29.07.2015

[Rezi] Umberto Eco - Das foucault'sche Pendel

Erscheinungsjahr: 2012 (Erstausgabe: 1988)
Originaltitel: Il pendolo di Foucault
Genre: Roman
Seitenzahl: 826



Teaser:
Ich glaube, ab einem bestimmten Punkt macht es keinen Unterschied mehr, ob man sich daran gewöhnt, so zu tun, als ob man glaubte, oder ob man sich daran gewöhnt, wirklich zu glauben.






Handlung
Die tiefgründigsten Gespräche und besten Bekanntschaften findet man in seiner Stammkneipe. Diese These findet sich für den jungen Casaubon, der gerade seine Dissertation über Geheimgesellschaften schreibt und beim Feierabendbier dem Verlagslektor Belbo begegnet. Dieser trinkt nicht nur gerne viel, sondern führt außerdem mit Vorliebe sokratische Gespräche, wobei er allerdings die logischen Fehlschlüsse seiner Disputpartner weniger belehrend aufdeckt als sich mehr ironisch darüber lustig macht, ohne dass dieser es bemerkt. Und gerade, wenn es  um Geheimgesellschaften geht, trifft er - vor allem in seiner Funktion im Verlagswesen - immer wieder auf die wildesten Verschwörungstheorien. Mit Casaubon verbindet ihn daher nicht nur dessen reflektierte wissenschaftliche Haltung, sondern auch ein bissiger, ironischer Humor.
Gemeinsam mit einem 3. Kollegen aus dem Verlag machen sie sich daran, anhand eines mysteriösen alten Dokumentes, eine neue Weltgeschichte zu schreiben. Darin verflochten sind viele Verschwörungen und Geheimnisse rund um die Geheimgesellschaften. Sie machen sich einen Spaß daraus, möglichst logisch erscheinende Zusammenhänge zwischen den Logen der Geheimbünde und geschichtlichen Entwicklungen zu ziehen, um einen 600 Jahre alten Plan der Templer zu erläutern, an dessen Ende das eine Geheimnis, das die Fügungen der Welt erklärt, aufgedeckt werden kann.
Es dauert eine geraume Zeit, bis ihnen klar wird, dass aus Spaß sehr schnell Ernst werden kann, dass es im Grunde nur ein einziges Geheimnis zu lüften gilt und dass dieses nach schweren Opfern verlangt.

Meine Meinung
Wochenlang schon freue ich mich darauf, endlich diese Rezi schreiben zu können. Denn schon nach dem ersten Drittel zeichnet sich die Genialität dieses Werkes ab. Es ist ein Feuerwerk! Ein Fest! Eine absolute Freude dieses Buch zu lesen!

Dass es mich trotzdem fast einen Monat gekostet hat, liegt zum Einen daran, dass es natürlich relativ dick ist und zum anderen - der Hauptgrund - ist es nicht gerade leichte Kost. Im Gegenteil muss man sich schon ziemlich konzentrieren, was gerade bei den konstruierten Geschichte über die Geheimbünde doch etwas ermüdend sein kann. Die Handlung zieht sich dadurch, dass über viele viele Seiten hinweg diese Spekualtionen über mögliche Zusammenhänge der Geheimbünde mit politischen Entwicklungen oder ähnlichem, doch sehr stark hin und entwickelt sich unglaublich langsam, sodass da ab und an ein kleines Spannungstief herrscht.Aber früher oder später wird man immer wieder erweckt von einer interessanten Sachinformation zur Zeitgeschichte der Entstehung des Romans, irgendwelchen historischen Gegebenheiten oder vor allem zur Esoterik. Und das ist meistens virtuos gespickt mit einer Anspielung, einem Zitat oder irgendeiner anderen Art, einen bekannten literarischen Text aufzugreifen. Das zu lesen mach so viel Spaß! Von direkten Bezügen zu mittelalterlichen Autoren und der Gralslegende, über die Romantiker, der Phantastik bis natürlich zur Bibel, ist alles in der einen oder anderen Form vertreten. Diese Texte rücken nicht nur die Handlungszusammenhänge, in denen sie in der Geschichte erwähnt werden, in ein bestimmtes Licht, sondern erhalten auch selbst eine neue Bedeutung, weil sie neue Perspektiven erhalten. Das hochgradig intertextuelle Verfahren macht dieses Buch gewissermaßen zu einer Art Metatext. der nicht umsonst ein Paradebeispiel für postmodernes Schreiben ist.

Vielleicht einmal noch ein bisschen konkreter zu den Figuren. Ich finde, die Hauptcharaktere sind unglaublich witzig angelegt, weil sie über diesen ironischen, aber gleichzeitig intelligenten Witz verfügen. Casaubon ist ein sehr reflektierter Charakter, der sich wie die meisten in diesem Roman in seine Sache aus eben diesem Grund ziemlich verrennt und von alleine nicht mehr herausfindet. Belbo selbst erhält sogar noch seine eigene Geschichte innerhalb der Geschichte, die erklärt, wo er herkommt und wieso er so handelt, wie er handelt.
Die Wortgewandtheit Ecos ist einfach beeindruckend. Das hohe Maß an Fremdworten und Zitaten in der Originalsprache machen grundlegende Kenntnisse in Englisch, Französisch und Latein zu seiner sehr nützlichen Voraussetzen. Auch, wenn es zumindest bei meiner Ausgabe, die einen hilfreichen Anhang besitzt, nicht zwingend nötig ist.

Das Ende, das sich auf den letzten 150 Seiten vergleichsweise plötzlich entwickelt, ist gleichermaßen tragisch wie angemessen. Es ist der perfekte Abschluss für ein wirklich wirklich wirklich geniales Buch. 5 rosa Wölkchen von mir!

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