Zeit erwachsen zu werden, sich mit Erwachsenen-Dingen auseinanderzusetzen usw. Und es spricht ja auch nix dagegen, in so einem Fall auch mal eine ältere Person um Hilfe zu bitten.

    (Für Tippfehler und Satzzeichen übernehme ich keine Haftung, das kam jetzt alles so aus mir raus während dem Tippen) :)

    Ich knuff dich, liebe Mel!

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    1. Genau, es soll ja auch nicht darum gehen, die Schule wie sie ist, bewahren zu wollen. Da liegt sicher einiges im Argen und Verbesserungspotentiale gibt es haufenweise. Was da alleine meine Kommolitonen, die Lehramt studieren, alles so erzählen - puh! :D

      Deine Geschichte mit dem Job und dem nicht anzuwendenen Fachwissen kenne ich auch von anderen Leuten - das ist also wohl eine Massenerscheinung. Und eigentlich auch logisch irgendwie, wenn man bedenkt, dass ja jedes Unternehmen alles immer auf sich anpassen muss. Aber man lernt halt doch, abstrakt zu denken. Das ist schließlich auch ein Lernprozess.

      Jedenfalls: wir sind genau einer Meinung! :D

      Ich knuff dich zurück ;D

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